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Überleben am Abgrund

Internet: Jetzt erwischt es auch die Technologielieferanten der New Economy. Computerbauer, Software-Programmierer und E-Business-Berater verzeichnen Ergebniseinbrüche. Die Hightech-Investitionen in den USA stagnieren. Wohin steuert die Netz-Wirtschaft?
aus manager magazin 2/2001

Im Goldrausch sind nicht die Goldgräber reich geworden, sondern ... Ach, Sie wissen schon, wie es weitergeht? Genau, nicht die Goldgräber, sondern jene, die den Goldgräbern die Schaufeln verkauft haben.

Hinter diesem beliebten New-Economy-Gleichnis steckt eine schlichte Logik: Wenn es den Online-Shops schlecht geht, weil sie zu viel Geld ausgeben - dann muss es folglich allen gut gehen, die eben jenen Unternehmen ihre Computernetzwerke und ihre Software verkaufen.

Doch leider verhält es sich mit diesem Satz wie mit vielen schlichten Weisheiten: Er stimmt nur begrenzt. Wenn die Goldgräber kein Geld mehr haben, kauft auch keiner Schaufeln.

Droht den USA eine IT-Rezession?

Prognosen deuten darauf hin, dass es in den USA 2001 bei Investitionen in die Informationstechnologie (IT) zu einem Wachstumseinbruch kommen wird. Nicht nur die klammen Dotcoms, auch die Unternehmen der alten Wirtschaft wollen sparen.

Fahren die US-Konzerne jetzt ihre E-Business-Investitionen zurück und drehen der Internet-Wirtschaft damit endgültig den Saft ab? Und droht in Deutschland womöglich eine ähnliche Entwicklung?

Die Folgen könnten verheerend sein. "The Coming Internet Depression" hat die Zeitschrift "Business Week" ein Negativszenario überschrieben, demzufolge ein Rückgang der IT-Investitionen im schlimmsten Fall die gesamte US-Wirtschaft in eine Rezession reißen würde: Weil die Unternehmen Hightech-Projekte aufschieben, wächst die Produktivität der amerikanischen Wirtschaft nicht mehr so rasch wie bisher. Dadurch steigt die Inflation, und die Notenbank sieht sich nicht mehr im Stande, den stotternden Konjunkturmotor durch niedrige Zinsen wieder auf Touren zu bringen. Game over.

Keine besonders wahrscheinliche Prognose. Aber immerhin eine, deren erster Teil sich jetzt zu bewahrheiten scheint. Kurz nachdem der deutsche Softwarehersteller Intershop vor einem Ergebniseinbruch in den USA gewarnt hatte, lieferte eine Studie der Investmentbank Merrill Lynch die passenden Zahlen zum Horrorszenario.

Eine Befragung von 70 IT-Direktoren in amerikanischen und europäischen Konzernen ergab: Im laufenden Jahr werden die Ausgaben für Informationstechnologie in den USA nur noch um 5 Prozent steigen - weniger als die Hälfte des Wachstums vom Vorjahr. Die meisten Hightech-Ausrüster haben mit weit höheren Umsatzzuwächsen kalkuliert. Weitere Ergebniswarnungen und Kursstürze an den Technologiebörsen scheinen programmiert.

"In den USA ist das Geschäft zur Zeit nicht einfach", sagt Peter Kabel, Chef des E-Business-Dienstleisters Kabel New Media, der knapp 5 Prozent seiner Umsätze in den Staaten erzielt. Die klamm gewordenen Internet-Händler bleiben als Kundschaft aus; und durch die vielen Dotcom-Pleiten hat sich der Konkurrenzdruck im Internet auch für die etablierten Konzerne vermindert. Kabel: "In den USA lässt es die Old Economy jetzt etwas gemütlicher angehen."

Also: Das Online-Geschäft entschleunigt sich. Alles Zeichen des unausweichlich nahenden Absturzes? Nein. Es sind nicht alle Bereiche der Informationstechnologie gleichermaßen von der plötzlichen Knickerigkeit der IT-Einkäufer betroffen. Sparen wollen die Unternehmen vor allem bei Großrechnern und bei Beratungshonoraren. E-Commerce steht der Merrill-Lynch-Umfrage zufolge weit oben auf der Prioritätenliste der IT-Direktoren.

Wer überlebt die rauen Zeiten?

"Wir verspüren in den USA keine konjunkturbedingte Kaufzurückhaltung", sagt Stefan Röver. Der Chef des deutschen Software-Herstellers Brokat ist ebenso wie Intershop mit ehrgeizigen Plänen auf dem US-Markt angetreten. Auch der deutsche Software-Konzern SAP sieht keine Anzeichen für einen Umsatzeinbruch. Doch seltsam, Intershop schafft es nicht, seine Software an die Amerikaner zu bringen.

Eine Erklärung: Der Crash der Technologiebörsen und die konjunkturelle Abkühlung haben in den USA nicht nur die Höhe der, sondern auch den Umgang mit den IT-Investitionen verändert.

Noch vor einem Jahr honorierte der Kapitalmarkt jedes Projekt, in dessen Beschreibung das Wort Internet vorkam. Das galt auch für die alte Wirtschaft. Allein die Ankündigung einer Internet-Aktivität ließ den Aktienkurs emporschnellen. Die steigenden Kurse rechtfertigten nahezu jede Investition in Internet-Technologie.

Die goldenen Zeiten sind vorbei. In den IT-Abteilungen der etablierten Unternehmen regiert wieder nüchterne Betriebswirtschaftslehre. Das bedeutet nicht selten vor allem dies: Kosten kürzen.

Ein Unternehmen wie Intershop baut jedoch Produkte für Märkte, die wachsen. Die Computerprogramme aus Jena helfen beim Aufbau von Online-Warenhäusern. Mit den Intershop-Produkten installieren die Manager einen neuen Vertriebskanal, mit dem sich zusätzliche Umsätze erzielen und neue Kundengruppen erschließen lassen. Die Kosten sinken deshalb noch lange nicht.

Da liegt Software wie die des US-Herstellers Ariba schon eher im Trend. Sie ermöglicht es Unternehmen, ihr Beschaffungswesen zu automatisieren. Vom Toilettenpapier bis zur Turbinenschaufel sollen die Mitarbeiter alles per Mausklick vom Schreibtisch aus ordern können, ohne Formularkrieg. Mit Ariba-Produkten erobern die Konzerne keine neuen Kunden und erhalten auch keinen Preis für visionäre Internet-Strategien. Aber sei's drum, Hauptsache, das Zeug hilft sparen.

"Wenn sich die Wirtschaft abkühlt, dann fangen die Vorstandschefs an zu fragen, was die einzelne Investition zum Ergebnis beiträgt", sagt Ralph Szygenda, IT-Chef bei General Motors.

Der Abschwung bei den IT-Investitionen trifft die Hightech-Branche, aber er trifft längst nicht alle gleich. Es gelten wieder die alten Regeln: Investitionen müssen sich rechnen, Einkaufsentscheidungen dauern ihre Zeit, und am liebesten geht der Kunde auf Nummer sicher.

IT-Unternehmen, die nach diesen Regeln spielen können, haben auch in den kommenden Jahren gute Karten. Für Unternehmen wie Intershop hingegen wird das US-Geschäft noch härter.

Abschwung auch in Europa?

Ist diese Entwicklung auch auf der anderen Seite des Atlantiks, in Europa zu spüren?

Zum Teil ja. "Die Konzerne lassen sich wieder Zeit mit ihren E-Business-Projekten", sagt Matthias Schrader vom Hamburger Internet-Berater SinnerSchrader. "Entscheidungen, die früher zwei Wochen dauerten, dauern heute zwei Monate." Gleichzeitig, so Schrader, steige aber die Investitionssumme pro Projekt. Es wird nicht mehr gekleckert, sondern geklotzt. Das Internet-Geschäft nähert sich immer stärker den Gepflogenheiten der klassischen IT-Branche an.

Auch in Europa wird E-Business langsamer. Von einer mit den USA vergleichbaren Zurückhaltung der großen Konzerne bei IT-Investitionen ist hier zu Lande jedoch nichts zu spüren.

Wie geht es weiter mit der New Economy?

Eine Umfrage der Investmentbank Morgan Stanley Dean Witter unter 400 europäischen Unternehmen ergab: Nur für 11 Prozent der Firmen hat das Thema E-Business an Wichtigkeit verloren, seit die Spekulationsblase an den Wachstumsmärkten geplatzt ist. Über 20 Prozent räumen dem Thema hingegen eine höhere Priorität ein.

Allerdings zeichnen sich auch in Europa Bereiche ab, in denen sich das IT-Wachstum abschwächt. Die Zahl der Unternehmen, die verstärkt in den Internet-Verkauf an Endkunden ("Business to Consumer") oder an andere Unternehmen ("Business to Business") investieren wollen, nimmt ab. Gefragt sind dagegen Softwarelösungen zur Kundenbindung ("Customer Relationship Management") oder zum Wareneinkauf ("E-Procurement").

Erst jetzt, nachdem der Neue Markt zu Boden gegangen ist, scheint den Traditionskonzernen das Thema E-Business so richtig Spaß zu machen. Endlich können sie im Internet nach den Regeln der alten Wirtschaft spielen: Alles darf wieder ein bisschen länger dauern.

Vorbei die Zeiten, in denen Geschwindigkeit die einzige Tugend des Internet-Geschäfts war. Noch vor einem Jahr redeten Wagniskapitalfinanzierer ihren Gründerteams ein, dass es vor allem darauf ankomme, möglichst rasch in möglichst vielen Ländern online zu gehen - wer weiß, wer nicht gerade an der gleichen Geschäftsidee bastelt. So entstanden Konstrukte wie der finanziell angeschlagene Online-Händler Letsbuyit.com: in 14 Ländern aktiv, in keinem profitabel. Als die ersten Börsengänge schief liefen, begannen die Wagniskapitalgeber hektisch die von ihnen favorisierten Geschäftsmodelle zu wechseln.

Auf Business to Consumer folgte Business to Business, folgte Mobile Commerce (Einkaufen per Handy), folgte Broadband (Fernsehen im Internet). Zuletzt wurden Schaufel-verkäufer wie Intershop favorisiert.

"Im Geschäft mit Risikokapital gibt es einen ausgeprägten Herdentrieb", sagt Kersten Pucks, Vorstand des Dotcom-Investors Venturepark in Berlin.

Allmählich kommt die neue Wirtschaft herunter von ihrem Speed-Trip. Eine ganze Branche muss sich daran gewöhnen, dass alles nicht immer schneller passiert - weder in den USA noch in Europa. Das ist ein Stück Rückkehr zur Normalität.

Christian Rickens

Inhalt

Report: Harte Zeiten für Hightech-Lieferanten - die Umsatzzahlen wachsen nicht mehr von al- lein. Welche Geschäftsmodelle jetzt noch Erfolg versprechen Seite 147

Rundruf: Wie beurteilen Protagonisten der Internet-Wirtschaft die aktuelle Lage? ab Seite 147

Glosse: Woran Angestellte merken, dass es mit ihrem Start-up zu Ende geht. Seite 152

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