Plastikmüll Warum deutsche Recyclingunternehmen in Sorge sind

Wohin mit dem vielen Plastikmüll? Recycling gilt als wichtiger Faktor für den Umweltschutz – doch Pläne der EU versetzen die Branche der Wiederverwerter in Aufregung: Brüssel will den energieintensiven Firmen Gelder streichen.
Mülltonnen in Berlin: Welcher Umgang mit Plastikmüll ist der richtige?

Mülltonnen in Berlin: Welcher Umgang mit Plastikmüll ist der richtige?

Foto: Jens Kalaene/ dpa

Die deutsche Recyclingbranche ist in Sorge: Seit einigen Jahren bekommen viele der Unternehmen, die mit der Wiederverwertung von Altplastik nicht zuletzt auch einen Beitrag zum Umweltschutz leisten wollen, bestimmte Klima-, Umwelt- und Energiebeihilfen vonseiten der EU. Doch die sollen nun wegfallen, ein entsprechendes Konsultationsverfahren zur Änderung der fraglichen Leitlinien hat die EU-Kommission kürzlich in Gang gesetzt – mit Verweis auf den "Green Deal" der EU, der effizienter umgesetzt werden solle.

"Wenn den Kunststoffrecyclingunternehmen die EEG-Beihilfen gestrichen werden, ist das gleichbedeutend mit einer erheblichen Schwächung der Kreislaufwirtschaft in diesem Bereich", sagt dazu Eric Rehbock, Hauptgeschäftsführer des Fachverbandes Kunststoffrecycling (bvse). "Damit arbeitet die EU-Kommission gegen die eigene europäische Plastikstrategie." Diese Strategie sehe eigentlich vor, dass die Grundlagen für eine neue Kunststoffwirtschaft geschaffen werden, in der bei Design und Herstellung von Produkten den Erfordernissen in Bezug auf Wiederverwendung, Reparatur und Recycling in vollem Umfang Rechnung getragen werde, so Rehbock. "Wie dies mit einer Schwächung der Kunststoffrecyclingunternehmen zusammenpassen soll, ist rätselhaft."

Hintergrund: Die Recyclingunternehmen betonen den erheblichen Aufwand, den ihr Geschäft mit sich bringt, und der zu hohen Kosten führe. So müssen die Recycler den Plastikabfall zunächst sammeln, reinigen und sortieren. Dabei entsteht bereits viel Ausschuss, weil manches aufgrund mangelnder Qualität oder auch unpassender Farben nicht verwendet werden kann. Die mechanische oder thermische Verwandlung der Plastikreste in einen Grundstoff, der zu neuen Produkten verarbeitet werden kann, ist dann sehr energieaufwendig. Viele der vor allem mittelständischen Unternehmen im Verband bvse etwa kommen im Schnitt auf eine Stromrechnung von rund 800.000 Euro im Jahr, so ein Sprecher des Verbandes.

Recyceltes Plastik mitunter teurer als neues

Ein Problem ergibt sich dabei auch aus der Konkurrenz des wiederaufbereiteten Plastiks – des sogenannten Rezyklats – mit neuem Plastik, wobei die Preisentwicklung auf beiden Seiten eine erhebliche Rolle spielt. Da Öl der wichtigste Rohstoff bei der Plastikproduktion ist, schwankt dessen Preis zum Teil sehr stark, je nachdem, wohin der Ölpreis gerade tendiert. So war der Preis für neues Plastik ungefähr zur Jahreswende 2020/2021 so stark gesunken, dass es sogar günstiger als recyceltes Plastik war.

Inzwischen ist der Ölpreis wieder angestiegen. Zudem leidet auch die Plastikbranche wie viele andere Teile der Weltwirtschaft gegenwärtig unter Lieferproblemen, die die Preise treiben. Folge: Die Verhältnisse haben sich erneut gedreht, Rezyklate sind derzeit günstiger als neues Plastik.

Für viele Plastik verarbeitende Betriebe ist das ein entscheidender Zusammenhang. Neues Plastik kann zwar nicht in jedem Herstellungsbereich und bei jedem Produkt eins zu eins durch Rezyklate ersetzt werden. Vielfach ist das aber möglich, und dann heißt es oft: Gekauft wird, was günstiger ist.

Brüssel bevorzugt chemische Aufbereitung

Was in der Recyclingbranche zusätzlich für Aufregung sorgt, ist der Plan der EU, anstelle der Wiederaufbereitung künftig die sogenannte chemische Behandlung von Kunststoffabfällen zu fördern, durch die altes Plastik ebenfalls in die Wertschöpfungskette zurückgeführt werden soll. "Die chemische Aufbereitung von Kunststoffabfällen ist eigentlich ein alter Hut in der Branche, der immer mal wieder gezogen wird", sagt Dirk Textor, Vorsitzender des bvse. "Momentan wird sie unter dem Label des chemischen Recyclings gehypt."

Aktuell erfolgt das Recycling von Kunststoffen überwiegend mittels mechanischer oder thermischer Verfahren. Bei diesem auch "werkstoffliches Recycling" genannten Vorgehen werden die Kunststoffabfälle nach ihrer Art sortiert, gewaschen, geschmolzen und zu eben jenen Recyklaten verarbeitet, die als Ausgangsstoff für neue Produkte dienen und daher neue Kunststoffe ersetzen können.

Die chemische Struktur der Kunststoffe bleibt beim mechanischen Recycling erhalten – anders als beim chemischen Recycling, an dem bereits seit vielen Jahren geforscht wird, das es aber bislang noch nicht zum Durchbruch gebracht hat. Ein Problem dabei ist der ebenfalls hohe Energieaufwand, den dieses Verfahren mit sich bringt. Es gibt zwar immer mehr Pilotprojekte für die chemische Behandlung von Kunststoffabfällen. Im industriellen Maßstab wird es bislang aber nicht betrieben. Das könnte sich durch mögliche EU-Hilfen zwar ändern.

Umweltschützer bevorzugen ohnehin eine andere Lösung des Problems mit Plastikabfall: die komplette Vermeidung. Es sei wesentlich sinnvoller auf Abfallvermeidung und auf ökologisches Produktdesign zu setzen, schreibt beispielsweise der Naturschutzbund Nabu auf seiner Website. So sollten Schadstoffe schon bei der Herstellung reduziert werden. Zudem sei ein recyclingfreundliches Design erforderlich. So könnte man sich in der Entsorgungsphase hochkomplexe, energieintensive und aufwendige Behandlungsverfahren ersparen.

cr