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Tickets für die Zukunft

Technologien bleiben der stärkste Antrieb für die Wirtschaft, die Zugangspforte zu künftigen Märkten. Doch welche Verfahren werden wirklich wichtig, welche bergen ökonomische Substanz? mm präsentiert die sieben Technologien mit dem größten Potenzial.
aus manager magazin 9/2001

Die Zukunft der Energiegewinnung werkelt kaum wahrnehmbar in einem entlegenen Winkel der Republik, am Oberlauf der Fränkischen Saale.

Nur ein Wölkchen, hervorgepustet aus einem Flachdach in der Gemeinde Bad Neustadt, verrät den Standort des "Hot Module". Das produziert 250 Kilowatt Strom, dazu 200 Grad heißen Dampf für den Sterilisator des Rhön-Klinikums plus heißes Wasser für dessen Heizungsanlage.

Gespeist wird die "Brezel", wie das neueste Modell einer Brennstoffzelle im Technikerjargon heißt, vom öffentlichen Erdgasnetz. Sie kann aber auch mit Biogas oder jeder anderen Substanz betrieben werden, aus der sich Wasserstoff chemisch abspalten lässt. Oder direkt mit dem leicht flüchtigen Gas.

In die Umwelt gibt die "Brezel" nur Wasserdampf und Kohlendioxid ab - so wenig, dass der Ausstoß nicht einmal genehmigt werden muss.

Der Einsatz in einer Klinik, wo es auf absolute Verlässlichkeit und Betriebssicherheit genauso ankommt wie auf Geräuschdämmung und Emissionsschutz, gilt als kleine Sensation.

Die Ingenieure des Herstellers MTU dichteten stolz Frank Sinatras Songzeilen um: "If we can make it there, we'll make it anywhere." Deutsch: Wenn wir's hier schaffen, dann schaffen wir's überall.

Die Brennstoffzelle ist das Musterbeispiel für den grundlegenden Wandel beim Umgang mit Technologien: Sie bündelt mehrere Ziele und Elemente, Verfahren und Grundlagen zu einer Produktplattform mit neuartigem Nutzen.

Bündelungstechnologien sind auf dem Vormarsch: In der Informations- und Kommunikationsbranche (IuK) verlangen rapide zunehmende Datenströme nach Konvergenz; in der Biotechnologie verschmelzen Genforschung und kombinatorische Chemie, Pharmazie und Gewebezucht, Molekularbiologie und Fortpflanzungsmedizin.

Der Wettlauf der Forscher und Entwickler um die neuen Bündelungstechnologien hat längst begonnen - bei Großkonzernen wie bei Hightech-Buden. Das globale Rennen um neue Märkte wird der gewinnen, dem es am besten und am schnellsten gelingt, die größte Konvergenz herzustellen.

Verlieren wird, wer auch zukünftig glaubt, auf Grundlagenforschung verzichten zu können - also auf jene Forschung, die nur der Neugier folgt und im unendlichen Kosmos des Unbekannten nach Erkenntnis sucht, ohne Hintergedanken an Zweck und Nutzanwendung. Und wer stattdessen nur geradlinig die Herstellung oder die Detailverbesserung eines bestimmten Produkts erforscht.

Am Beispiel Japan lässt sich studieren, wohin eine Vernachlässigung der Grundlagenforschung führt: Das Land ist aus diesem Grund in der Informationstechnologie abgeschlagen, in der Unterhaltungselektronik zurückgefallen.

Mehr denn je müssen, wie die Erfahrungen aller hoch industrialisierten Nationen zeigen, Grundlagenforschung und anwendungsorientierte Technologieentwicklung zusammenwirken (siehe Interview Seite 162).

Die Mühe lohnt, die technologische Kompetenz entscheidet über die Zukunft von Volkswirtschaften, von Konzernen, von Kontinenten.

Wer in technologische Forschung und Entwicklung investiert, der kassiert eine ordentliche Rendite. Über die Hälfte (54 Prozent) aller Umsätze werden in Deutschland mit neuen Produkten erzielt; Unternehmen mit eigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen ("F+E") "verdienen deutlich mehr als solche ohne", sagt Christoph Grenzmann vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft.

In der Industrie wie in der Politik ist das Bewusstsein für die Bedeutung der technologischen Forschung gewachsen. Die Bundesregierung betrachtet Technologieförderung als besonders wichtigen Standortvorteil und hat den Etat mehr als verdoppelt - von 1,18 Milliarden Mark 1988 auf 2,42 Milliarden im Jahr 1998 (siehe Grafik Seite 166).

Doch es sind nicht mehr die einstmals so gefeierten "Schlüsseltechnologien", die das ganz große Geld versprechen. Die Zukunft wird tatsächlich denen gehören, denen es gelingt, verschiedene Technologien zu verschmelzen.

Moderne Technologien bringen verschiedene Ansätze zusammen. Noch einmal das Beispiel Brennstoffzelle: Dort sind das Elektrochemie und Ökologie; neue Materialien für Membranen und Elektroden; neue Treibstoffe. Diese Kombination führt erstmals weg vom über 100 Jahre alten Prinzip der Stromgewinnung aus Verbrennungsmaschinen (Turbinen oder Dieselaggregaten), die ihrerseits Generatoren antreiben.

Auf den Plattformen, die durch solch revolutionäre Konzepte entstehen, lassen sich neue, breitere Märkte bedienen. So sind Brennstoffzellen interessant als Kraft und Wärme koppelnde Energiezentralen oder als stationäre Notstromaggregate; zudem als Elektrizitätslieferanten für die Handys der Zukunft, für Laptops und andere tragbare Geräte der Information und Kommunikation, als Antrieb für Pkw und Busse.

Allerdings sind die raffinierten Systeme der Bündelungstechnologien manchmal noch abstrakt, in den seltensten Fällen sofort profitabel.

So ist noch lange nicht absehbar, wann das erste Medikament verschrieben werden kann, dessen Entwicklung aus den viel gerühmten Erkenntnissen der Genomik hervorgeht, also aus dem Studium des gesamten Erbgutes. Oder aus der darauf aufbauenden Proteomik, jener Wissenschaft, die alle Eiweißmoleküle des Stoffwechsels systematisch untersucht (siehe Seite 168).

Auch bei der Energietechnik, Lebensader der Industriegesellschaft, sind die entscheidenden Verfahren der Zukunft noch nicht rentabel. So kostet die Anschaffung einer "Hot Module"-Brennstoffzelle, wie sie in Bad Neustadt arbeitet (siehe Seite 166), noch immer zwölfmal mehr als ein herkömmlicher Gasmotor, der die gleiche Menge Strom produzieren kann.

Bezahlbar sind solche Innovationen derzeit nur, wenn sie durch die öffentliche Hand massiv gefördert werden (beim Rhön-Klinikum zahlt vor allem das Land Bayern).

Dennoch hat jede der sieben Technologien, die in der folgenden kritischen Betrachtung vorgestellt werden, unstrittig Zukunftspotenzial.

mm hat recherchiert bei Politik und Wissenschaft, auf den Finanzmärkten und natürlich bei Unternehmen. Die getroffene Auswahl orientiert sich vor allem an der Praxisnähe, also an einem weit fortgeschrittenen Entwicklungsstand. Der sollte schon erste Produkte zeigen, sollte im Laufe der nächsten Jahre die Dimensionen der angestrebten Produktplattform erkennen lassen. Hinzu kommt der Faktor Dringlichkeit. Die wird erkennbar, wenn herkömmliche Technologien an ihre physikalischen Grenzen stoßen - wie im Falle von Computern, Mobiltelefonen und anderen digitalen Datenverarbeitern auf Siliziumbasis. Oder wenn Märkte so ausgeschöpft sind und kein weiteres Wachstum ermöglichen wie bei künstlichen Hüftgelenken und Herzklappen, die künftig durch die Produkte des Tissue Engineering ersetzt werden können.

Doch wie lässt sich das Grundrauschen der Schwärmerei herausfiltern?

Die Nüchternheit des analytischen Ökonomen trennt hier die Spreu vom Weizen, die hochfliegende Phraserei vom Keim ertragreicher Entwicklungen. "Technologien sind aufregend", sagt Robert Shiller, Volkswirtschaftsprofessor an der amerikanischen Yale University. Dennoch, meint er, werden die Aktienmärkte nach den Aufgeregungen und Schocks der vergangenen Jahre so schnell nicht die Wertschöpfung widerspiegeln, die in den Technologiebranchen weiter rasch voranschreitet.

Das gäbe Zeit für nachhaltiges Wachstum ohne den üblichen Hightech-Hype. Vielleicht ist bei den genannten Bündelungstechnologien auch ein Jahrhundertprojekt wie das Automobil, das Flugzeug oder die Mikroelektronik. Michael O. R. Kröher

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