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mm-Forum Prinzip Verantwortung

Eine handverlesene Riege jüngerer Topleute aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft hat über die Zukunft der deutschen Wirtschaft nachgedacht.
aus manager magazin 12/2008

Verzagtheit? Unsicherheit? Systemkritik? Bei den Teilnehmern des mm-Forums "managing the future" war davon wenig zu spüren. Zwar haben die Finanzkrise und die heraufziehende Weltrezession auch bei ihnen Zweifel an der unbegrenzten Weisheit der Märkte gesät. Aber die große Mehrheit ist nach wie vor überzeugt: Gerade in diesen Zeiten komme es darauf an, Unternehmen durch Führung zu stabilisieren.

Rund drei Dutzend jüngere Topleute aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft hatte manager magazin für den 31. Oktober in die Frankfurter "Villa Merton" eingeladen, um über die Zukunft zu diskutieren. Auch zwei profilierte Impulsgeber hatte die Redaktion hinzugebeten: Frank Mattern, Deutschland-Chef von McKinsey, und Professor Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI).

Für die Teilnehmer war es eine seltene Gelegenheit, sich in bewegten Zeiten mit anderen Führungskräften und Vordenkern auszutauschen, über Firmen- und Branchengrenzen hinweg. Zu bereden gab es eine Menge: In rasendem Tempo hat die Finanzkrise auf die Realwirtschaft übergegriffen. Werkstilllegungen statt voller Auftragsbücher, Kapitalknappheit statt Liquiditätsschwemme, Verfall der Rohstoffpreise statt akuten Rohstoffmangels, deflationäre Preistrends statt Inflation - binnen wenigen Monaten hat sich die wirtschaftliche Entwicklung in ihr Gegenteil verkehrt.

Kann man vor diesem Hintergrund überhaupt noch Unternehmen führen? Angesichts der hohen Volatilität, sagte McKinsey-Chef Mattern, sei in diesen Zeiten eine vernünftige Planung fast unmöglich. Allein die Preisbewegungen - Verdoppelung, anschließend wieder Halbierung des Ölpreises binnen einem Jahr - seien so brutal, dass sie jede Planung über den Haufen werfen würden.

Solch fundamentalen Unsicherheiten zum Trotz gaben sich die Teilnehmer verhalten optimistisch. So halten sie die Finanzkrise für gefährlich, aber mutmaßlich beherrschbar: Bei anonymen Abstimmungen per elektronischem Voting-System während der Veranstaltung gaben zwei Drittel der Befragten an, dass sie einen globalen Systemzusammenbruch für extrem unwahrscheinlich halten. Entsprechend glauben sie auch an die Stabilität der öffentlichen Finanzen; ein Bankrott des deutschen Staates sei jedenfalls kein Thema (siehe Grafiken rechts).

Es gebe keinen Grund, die Lage zu dramatisieren, sagte denn auch HWWI-Direktor Straubhaar: "Sicher, dies ist ein starker zyklischer Abschwung. Mehr aber auch nicht - lassen Sie sich nicht einreden, wir hätten es mit einer Krise des marktwirtschaftlichen Systems zu tun."

Die westlichen Marktdemokratien zeigten doch gerade in der jetzigen Phase eine ausgesprochene Robustheit. Angesichts der Schwäche der Märkte springe der Staat in die Bresche, rasch und pragmatisch, ohne dass es zu politischen oder gesellschaftlichen Verwerfungen komme. "Das politökonomische System funktioniert", sagte Straubhaar. Glaubwürdige Institutionen der demokratischen Staaten seien in der Lage, dem Vertrauensschwund auf den Märkten zu begegnen.

Vor dem Hintergrund der schwierigen Lage bekannten sich die Teilnehmer in bemerkenswert deutlicher Mehrheit zum Erhalt des Sozialstaats. Ein Ergebnis, das in früheren Jahren so eindeutig wohl nicht zustande gekommen wäre.

Mehr noch: Zur sozialen Verantwortung von Unternehmen befragt, sprachen sich die Teilnehmer mit überwältigender Mehrheit dafür aus, gerade jetzt auf gesellschaftliche Belange Rücksicht zu nehmen.

Staatlichen Maßnahmen gegen die heraufziehende Rezession standen sie hingegen skeptisch gegenüber. Wenn überhaupt, dann solle Berlin die Steuern senken oder ein Konjunkturprogramm auflegen.

Interessant: Einhellig lehnten sie spezifische Hilfen für in Not geratene Branchen ab - und stellten sich damit frontal gegen die Forderungen wichtiger Verbände. Henrik Müller

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