36 Prozent Inflation Erdoğan feuert Statistik-Chef

Im Dezember kletterte die Inflationsrate in der Türkei auf 36 Prozent. Präsident Recep Tayyip Erdoğan passen die offiziellen Zahlen nicht. Also feuert er den Überbringer der schlechten Nachricht - kurz vor Veröffentlichung neuer Inflationsdaten.
Alles im Blick: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan lässt in Sachen Inflation keine andere Meinung zu

Alles im Blick: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan lässt in Sachen Inflation keine andere Meinung zu

Foto: © Enrique de la Osa / Reuters/ REUTERS

Nach einer Debatte über den rasanten Anstieg der Inflationsrate in der Türkei hat Präsident Recep Tayyip Erdoğan (67) am Wochenende den Leiter der nationalen Statistikbehörde entlassen. Erdoğan ernannte den früheren Vize-Chef der türkischen Bankenaufsicht, Erhan Cetinkaya, zum Nachfolger des bisherigen Behördenchefs Sait Erdal Dinçer. Zudem drohte der Staatschef mit rechtlichen Schritten gegen die Veröffentlichung von Inhalten in den Medien, die mit "moralischen und nationalen Werten nicht vereinbar" seien.

Dinçer war Anfang Januar in die Kritik geraten, nachdem seine Behörde für Dezember einen Anstieg der Inflationsrate um gut 36 Prozent im Vorjahresvergleich bekannt gegeben hatte. Dies war der höchste Wert seit mehr als 19 Jahren. Bereits im November 2021 hatte die Inflationsrate rund 21 Prozent erreicht. Erdoğan warf Dinçer Berichten zufolge hingegen vor, das Ausmaß der wirtschaftlichen Krise in der Türkei übertrieben dargestellt zu haben.

Türkische Lira/Euro

Dinçer rechtfertigte die von ihm angegebenen Zahlen zur Inflation. "Ich habe eine Verantwortung gegenüber 84 Millionen Menschen", sagte der entlassene Chef der Statistikbehörde der Wirtschaftszeitung "Dünya". Es sei nicht möglich, andere Inflationszahlen zu veröffentlichen als jene, die von seiner Behörde festgestellt wurden. Die Opposition zweifelt die offiziellen Zahlen zur Inflation an und mutmaßt, dass der tatsächliche Anstieg der Lebenshaltungskosten sogar mindestens doppelt so hoch sei.

Erdoğan feuert die Inflation immer weiter an

Die Inflation hat sich zu einem der wichtigsten Themen der türkischen Politik entwickelt. Hauptgrund für die Teuerung ist der starke Verfall der Landeswährung. Der Kurs der Lira zum Dollar hatte innerhalb eines Jahres um 45 Prozent nachgegeben. Dadurch werden Importe – etwa von Öl und Medikamenten – teurer, weil diese zumeist in Devisen wie Dollar oder Euro bezahlt werden müssen. Die Türkei ist stark abhängig von Importen, vor allem von Rohstoffen und von Energie.

Eigentlich stemmen sich Notenbanker mit höheren Leitzinsen gegen eine galoppierende Inflation. Doch der türkische Präsident lehnt eine Anhebung der Zinsen strikt ab und fordert von den Notenbankern stattdessen eine Zinssenkung. Erdoğan hat bereits mehrere Notenbankmitglieder entlassen, die nicht auf seiner Linie waren. Die Entlassung des Chefs der Statistikbehörde werde einen weiteren Verfall des Vertrauens in die offiziellen Angaben zur Folge haben, prognostizierte der Analyst Timothy Ash von Bluebay Asset Management in London.

Die neuesten statistischen Angaben zur Inflationsrate sollen am Donnerstag veröffentlicht werden. Erwartet wird dann Berichten zufolge eine Rate von 47 Prozent.

mg/AFP
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