Sanktionen gegen Russland So wichtig ist russisches Öl und Gas für die deutsche Wirtschaft

Während die USA künftig kein Öl und Gas mehr aus Russland beziehen wollen, schrecken die EU und Deutschland vor diesem Schritt noch zurück. Doch Volkswirte entwarnen: Ein Embargo für russisches Öl und Gas wäre verkraftbar.
DAx-Konzern BASF in Ludwigshafen: Die chemische Industrie ist der größte Energieverbraucher in Deutschland

DAx-Konzern BASF in Ludwigshafen: Die chemische Industrie ist der größte Energieverbraucher in Deutschland

Foto: Uwe Anspach / dpa

In der Diskussion um einen möglichen Verzicht westlicher Länder auf russische Energierohstoffe schaffte US-Präsident Joe Biden (79) am Dienstagnachmittag Tatsachen: Er verkündete einen Importstopp der USA für russisches Öl und Gas. Ähnliches könnte von weiteren Ländern folgen, auch in Deutschland wird das Thema heiß diskutiert.

Noch sperrt sich die Bundesregierung davor, Deutschland von Russlands Gas- und Öllieferungen zu lösen. Wirtschaftsminister Robert Habeck (52, Die Grünen) warnte am Dienstag, es drohten im Falle eines Embargos gesamtwirtschaftliche und gesamtgesellschaftliche Schäden "schwersten Ausmaßes" . Vonseiten der FDP dagegen werden Stimmen laut, die ein solches sofortiges Embargo fordern.

Auf der anderen Seite droht allerdings auch Russland, seinerseits die Gaslieferungen einzustellen. So will Präsident Wladimir Putin (69) wohl die Macht demonstrieren, die er mit der Hand am Öl- und Gashahn vermeintlich über den Westen ausübt. De facto sucht Putin mit einem Lieferstopp jedoch vermutlich auch nach einer Möglichkeit, einem Embargo des Westens zuvorzukommen und sein Gesicht zu wahren.

Was ein Verzicht auf russische Energie bedeutet

Klar ist: Der mögliche Verzicht des Westens inklusive Deutschlands auf Öl, Gas und womöglich auch Kohle aus Russland steht im Raum. Damit stünde ein signifikanter Einschnitt bevor, wie ein Blick auf die Zahlen deutlich macht: Deutschland bezieht insgesamt etwa 60 Prozent der Energieträger seines Gesamtverbrauchs aus dem Ausland. Bei Öl, Gas und Steinkohle sind es sogar bis zu 100 Prozent. Dabei stammt etwa die Hälfte der Einfuhren von Gas aus Russland. Bei den Ölimporten ist es etwa ein Drittel.

Eine gewaltige Menge also, die schlagartig wegfallen und ersetzt werden müssten. Dabei wäre der Wechsel auf alternative Lieferanten für Öl und Kohle Experten zufolge kein allzu großes Problem. Andere Öl- und Kohleexportländer verfügen über ausreichende Kapazitäten auf dem Weltmarkt, um die fehlenden Mengen zu ersetzen, heißt es etwa in einer aktuellen Studie von Econtribute, einem Zusammenschluss der Universitäten Köln und Bonn.

Die größere Herausforderung besteht Fachleuten zufolge darin, kurzfristig Ersatz für russisches Gas zu finden. Gasimporte aus Putins Reich decken insgesamt immerhin etwa 15 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland ab.

Die Situation auf dem globalen Gasmarkt sei komplexer, schreiben etwa die Autoren der Econtribute-Studie. Schwierigkeiten ergeben sich demnach etwa aufgrund des bestehenden Pipeline-Netzes sowie der begrenzten Kapazitäten von Terminals für Flüssiggas (LNG), die eine kurzfristige Substitution erschwerten.

Wer die größten Verbraucher in Deutschland sind

Entscheidend sei es, so die Studie, wie gut es der Wirtschaft gelinge, die Gasausfälle aus Russland auszugleichen. Dabei komme es etwa auf stärkere Gasimporte aus anderen Ländern an. Zudem könne Gas bei der Stromerzeugung womöglich durch Kohle oder Kernkraft ersetzt werden. Und die Gasspeicher müssten bereits über den Sommer aufgefüllt werden, damit Deutschland besser durch den nächsten Winter komme.

Die Branchen, auf die es dabei besonders ankommt, stehen bereits fest: Größter Energieverbraucher Deutschlands ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes  mit Abstand die Chemieindustrie, auf die etwa ein knappes Drittel der insgesamt von Deutschlands Unternehmen konsumierten Energie entfällt. Mehr als ein Drittel der Energieträger, die die chemische Industrie in Unternehmen wie dem Dax-Konzern BASF verarbeitet, gehen allerdings als Ausgangsstoffe in chemische Produkte ein, sie werden also nicht energetisch eingesetzt. Auf den Plätzen zwei und drei der größten Energieverbraucher Deutschlands folgen die Metallerzeugung und -bearbeitung sowie die Kokerei und Mineralölverarbeitung.

Die Autoindustrie als Vorzeigebranche der deutschen Wirtschaft kam Zahlen des Bundesumweltamtes  zufolge 2018 auf einen Anteil von 3,1 Prozent am Energieverbrauch des verarbeitenden Gewerbes hierzulande insgesamt.

Sollte es nun tatsächlich zu einem kompletten Ausfall russischer Energielieferungen an Deutschland kommen, so wäre das Fachleuten zufolge durchaus verkraftbar. Unterschieden werden muss dabei zwischen der kurzen Frist und der langen Frist, wobei kurz- bis mittelfristig insbesondere der kommende Winter eine wichtige Rolle spielt, verbunden mit der Frage, ob es dann ausreichend Gas zum Heizen geben wird.

Wie stark das BIP getroffen würde

Nach Einschätzung der Forscher von Econtribute jedenfalls ist es möglich, den Ausfalls russischer Lieferungen so zu managen, dass die Einbußen in den kommenden zwölf Monaten in einem vertretbaren Rahmen bleiben. Im Idealfall, so das Fazit der Studie, würde das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2022 lediglich um 0,5 Prozent schrumpfen. Im schlimmsten Fall betrüge das BIP-Minus demnach 3 Prozent. Zum Vergleich: Allein die Corona-Krise führte 2020 zu einem BIP-Rückgang um 4,5 Prozent.

Auch ein Team von Gelehrten der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina bezeichnete die Auswirkungen eines kurzfristigen Lieferstopps für Erdgas aus Russland jüngst als "handhabbar" für die deutsche Volkswirtschaft.

Eine Berechnung des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel kam zudem für die längere Sicht zu einem positiven Urteil. Kurzfristig werde es zu Verwerfungen kommen, mit vermutlich deutlich negativen Effekten für die deutsche Wirtschaft, so das Institut. "Aber mittel- bis langfristig können wir russisches Gas beziehungsweise Öl substituieren, ohne dass es der Wirtschaft nennenswert schadet."

In einer Simulationsrechnung hatte das IfW kürzlich ermittelt , dass die deutsche Wirtschaftsleistung gemessen am BIP bei einem Verzicht auf russisches Öl zwar um etwa 0,1 Prozent schrumpfen könnte. Ein Verzicht auf Gas aus Russland könnte der hiesigen Wirtschaft aber längerfristig sogar ein zusätzliches Wachstum um 0,1 Prozent einbringen, so das IfW. "Grund für das Plus ist, dass die westlichen Verbündeten die fehlenden Importe Russlands durch Produkte der Bündnispartner ersetzen würden und hier Deutschland besonders wettbewerbsfähig ist", schreiben die Experten vom IfW.

Verlierer eines Stopps der Lieferungen aus Russland wäre demnach Russland selbst. Laut IfW hätte ein Handelsstopp zahlreicher westlicher Länder mit Gas aus Russland einen Einbruch der russischen Wirtschaftsleistung um 2,9 Prozent zur Folge. Ein vollständiger Verzicht der westlichen Verbündeten auf Öl würde einen Rückgang der russischen Wirtschaftsleistung um weitere 1,2 Prozent zur Folge haben.

"Für Deutschland und die EU wären die wirtschaftlichen Schäden in beiden Fällen äußerst gering", fassen die Volkswirte ihre Berechnungen zusammen.