Nach Sperre von Trumps Konto Twitters-Aktie bricht nach Trump-Verbannung ein

Nach dem Sturm seiner Unterstützer auf das Kapitol in Washington hat Twitter Donald Trumps Konto dauerhaft gesperrt. Das mündet in heftigen Debatten über die Rolle sozialer Netzwerke - und lädiert Twitters Aktienkurs.
Ausgepöbelt: Twitter hat Donald Trumps Konto komplett gesperrt

Ausgepöbelt: Twitter hat Donald Trumps Konto komplett gesperrt

Foto: JOSHUA ROBERTS / REUTERS

Der Sturm auf das Kapitol in Washington befeuert die Debatte über die Rolle sozialer Netzwerke im Demokratien. Die Besetzung des amerikanischen Parlaments durch Anhänger des scheidenden Präsidenten Donald Trump (74) stellen nach Ansicht von EU-Kommissar Thierry Breton (65) einen Wendepunkt bei der Regulierung von Online-Netzwerken dar. Spätestens die Vorfälle vergangene Wochen zeigten, dass es keinen Zweifel mehr daran gebe, dass die Plattformen zu systemischen Akteuren geworden seien, schrieb der Binnenmarktkommissar in einem Gastbeitrag für das Portal "Politico". "Ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft können sie nicht mehr leugnen." Mit der dauerhaften Sperrung des persönlichen Twitter-Accounts von US-Präsident Donald Trump werde dies nun endlich anerkannt.

Twitter hat Trumps Zugang zum Kurznachrichtendienst am Freitagabend gesperrt. Seine jüngsten Tweets ließen das Risiko einer weiteren Anstiftung zu Gewalt erkennen, teilte der Konzern mit. Bundeskanzlerin Angela Merkel (66) beurteilt die Sperrung indes skeptisch: "Das Grundrecht auf Meinungsfreiheit ist von elementarer Bedeutung", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert (60) in Berlin. Eingriffe könne es nur entlang der Gesetze geben, nicht aber nach Beschluss von Betreibern von Social-Media-Plattformen. "Unter dem Aspekt sieht die Bundeskanzlerin es als problematisch an, dass jetzt die Konten des US-Präsidenten dauerhaft gesperrt wurden," berichtet Seibert.

Reuters-Präsident Michael Friedenberg plädierte unterdessen für verstärkte Anstrengungen gegen Desinformation. Techfirmen, Medien, soziale Netzwerke und auch die Nutzer seien dabei gemeinsam gefordert, sagte er auf dem Digital-Forum "Reuters Next". Angesichts der "schieren Größe des Problems" und der hohen Verbreitungsgeschwindigkeit von Desinformation werde es wohl letztlich nicht ohne Regulierung gehen: Entweder nehme die Branche dies selbst in die Hand oder die Regierungen würden es tun.

Twitters Aktienkurs sinkt in der Spitze um bis zu 12 Prozent

Dem Aktienkurs von Twitter  hat die Sperre dagegen gar nicht gut getan. Das Papier des Kurznachrichtendiensts verlor am Montag in der Spitze fast 12 Prozent oder 5 Milliarden Dollar an Marktwert, berichten US-Nachrichtenagenturen. Investoren seien besorgt über etwaige stärkere staatliche Regulierungen und Eingriffe bei sozialen Netzwerken. Im weiteren Handelsverlauf aber das Papiere seine Verluste reduzieren. Auch andere soziale Netzwerke wie Instagram und Facebook haben Trumps Konten gesperrt. Doch der Kursverlust bei Twitter viel deutlich stärker aus als bei den Konkurrenten.

Twitter hatte Trumps persönliches Konto @realDonaldTrump am Freitag permanent mit der Begründung gesperrt, es bestehe "Risiko weiterer Anstiftung zur Gewalt" nach dem Sturm auf das Kapitol. Trump hat, oder hatte, auf Twitter 88 Millionen Follower. Die Twitter-Totalsperre führte aber schnell zu Kritik einiger Republikaner, die sich auf das Recht der freien Meinungsäußerung beriefen. Finanzinvestoren befürchten nun laut US-Medien, dass Twitter von etwaigen staatlichen Regulierungen stärker betroffen sein könnte als seine größeren Mitbewerber Facebook, Google oder die Google-Holding Alphabet, die auch das Videoportal YouTube betreibt.

Parler abgeschaltet - Gründet Trump eigene Plattfor?

Der scheidende US-Präsident Donald Trump sieht sich dagegen bereits nach Alternativen um. Schon kurz nach seiner Twitter-Sperre kündigte der Republikaner, der am 20. Januar das Weiße Haus räumen muss, an, sich nicht zum Schweigen bringen lassen zu wollen. Es werde bald eine "große" Ankündigung geben. Zugleich brachte er die Gründung einer eigenen Internetplattform ins Spiel, was allerdings einige Zeit in Anspruch nehmen dürfte.

Kurzzeitig sah es danach aus, als würde die Pro-Trump-App Parler das Rennen machen. Allerdings ist Parler, wo viele Nutzer Gewaltaufrufe äußerten, inzwischen seine Ausspielkanäle los. Apple, Google und Amazon haben den Dienst mit zwölf Millionen Nutzern zumindest vorübergehend aus ihren App-Stores verbannt. So bleiben Trump erst mal nur konservative Kanäle wie Gab, wo es nahezu keine Zensur gibt, MeWe oder die Video-Plattform Rumble und der Streamingdienst DLive. Diese haben alle eins gemeinsam: Sie zählen deutlich weniger Nutzer als Twitter mit seinen mehr als 330 Millionen Mitgliedern und Facebook, wo rechnerisch mehr als jeder dritte Mensch auf der Erde angemeldet ist.

"Ich denke nicht, dass Trump diesen kleinen Plattformen beitritt. Es ist wahrscheinlicher, dass er selbst etwas aufmacht", sagte Monica Stephens, Assistenzprofessorin an der Universität von Buffalo, die zum Thema Soziale Medien forscht. In der Zwischenzeit könne er immer noch ins Fernsehen und Sendezeiten bei Fox News, OAN oder Newsmax wahrnehmen. Andere Experten weisen auf die Pressestelle des Weißen Hauses hin, die bis zur Machtübergabe an Joe Biden (78) noch Mitteilungen und Videos versenden könnte.

wed/Reuters, dpa-afx, AP