Henrik Müller

Überflutungen, Dürre, Hitze Warum retten wir nicht einfach das Klima?

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Die jüngsten Wetterkatastrophen rücken die Erderwärmung ins Zentrum der Politik. Um wirklich wirksam zu sein, müsste sich eine Allianz der größten Verschmutzerländer bilden. Klingt unrealistisch? Ist es vielleicht gar nicht.
Von Regenfluten ausradiert: Zerstörungen wie aktuell im Dorf Schuld im Kreis Ahrweiler (Rheinland-Pfalz) sind auch eine Folge der dramatischen Klimaveränderungen

Von Regenfluten ausradiert: Zerstörungen wie aktuell im Dorf Schuld im Kreis Ahrweiler (Rheinland-Pfalz) sind auch eine Folge der dramatischen Klimaveränderungen

Foto: Boris Roessler / dpa

Wenn sich ab Donnerstag die Abgesandten der G20-Staaten in Neapel treffen, dann sitzen die Hauptverursacher des Klimawandels wieder mal beieinander. Eigentlich könnten sie einen Schlussstrich ziehen und den Ausstieg aus der Kohlenstoffwirtschaft beschließen. Bis hierher und nicht weiter. In den kommenden Jahrzehnten müssen die Emissionen sowieso auf Netto-Null runter. Nur "net zero", also nur noch soviel Klimagase in die Atmosphäre zu blasen wie die Erde absorbieren kann, eröffnet die Hoffnung darauf, dass sich die Erwärmung doch noch abbremsen lässt, sagen die Klimaforscher.

Wäre dies nicht ein günstiger Moment für einen globalen Klimadeal? Das Erschrecken über die jüngsten Wetterextreme jedenfalls ist noch frisch: extreme Hitze im amerikanischen Westen und am Polarkreis, nun Flutkatastrophen in Westdeutschland mit mehr als 100 Todesopfern, um nur die nächstliegenden Ereignisse zu nennen. Der Klimaschutz gehe viel zu langsam voran, immer stehe die Wirtschaft im Vordergrund, erregte sich Fernsehdoktor Eckart von Hirschhausen vorigen Donnerstag bei "Maybrit Illner", das "geht mir auf den Sack". Er dürfte vielen aus dem Herzen gesprochen haben.

Die Entrüstung ist groß, jedenfalls bei einem Teil der Bundesbürger. Mehrheiten jedoch sind alles andere als begeistert von der Idee, sich für den Klimaschutz einschränken zu müssen. Eine dieser Tage veröffentlichte Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach  zeigt, dass die meisten Befragten auf technologische Innovationen, auf den Schutz der Regenwälder, internationale Abkommen und striktere Regulierungen für die Industrie setzen. Ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen einzuführen mag ein aus Verantwortungsgefühl getriebener symbolischer Akt sein, der Respekt verdient. Das Weltklima jedoch wird davon nicht besser.

Es ist dieser Zwiespalt zwischen dem Wunsch nach verantwortungsbewusstem Handeln und der individuellen Ohnmacht vor dem planetaren Großproblem, der für Frust, Enttäuschung und Wut sorgt.

Zwischen aktueller Verantwortung und historischer Schuld

Wenn sich überhaupt etwas bewegen lässt, dann müssten die größten Verschmutzer an einem Strang ziehen. Zusammen stoßen die G20 rund 80 Prozent des gegenwärtig emittierten Kohlendioxids aus. Ihre gemeinsame historische Schuld ist noch etwas größer: Seit Beginn der Industrialisierung haben die 19 wichtigsten Staaten (plus EU) 85 Prozent der Abgase produziert, die sich in der Erdatmosphäre angesammelt haben.

Allerdings sind die Positionen der G20-Staaten ziemlich unterschiedlich. Die USA sind für 14,5 Prozent der aktuellen Emissionen verantwortlich, die EU für 8 Prozent. Aber wenn man den gesamten Ausstoß der vergangenen zwei Jahrhunderte zusammenrechnet, dann kommen die USA und die EU (inklusive Großbritannien) jeweils auf etwa ein Viertel. Chinas Position ist genau gegensätzlich: Heute ist die kapitalistische Volksrepublik die mit Abstand größte Emittentin (28 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes), aber wegen Chinas später Entwicklung gehen nur 13 Prozent des in der Atmosphäre angesammelten Kohlendioxids auf Pekings Konto.

Aus der Differenz zwischen aktueller Verantwortung und historischer Schuld könnte man ein Recht auf nachholende Verschmutzung konstruieren. Nationen, die später in ihrer Geschichte mit dem massenhaften Verbrennen von Kohle, Öl und Gas begonnen haben, müssten demnach ihre Budgets noch ausschöpfen dürfen. Aber das wäre schwierig. Wenn jedem Land der gleiche kumulierte Pro-Kopf-Ausstoß zustünde, dann wäre die Biosphäre wohl auf verlorenem Posten. Aktuell verursacht eine durchschnittliche Chinesin nur 40 Prozent des CO2-Ausstoßes eines US-Amerikaners, eine Inderin lediglich 11 Prozent. Weitere Milliarden von Menschen auf dem heutigen Emissionsniveau der USA könnte der Planet schwerlich tragen.

Wettpumpen der Petro-Staaten

Dazu kommen höchst unterschiedliche Interessenlagen. Russland beispielsweise hat seine Volkswirtschaft auf Öl und Gas gebaut. Eine schwindende globale Nachfrage nach fossilen Energieträgern würde das Modell der Kreml-Ökonomie komplett infrage stellen. Außerdem könnte das Land sogar vom Klimawandel profitieren: Das Auftauen des Nordpoleises eröffnet neue transkontinentale Schifffahrtsrouten. Sibirische Permafrostböden verwandeln sich in nutzbares Agrarland.

Die Golfstaaten können dank niedriger Förderkosten hoffen, auch bei sinkender Nachfrage und steigenden Klimaabgaben in den Verbraucherländern noch im Geschäft zu bleiben. Die Vereinigten Arabischen Emirate etwa haben ihre Förderkapazitäten ausgebaut und wollen deutlich mehr auf den Markt pumpen als bisher. Sogar die Drohung, aus dem Ölkartell Opec auszusteigen, steht im Raum.

Ein Konflikt, der zeigt, dass der Kampf gegen den Klimawandel den perversen Anreiz setzen kann, klimaschädliches Öl noch schneller und billiger an die Verbraucher zu bringen – um aus den Bodenschätzen noch Geld zu schlagen, solange es irgend geht. Denkbar, dass es zu einem Wettpumpen der Petro-Staaten kommt. Voriges Jahr gab es bereits einen Vorgeschmack darauf, als die G20-Mitglieder Saudi-Arabien und Russland sich einen Kampf um Marktanteile lieferten.

Zu wenig, zu spät?

Diese ungleichgewichtige Ausgangslage macht Verhandlungen so schwierig – und hat die G20 bislang daran gehindert, sich in Sachen Klimaschutz auf kühne gemeinsame Schritte zu verständigen. Die Ankündigungen genügen bestenfalls, um die weltweiten Emissionen bis zur Jahrhundertmitte zu stabilisieren und dann langsam sinken zu lassen, rechnen Forscher der Universität Oxford vor . Zu wenig, zu spät.

Um den mittleren Temperaturanstieg auf 2 Grad zu begrenzen, müssten die weltweiten Emissionen bis 2050 gegenüber heute mehr als halbiert werden. Die USA und die EU haben versprochen, bis dahin die Netto-Null zu erreichen. China hat angekündigt, bis 2060 nachzuziehen. Andere ärmere Länder wären womöglich noch später dran. Nachholende Verschmutzung, jedenfalls ein bisschen.

Allerdings ist derzeit viel in Bewegung. Die EU hat vorige Woche ihren »Green New Deal« konkretisiert und ein Programm mit dem kuriosen Titel "Fit for 55" (gemeint ist die Reduktion des Ausstoßes klimaschädlicher Gase bis 2030 um 55 Prozent gegenüber 1990) vorgestellt. Europa verfolgt damit einen neuen Ansatz: Der größte Binnenmarkt der Welt will seine eigene Klimapolitik exportieren. Das zentrale Instrument dafür ist eine CO2-Abgabe, die auf Importgüter erhoben wird, in deren Herkunftsländern kein entsprechendes Instrument angewandt wird.

Die regierenden Demokraten in den USA erwägen nun, ebenfalls solche Klimazölle einzuführen. Auch China, das Ende der abgelaufenen Woche ein Emissionshandelssystem nach EU-Vorbild gestartet hat, dürfte auf weitere Sicht nicht umhinkommen, derlei Grenzabgaben einzuführen. Idealerweise würden die drei Großemittenten USA, EU und China, zugleich die größten Handelsmächte der Welt, sich zusammentun und einen Klimaklub gründen, der eine enorme Sogwirkung auf andere Länder entwickeln könnte. Bislang mögen solche Überlegungen arg visionär klingen. Aber immerhin rückt ein Klimaakkord in den Bereich des Denkbaren – trotz zunehmender geopolitischer Spannungen auf anderen Gebieten.

Internationale Arbeitsteilung beim Klimaschutz

Würden Klimazölle hingegen zu Protektionismus führen und Handelskriege befeuern, wäre das tragisch. Denn der Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschafts- und Lebensweise wird umso leichter fallen, wenn er auf internationale Arbeitsteilung setzt. Sonnenreiche Petro-Staaten könnten in großem Stil mit Solarenergie grünen Wasserstoff produzieren und sich in Exporteure des klimaneutralen Ersatzsprits verwandeln. Vormalige Ölkonzerne könnten dort der Atmosphäre CO2 entziehen und in leergepumpten Öl- und Gasfeldern einlagern. Der Erhalt der Regenwälder in Brasilien oder im Kongobecken könnte zur globalen Aufgabe werden – und zur einträglichen Ertragsquelle der Staaten dort.

Soweit sind wir längst noch nicht. Aber immerhin: Seit 1990 sind die CO2-Emissionen Deutschlands pro Kopf um ein Drittel gefallen. In den USA, wo es bislang nicht mal eine stringente nationale Klimapolitik gibt, beträgt der Rückgang zehn Prozent (bezogen auf den Konsum) und 20 Prozent (bezogen auf die Produktion). In China ist der Ausstoß im gleichen Zeitraum um den Faktor 2,5 gestiegen. Allerdings sind auch dort die Emissionen im vergangenen Jahrzehnt annähernd konstant geblieben.

Natürlich, all das genügt bei Weitem nicht. Doch die Entwicklung zeigt, wie kontinuierlicher technischer Fortschritt und der grenzüberschreitende Austausch von Wissen und Ideen allmählich die Energie- und Klimaintensität der Wirtschaft senken kann. Nun geht es darum, diesen Trend zu beschleunigen.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

Luxemburg – BIP, BIP – Die Statistikbehörde EUROSTAT veröffentlicht Kennzahlen zum EU-Bruttoinlandsprodukt und seinen Bestandteilen.

London – Freedom, auf Probe – England beendet fast alle verbliebenen Corona-Maßnahmen, trotz hoher und steigender Infektionszahlen.

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