Die "Ampel" als Signal zum Aufbruch Warum die neue Regierung eine große Chance für Deutschlands Industrie ist

Mit dem Amtsantritt der neuen Bundesregierung haben sich die Zukunftsaussichten der deutschen Industrie verbessert. Denn mit dem starken Fokus auf Dekarbonisierung und Digitalisierung setzt die "Ampel" Akzente in genau den beiden Bereichen, in denen die größten Chancen für die deutschen Unternehmen liegen.
Ein Gastbeitrag von Marcus Berret
Ampelstart: Kanzler Olaf Scholz (2. von links), FDP-Chef Christian Lindner (l.), Grünen-Chefs Annalena Baerbock und Robert Habeck (r.)

Ampelstart: Kanzler Olaf Scholz (2. von links), FDP-Chef Christian Lindner (l.), Grünen-Chefs Annalena Baerbock und Robert Habeck (r.)

Foto: FABRIZIO BENSCH / REUTERS

So paradox sich das angesichts der aktuell von Lieferengpässen und Lockdowns geprägten Situation anhören mag – aber für viele Unternehmen hat sich die Komplexität strategischer Fragen deutlich reduziert. Wo es vor Kurzem noch um eine Vielzahl verschiedener Trends ging, die gleichzeitig zu berücksichtigen waren, haben sich nun zwei dominante Treiber herausgebildet, die unternehmerisches Schaffen im nächsten Jahrzehnt beherrschen werden: die Bekämpfung des Klimawandels und die Digitalisierung sämtlicher Wirtschafts- und Lebensbereiche.

Klar ist: Dekarbonisierung stellt für viele Unternehmen eine fundamentale Herausforderung dar. In erster Linie ist konsequenter Klimaschutz jedoch eine riesige Chance für Europas und Deutschlands Unternehmen. Denn erstens hängt die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen davon ab, dass sie Lieferketten und Produktionsprozesse klimaneutral gestalten. Und zweitens ist die deutsche Industrie in einer ausgezeichneten Position, die für die weltweite Dekarbonisierung notwendige Technologie zu entwickeln und zu liefern. Der weltweite Umbau- und Investitionsbedarf ist gewaltig: Für Deutschland als "Ausrüster der Welt" sind das hervorragende Nachrichten.

Unseren Schätzungen zufolge wird der globale Green-Tech-Markt von 4,6 Billionen Euro im Jahr 2020 auf über neun Billionen Euro im Jahr 2030 wachsen.

Das gleiche gilt für die digitale Transformation. Hier waren viele deutsche Unternehmen in den letzten Jahren in einem "Dornröschenschlaf". Aber nicht zuletzt die Pandemie hat in den letzten Monaten vielen die Augen dafür geöffnet, dass Digitalisierung zum Kern moderner Geschäftsmodelle werden muss. Noch vor zwei Jahren war Deutschland und Europa im globalen Wettbewerb um digitale Lösungen nahezu hoffnungslos abgeschlagen. Aber es tut sich was. Nach Schätzungen von Atomico dürften 2021 gut 120 Milliarden USD Risikokapital in europäische Start-ups mit meist digitalen Geschäftsmodellen investiert werden – fast dreimal so viel wie noch 2020.

Wenn die deutsche Industrie die goldenen Chancen der digitalen Transformation und der Dekarbonisierung nutzen will, muss sie sich dem anspruchsvollsten Umbau in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte stellen. Im Fokus steht dabei die Stärkung der Innovationskraft, um etablierten und neuen Wettbewerbern erfolgreich begegnen zu können. Gleichzeitig müssen die Unternehmen ihre Geschäfts-Portfolios viel aktiver managen. Während einzelne Bereiche mit hohen Investitionen fit für die Zukunft gemacht werden, müssen andere gleichzeitig konsequent restrukturiert oder gar veräußert werden. Dies alles muss auf die langfristige Steigerung des Unternehmenswerts abzielen, nicht auf die kurzfristige Maximierung der Umsatzrendite. Zudem müssen sich die Unternehmen stärker öffnen – Kooperationen und Partnerschaften werden zukünftig eine viel größere Rolle spielen.

Es ist von überragender Bedeutung, dass sich die neue Bundesregierung als Treiber der anstehenden Transformation versteht. Gleichzeitig muss sie die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, damit die Transformation gelingen kann. Besonders hervorzuheben sind hier Investitionen in Zukunftstechnologien sowie die Schaffung zukunftsfähiger Kapitalmärkte.

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Das Ampelkabinett

Foto: Kay Nietfeld / dpa

In Sachen Innovationsförderung ist eine Fokussierung unserer Ressourcen auf die wichtigsten Technologien entscheidend – vor allem auf europäischer Ebene. Mit dem europäischen Förderprojekt (IPCEI) zur Mikroelektronik ist bereits ein erster, wichtiger Schritt getan. Weitere müssen folgen – und dürfen dabei nicht die Förderung neuer Ideen und junger Unternehmen vergessen.

Mit Blick auf die Kapitalmärkte ist es wichtig, dass die Bundesregierung die Eigenkapitalkultur stärkt. Fremdkapitalfinanzierung hat große Vorteile zum Beispiel bei der Bewahrung erfolgreicher Gesellschafter-Strukturen. Sie kann jedoch auch zu einer risikoaversen Innovationsstrategie führen. Sprich: Für disruptive Veränderungen und neue Geschäftsmodelle benötigen wir eine stärkere Eigenkapitalkultur in Deutschland. Mit der teilweisen Kapitaldeckung der gesetzlichen Rentenversicherung macht die neue Bundesregierung einen wichtigen Schritt in diese Richtung.

Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Problem bei der Priorisierung und Umsetzung. Genau da setzt die Ampelkoalition an. Und im Sinne von "jetzt oder nie" sollten die Unternehmen die veränderte politische Landschaft als historische Chance sehen, die großen Herausforderungen erfolgreich anzugehen. Eine weitere gute Nachricht ist, dass jeder Einzelne zu diesem Weg etwas beitragen kann. Wir alle dürfen unsere Kräfte nicht mehr auf die Verteidigung des bequemen "Status quo" konzentrieren, sondern müssen den Mut zum unternehmerischen Risiko stärken.

Marcus Berret ist seit Anfang 2020 Global Managing Director bei Roland Berger. Gemeinsam mit zwei weiteren Kollegen verantwortet er das weltweite Geschäft der Unternehmensberatung. Der studierte Ökonom besitzt mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Consultingbranche und berät vor allem Klienten aus der Automobilindustrie.