Russische Oligarchen in Aufruhr Ein Mutiger, ein Rücktritt und zwei Todesfälle

Angesichts des Ukraine-Krieges kommt Bewegung in Russlands Superreichen-Szene: Stahlmagnat Wladimir Lissin äußert ungewöhnlich heftige Kritik am Kreml, der Gründer des Ölkonzerns Lukoil tritt zurück – und zwei Oligarchen werden tot aufgefunden.
"Humanitäre Katastrophe": Wladimir Lissin, zweitreichster Mann Russlands, äußert sich ungewöhnlich deutlich zum Krieg in der Ukraine

"Humanitäre Katastrophe": Wladimir Lissin, zweitreichster Mann Russlands, äußert sich ungewöhnlich deutlich zum Krieg in der Ukraine

Foto: SERGEI KARPUKHIN/ REUTERS

Der große Aufschrei von Russlands Wirtschaftsführern gegen den Krieg in der Ukraine bleibt bislang aus, doch kritische Stimmen werden durchaus immer wieder mal laut. Weil Moskau gegen seine Gegner im eigenen Land hart vorgeht, äußerten sich die meisten Unternehmer oder Topmanager bislang allerdings eher zurückhaltend.

Umso bemerkenswerter ist, was Wladimir Lissin (65) jetzt von sich gegeben hat. Der Mehrheitseigner des Stahlkonzerns NLMK, mit einem Vermögen von rund 23,2 Milliarden US-Dollar laut "Forbes" gegenwärtig zweitreichster Russe nach Norilsk-Nickel-Eigner Wladimir Potanin (61, Privatvermögen: 24,5 Milliarden US-Dollar), geht mit der Aggression seines Landes gegen die Ukraine so hart ins Gericht, wie vor ihm kaum ein anderer russischer Wirtschaftskopf seines Kalibers. Einem Bericht der "FAZ"  zufolge sprach Lissin gegenüber der russischen Zeitung "Kommersant" von einer "humanitären Katastrophe" und zeigte auch Verständnis für die Sanktionen des Westens. Damit bewegt sich Lissin gefährlich nahe an einem Straftatbestand. Denn das Aufrufen zu Strafmaßnahmen gegen Russland steht dort seit Kurzem unter Strafe.

Lissins Kritik erscheint umso erstaunlicher, weil sich der Stahlmagnat, soweit bekannt, bis zuletzt in Russland aufhielt. Der Multimilliardär gehört zwar nicht zu jenen Oligarchen, die vom Westen mit Sanktionen belegt wurden. Doch auch zu den Strafmaßnahmen gegen seinesgleichen äußerte er sich gegenüber "Kommersant". Solche Sanktionen gegen Russlands Wirtschaftslenker führten einerseits zu einer "Kaskade negativer Folgen" für zehn-, vielleicht sogar hunderttausende Mitarbeiter, so Lissin. Andererseits sei es beschämend, sich angesichts einer "humanitären Katastrophe" über persönliche Probleme zu beschweren. Sanktionen könnten zwar ungerecht erscheinen, aber es sei klar, dass der Westen mit allen möglichen Mitteln versuchen werde, das "Sterben von Menschen und die Zerstörung von Städten" zu stoppen, sagte Lissin.

Derart offene Kritik vonseiten eines führenden Vertreters der russischen Wirtschaft am Angriffskrieg Wladimir Putins (69) in der Ukraine ist selten, aber nicht einmalig. Erst vor wenigen Tagen hatte der russische Milliardär Oleg Tinkow (54) mit einem deutlichen Post auf der Plattform Instagram für Schlagzeilen gesorgt. Tinkow warf der russischen Armee vor, "Massaker" in der Ukraine zu verüben, und forderte ein Ende des "irrsinnigen Krieges" gegen das Nachbarland. Der Gründer der Internetbank Tinkoff hielt sich dabei mit deutlichen Worten nicht zurück: Die russischen Generäle hätten inzwischen erkannt, "dass sie eine Scheißarmee haben", schrieb er. "Und wie sollte die Armee auch gut sein, wenn der ganze Rest des Landes beschissen ist und beschmutzt ist von Vetternwirtschaft, Speichelleckerei und Unterwürfigkeit?" Er selbst sehe "keinen einzigen Profiteur dieses irrsinnigen Krieges", der nur dazu führe, dass "unschuldige Menschen und Soldaten sterben".

Moskaus Zorn trifft Kreml-Gegner

Tinkow hat Russland zwar längst verlassen und lebt im Ausland. Gänzlich ohne Risiko dürften derart harte Worte gegen den Kreml jedoch auch für ihn kaum sein. Immer wieder sorgten in der Vergangenheit Fälle für Aufsehen, in denen Kritiker Russlands mutmaßlich persönlich attackiert wurden, auch jenseits der Landesgrenzen. 2006 etwa starb der ehemalige russische Agent, Buchautor und Putin-Kritiker Alexander Litwinenko nach einer Polonium-Vergiftung in einem Krankenhaus in London. 2015 wurde auf einer Brücke in Moskau, in Sichtweite des Kremls, der Oppositionspolitiker Boris Nemzow erschossen, als er sich gerade mit seiner Freundin auf dem Heimweg von einem Restaurantbesuch befand. 2018 wurden der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal (70) und seine Tochter Yulia (38) schwer angeschlagen auf einer Parkbank im südenglischen Salisbury entdeckt. Wie sich herausstellte, waren beide mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet worden, sie kamen nur knapp mit dem Leben davon. Britische Ermittler klagten später mehrere Männer an, bei denen es sich um russische Agenten gehandelt haben soll, und die für die Tat verantwortlich gewesen sein sollen.

Der Ex-Oligarch Michail Chodorkowski (58; jahrelang in Haft), der Oppositionelle Alexei Nawalny (45; gegenwärtig in Haft), die Journalistin Anna Politkowskaja (2006 im Treppenhaus vor ihrer Wohnung in Moskau erschossen) – die Liste der Namen von Leuten, die – mutmaßlich – den Zorn Moskaus bereits zu spüren bekamen, lässt sich beinahe beliebig verlängern.

Aktuell werfen in dem Zusammenhang die Tode zweier russischer Oligarchen Fragen auf. Es handelt sich um Wladislaw Awajew, ehemaliger Vizepräsident der Gazprombank, und Sergej Protosenja, ehemaliger Vizepräsident und Hauptbuchhalter von Novatek, einem Gasunternehmen mit Verbindungen zur Gazprombank. Die beiden Männer wurden in dieser Woche binnen 48 Stunden tot aufgefunden, der eine in seiner Wohnung in Moskau, der andere mehrere Tausend Kilometer entfernt im spanischen Lloret de Mar. Die Parallelen erscheinen bemerkenswert: In beiden Fällen verstarben weitere Familienmitglieder, was ein Gesamtbild ergab, das Medienberichten zufolge nach einem sogenannten erweiterten Suizid aussieht. Doch eindeutig scheint die Sache nicht zu sein, in Spanien und in Moskau hat die Polizei Berichten zufolge Ermittlungen aufgenommen.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund wird klar, weshalb viele russische Wirtschaftslenker und Oligarchen den Krieg ihres Landes gegen die Ukraine, wenn überhaupt, dann nur sehr vorsichtig kritisieren. Das gilt etwa für die Multimilliardäre Oleg Deripaska (54) sowie Michail Fridman (58), die sich bereits für einen baldigen Frieden in der Ukraine ausgesprochen haben. Fridman, Mitgründer der russischen Alpha Bank und laut "Forbes" rund 12,6 Milliarden US-Dollar  schwer, sagte nach Angaben der britischen "BBC" , Äußerungen, die er mache, könnten nicht nur für ihn selbst, sondern auch für Mitarbeiter und Kollegen ein Risiko darstellen.

Zudem gibt es superreiche Russen, die andere Wege wählen, sich für ein Ende des Krieges einzusetzen, möglichst ohne es sich mit Moskau zu verscherzen. Roman Abramowitsch (55) etwa, schwerreicher Noch-Eigner des englischen Fußball-Klubs Chelsea FC, gilt seit Jahren als enger Weggefährte Putins. Doch im aktuellen Disput der beiden Länder steht Abramowitsch nicht einfach auf der russischen Seite. Vielmehr fungiert er als Vermittler, bemüht sich, Kontakte herzustellen, und war beispielsweise bei den russisch-ukrainischen Gesprächen Ende März in Istanbul zugegen.

Und dann ist da noch Wagit Alekperow (71), bisheriger Chef des russischen Ölkonzerns Lukoil und mit einem Vermögen von 18,6 Milliarden US-Dollar laut "Forbes" die Nummer fünf unter Russlands Milliardären. Alekperows Erdölkonzern hatte schon Anfang März, kurz nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, ein sofortiges Ende des Militäreinsatzes gefordert. "Wir setzen uns für die sofortige Beendigung des bewaffneten Konflikts ein und unterstützen voll und ganz dessen Lösung durch den Verhandlungsprozess und mit diplomatischen Mitteln", hieß es in einer Lukoil-Mitteilung vom 3. März.

Der Appell blieb in Russlands Wirtschaft ebenso einsam wie erfolglos. Für Alekperow verlief die weitere Entwicklung ebenfalls wenig erfreulich: Vor rund einer Woche setzte Großbritannien den Unternehmer auf eine Sanktionsliste. An diesem Donnerstag veröffentlichte Lukoil dann eine knappe Mitteilung: Demnach tritt der Konzernchef mit sofortiger Wirkung von seinem Posten zurück. Alekperow verlasse auch den Aufsichtsrat des von ihm gegründeten Unternehmens, heißt es weiter. Ein Grund für den Schritt wird nicht genannt.

cr