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Exklusivstudie Pflegebedürftig

Mangelnde wirtschaftliche Anreize führen zu dramatischen Qualitätsunterschieden in deutschen Pflegeheimen.
aus manager magazin 9/2007

Wenn Martina Wilcke-Kros unangemeldet vor der Tür eines Pflegeheims steht, dann hat sie meist einen guten Grund. Für den Medizinischen Dienst der Kranken-kassen (MDK) spürt Wilcke-Kros Pflegemissstände auf. Anlass ihrer Kontrollbesuche sind häufig Beschwerden der Heimbewohner, und jede zweite erweist sich als berechtigt.

Doch die detaillierten Berichte, die Wilcke-Kros nach ihren Inspektionen verfasst, sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Alte, Behinderte und ihre Angehörigen haben bislang kaum eine Möglichkeit, sich vorab über die Qualität eines Heims zu informieren.

"Dabei wäre mehr Transparenz genau das, was der Pflegebereich am dringendsten braucht", sagt Jürgen Wettke, Direktor in der Gesundheitssparte der Unternehmensberatung McKinsey.

In einer Studie, die manager magazin exklusiv vorliegt, haben der McKin- sey-Berater Wettke und sein Kollege Matthias Wernicke ihre Erkenntnisse und Reformvorschläge zur Pflege in Deutschland zusammengefasst, basierend auf den Daten aus mehreren hundert Pflegeheimen. Zentrale Erkenntnis: Die Pflegeversicherung ist selbst ein Pflegefall. Sie ist ineffizient, die Qualität der Heime schwankt gewaltig, weil es an wirtschaftlichen Anreizen für gute Pflege mangelt.

So werden zum Beispiel in manchen Heimen pro Monat nur 4 Prozent der Bewohner ins Krankenhaus eingewiesen, in anderen 13 Prozent - und das, obwohl die Heime vergleichbar sind, was die Pflegebedürftigkeit ihrer Bewohner angeht. "Typisch für schlecht geführte Heime sind kurzzeitige Krankenhauseinweisungen am Freitagabend", sagt Wettke. "Einem Bewohner geht es nicht gut, der Hausarzt lässt sich nicht mehr erreichen, dem Notarzt fehlt der Zugriff auf die Patientenunterlagen, das Pflegepersonal ist überlastet - also ab ins Krankenhaus." Die Kosten für die Krankenhausunterbringung trägt nicht das Pflegeheim, sondern die Krankenkasse.

Die häufigsten Diagnosen bei solchen Kurzzeiteinweisungen von ein oder zwei Tagen Dauer deuten ebenfalls auf schlechte Pflegequalität hin: An der Spitze stehen Lungenentzündungen. Die wären meist vermeidbar, würden Atemwegsinfektionen vom Pflegepersonal rechtzeitig erkannt und behandelt. Auf Platz zwei folgt Volumenmangel, was meist nichts anderes heißt als: Niemand hat darauf geachtet, dass der Pflegebedürftige genug trinkt.

In über 40 Prozent der untersuchten Pflegeheime erhalten die Bewohner im

Schnitt zehn Medikamente oder mehr. Wettke: "Viele der Medikamente werden den Pflegebedürftigen unkoordiniert von verschiedenen Ärzten verschrieben und vom Pflegepersonal immer weiter verabreicht, mit erheblicher Gefahr von Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Wirkstoffen."

Zwischen dem Preis eines Pflegeheims, in der Stichprobe lag er zwischen 25 und 55 Euro pro Tag, und der Pflegequalität gibt es dabei laut McKinsey keinerlei Korrelation. Auch der Träger eines Heims, ob öffentlich, privat oder kirchlich, erlaubt keine Rückschlüsse auf die Behandlung der Bewohner.

Kein Wunder, denn einen ökonomischen Anreiz, effizient zu wirtschaften, haben die Heime und ihre Bediensteten nicht. Anders als in Krankenhäusern gibt es für Pflegeheime keine Fallpauschalen, die Heime können Pflegeversicherung und Sozialämtern ihre tatsächlichen Kosten in Rechnung stellen. Und den Pflegeversicherten selbst fehlt der Einblick in die Qualität der Heime.

Dabei gibt es durchaus Reformansätze: In mehreren Pilotprojekten bezahlen Krankenkassen Hausärzte inzwischen dafür, dass sie regelmäßig Visite im Pflegeheim machen. Die Kosten für diese Hausbesuche werden mehr als ausgeglichen durch die geringere Zahl an Krankenhauseinweisungen und an verschriebenen Medikamenten.

Und in Sachen Transparenz hat die Große Koalition im Juni immerhin beschlossen, dass die Prüfberichte des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen in Zukunft öffentlich gemacht werden sollen. Wann und in welcher Form das geschieht, ist allerdings noch offen. "Außerdem fehlen dem MDK im Moment Kapazitäten und auch die verbindlichen Qualitätskriterien, um flächendeckend alle Pflegeheime zu evaluieren", kritisiert Wettke. Nur jedes fünfte Heim wird derzeit pro Jahr untersucht, Martina Wilcke-Kros bräuchte dringend zusätzliche Kollegen.

Mit relativ kleinen Schritten, so das Beraterfazit, ließe sich die Qualität der Pflege in Deutschland dramatisch verbessern. Die finanziellen Engpässe der Pflegeversicherung allerdings würden dadurch bestenfalls gemildert. Wären alle von McKinsey untersuchten Heime so effizient wie das obere Viertel, könnten die Kosten pro Pflegefall um 15 Prozent sinken.

Eine Ersparnis, die rasch aufgehoben werden dürfte durch die zunehmende Zahl der Pflegefälle insgesamt. Sie wird von heute gut 2 Millionen auf voraussichtlich 4,3 Millionen im Jahr 2050 steigen. Und noch schneller, da stimmen die meisten Prognosen überein, dürfte der Beitrag zur Pflegeversicherung nach oben klettern, von derzeit 1,7 auf über 4 Prozent. Christian Rickens

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