Wirtschaftskrise in England Ein Schock zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt

Der Tod der Queen trifft Großbritannien zu Beginn einer schweren Wirtschaftskrise. Die neue Regierungschefin Liz Truss steht vor einem Berg von Problemen, hat aber kaum belastbare Lösungsideen. Die Trauer von Millionen Briten dürfte den Weg aus der Krise zusätzlich erschweren.
Trauernde Briten: Der Schock durch den Tod der Queen könnte den Weg durch die Wirtschaftskrise erschweren. Das Königreich ist gespalten

Trauernde Briten: Der Schock durch den Tod der Queen könnte den Weg durch die Wirtschaftskrise erschweren. Das Königreich ist gespalten

Foto: NEIL HALL / EPA

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"Sie war die Seele Großbritanniens", sagte die neue Premierministerin Liz Truss (47) am Donnerstag anlässlich des Todes von Queen Elizabeth II. "Der Fels, auf dem das moderne Großbritannien errichtet wurde." Der Tod der Königin, so Truss, sei ein riesiger Schock für die Nation und den Rest der Welt.

Ein Schock, der für das Vereinigte Königreich zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt kommt. Die Wirtschaft Großbritanniens befindet sich in einem so miserablen Zustand wie lange nicht. Und ausgerechnet Premierministerin Truss, erst seit wenigen Tagen im Amt, soll die Briten durch die Krise bringen. Viele trauen dies der Nachfolgerin von Boris Johnson (58) nicht zu. Denn vieles von dem, was Truss zur Lösung der Probleme des Landes plant, erscheint Kritikern nicht sehr vielversprechend.

Truss hat sich in der Vergangenheit vor allem als opportunistisch und als Expertin im Fach Selbstvermarktung erwiesen: Warb sie vor den Tory-Mitgliedern noch mit geplanten Steuersenkungen, will sie nun Milliardensummen Steuergeld investieren, um die Energiepreise zu deckeln. Zudem bestimmte sie ausgerechnet den Rechtspopulisten und Brexit-Bannerträger Jacob Rees-Mogg, den selbst der britische Economist für ein Relikt des vergangenen Jahrhunderts hält , zum Wirtschaftsminister. Personalauswahl nach Kompetenz sieht anders aus.

Da kommt der Tod der Queen noch als Belastung obendrauf: Um aus einer Wirtschaftskrise zu kommen, ist auch die Stimmung im Land von großer Bedeutung. Sind die Menschen zuversichtlicher, konsumieren sie mehr oder sind eher bereit, die Risiken von Unternehmensgründungen einzugehen. Sollten also die Briten nun für längere in Trauer und Trübsal verharren, so dürfte das den Weg aus der Wirtschaftskrise zusätzlich erschweren.

Dabei haben sich die Untertanen des neuen Königs Charles III. einen Großteil der Misere, in der sich ihr Land befindet, selbst zuzuschreiben. Vor allem drei Schocks musste Großbritannien und seine Wirtschaft in der jüngeren Vergangenheit verkraften, und einer davon war eindeutig hausgemacht:

  • Der Austritt aus der Europäischen Union (EU) war den Briten von prominenten Befürwortern wie Ex-Premier Johnson als verheißungsvoller Weg in eine bessere Zukunft verkauft worden. Tatsächlich hat der "Brexit" auf der Insel jedoch bislang vor allem eine Menge Probleme erzeugt, die noch ungelöst sind.

  • Die Corona-Pandemie hat das Land ebenso wie viele andere hart getroffen und die wirtschaftliche Aktivität über viele Monate geschwächt.

  • Auch in Großbritannien sind die Inflationsraten zuletzt stark angestiegen. Infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine steckt das Land zudem ebenfalls in der Energiekrise, mit explodierenden Preisen für Strom und Gas.

Die Folgen dieser Rückschläge zeigen sich in Großbritanniens Wirtschaft an zahllosen Stellen, wie zum Beispiel:

  • Auf dem britischen Arbeitsmarkt herrscht akuter Mangel an Arbeitskräften. Das ist zum einen eine Folge des Brexits, durch den die Möglichkeiten für Nicht-Briten auf der Insel zu arbeiten, stark eingeschränkt wurden. Zum anderen hat auch die Corona-Pandemie zu diesem Problem beigetragen: Viele Arbeitskräfte entschieden sich in der wirtschaftlichen Flaute für den vorzeitigen Ruhestand und fehlen heute am Arbeitsmarkt. Auch die Tatsache, dass die Löhne in Großbritannien seit dem Brexit kaum gestiegen sind, trägt nicht zur Verbesserung der Situation bei.

  • Der britische Gesundheitsdienst NHS steht enorm unter Druck. Millionen Menschen warten seit dem Beginn der Corona-Pandemie auf Operationen und Behandlungen, laut Berichten ist es derzeit oft nicht mal möglich, einen Termin beim Hausarzt zu bekommen. Zudem benötigen die Pflege und die Sozialfürsorge dringend Reformen.

  • Das drängendste Problem sind in Großbritannien wie auch hierzulande die stark steigenden Lebenshaltungskosten. Die Inflationsrate ist zuletzt auf 10 Prozent gestiegen, noch höher als in der EU und Deutschland. Die britische Notenbank hat bereits mit mehreren Zinserhöhungen versucht, gegenzusteuern. Die Bank of England ist jedoch nicht sehr optimistisch, was auch daran liegen dürfte, dass die Inflation vor allem durch die immer teurer werdende Energie getrieben wird, auf die sich der Leitzins kaum auswirken dürfte. Die Notenbank erwartet daher bis zum Ende des Jahres einen Anstieg der Inflationsrate auf 13 Prozent.

  • Das Bruttoinlandsprodukt Großbritanniens ging bereits von April bis Juni um 0,1 Prozent zurück. Und auch an dieser Stelle erscheint der Gesamtausblick der Notenbank düster: Die Bank of England erwartet für Großbritannien Ende des Jahres eine Rezession, die bis Ende 2023 anhalten dürfte.

Und zu alldem also noch der Tod der Queen als Schock und Stimmungstöter. Was kann die britische Regierung da tun? Premierministerin Truss hat bereits im Wahlkampf um die Johnson-Nachfolge mit einigen Ideen irritiert. Im Kampf gegen die Inflation setzt die frühere Managerin des Ölriesen Shell auf Steuersenkungen. Ein Mittel, das Ökonomen zufolge zumindest zweifelhaft erscheint: Einer der Treiber von Preissteigerungen ist stets die Menge an liquiden Mitteln, die in der Wirtschaft für Konsum und Investitionen zur Verfügung stehen. Diese würden durch Steuersenkungen erhöht – die Gefahr, die Inflation auf diesem Wege zusätzlich anzuheizen, ist also kaum von der Hand zu weisen.

Als einen ersten Schritt zur Entlastung der Briten beschlossen Truss und ihr Kabinett zudem kurz nach Amtsantritt bereits, die Preise für Gas und Strom kurzerhand einzufrieren. Für zwei Jahre soll die Energierechnung eines Durchschnittshaushalts in Großbritannien den Betrag von 2500 Pfund pro Jahr nicht überschreiten. Die Maßnahme der britischen Regierung sei europaweit eine der großzügigsten Unterstützungen, schreibt dazu der "Economist" . Die Rechnung dafür bezahlt sich allerdings nicht selbst – auf ihr wird die Regierung und am Ende wohl doch das britische Volk sitzen bleiben. Schätzungen zufolge führt der Gas- und Strompreisstopp zu Gesamtkosten von etwa 100 Milliarden Pfund.

"Das ist der Zeitpunkt, um mutig zu sein", so der Kommentar von Liz Truss, "Es gibt keine kostenlosen Optionen."

Oppositionschef Keir Starmer (60) von der Labour-Partei sieht es weniger pathetisch. Die Aufnahme neuer Schulden werde die Steuerzahler in der Zukunft teuer zu stehen kommen, so seine Sicht der Dinge.

Alles in allem zeichnet sich für die Briten also ein ungewisser Weg durch die Krise ab. Premierministerin Truss setzt nach derzeitigem Stand vor allem auf der einen Seite auf geringere Staatseinnahmen aufgrund von Steuersenkungen, und auf der anderen auf zusätzliche Etat-Belastungen durch den Energiepreisstopp. Der Erfolg der Strategie erscheint ungewiss. All dies droht jedoch finanziell früher oder später auf die Steuerzahler zurückzufallen. Eine Aussicht, die kaum geeignet sein dürfte, die Trauerstimmung der Briten zu heben.

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