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Standortstudie Metropölchen-Effekt

Welche deutschen Städte haben die besten Wachstumsaussichten? Ein neues Ranking offenbart versteckte Provinzperlen und überraschende Verlierer.
aus manager magazin 6/2008

Deutschlands Zukunftsmetropole sieht auf den ersten Blick ziemlich alt aus. In Wiesbadens kastanienbeschatteten Villenstraßen trägt der Herr gern noch Glenchecksakko und Handgelenktäschchen. Die Dame speist derweil im Traditionskaffeehaus "Maldaner" Königinnenpastete mit Ragout fin und bunter Salatgarnitur für 6,90 Euro.

Das wichtigste überregionale Wahrzeichen der hessischen Kurstadt dürfte jene Digitalanzeige sein, die über dem Büro des Bundes der Steuerzahler stets den aktuellen öffentlichen Schuldenstand anzeigt. Und so wie dieser Steuerzahlerverband, so wirkt ganz Wiesbaden: ein Relikt der alten Bundesrepublik. Ein lieber Gruß aus jener Ära, in der die Welt erstens noch in Ordnung war und zweitens ganz weit weg.

Doch ausgerechnet in Wiesbaden, der scheinbaren Bastion des Ancien Régime, hat Deutschlands Zukunft ihr Zuhause. So haben es die Forscher des renommierten Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) im Auftrag der Berenberg Bank errechnet. Anhand von 16 Kriterien bestimmten die Wissenschaftler des HWWI die ökonomische Zukunftsfähigkeit der 30 größten deutschen Städte: Welche Orte haben bis zum Jahr 2020 die besten Aussichten für wirtschaftliches Wachstum?

Die Ergebnisse, die manager magazin exklusiv veröffentlicht, liefern nicht nur Anhaltspunkte dafür, wo es sich in Zukunft zu leben und zu investieren lohnt. Die Rangliste fällt auch ein Urteil über die Zukunftschancen des Standorts Deutschland insgesamt. Denn das künftige Wachstum der Weltwirtschaft, da sind sich die Experten einig, wird sich vor allem in Städten abspielen. Bereits heute lebt über die Hälfte der Weltbevölkerung in Ballungsräumen, Tendenz steigend. Städte werden mehr und mehr zu den Orten, in denen Kreativität und Fortschrittsgeist zusammenfinden.

Im internationalen Vergleich weist Deutschland dabei eine Besonderheit auf. Es gibt keine Megametropole vom Typ London oder Tokio. Berlin ist zwar politisches, aber nicht wirtschaftliches Zentrum. Stattdessen existiert in Deutschland eine Vielzahl von relativ kleinen Städten gleichberechtigt nebeneinander.

Doch auch solche Städte aus der dritten Reihe haben gute Chancen, sich in Zukunft wirtschaftlich zu behaupten - wie die HWWI-Rangliste zeigt. Auf den ersten drei Plätzen die üblichen Verdächtigen, die ökonomischen Kraftbolzen Frankfurt, München und Stuttgart. Doch bereits auf Platz vier folgt das überschaubare Wiesbaden. Ebenfalls überraschend gut schneidet Dresden auf Platz fünf ab - vor allem im Vergleich zum ewigen Lokalrivalen Leipzig, der es lediglich auf Platz 25 schaffte. Noch weiter abgeschlagen die drittgrößte sächsische Stadt: Chemnitz belegte den letzten Platz.

Die Stärke der HWWI-Untersuchung steckt in ihrer Zukunftsorientierung. Anders als herkömmliche Städtevergleiche beschränkt sie sich nicht auf einige wenige Kriterien wie Immobilienpreise oder Fahrradfreundlichkeit.

Das HWWI kombiniert statistische Angaben zur derzeitigen wirtschaftlichen Kraft der Städte ("Trendindex") mit Parametern für die Standortqualität, etwa Erreichbarkeit oder Internationalität einer Großstadt ("Standortindex"). Dazu kommt als drittes Kriterienbündel die offizielle Prognose für die lokale Bevölkerungsentwicklung bis 2020 ("Demografieindex").

Ausgerechnet dieser Demografieindex bescherte dem vermeintlichen Pensionärsghetto Wiesbaden seine Spitzenposition. In keine andere der Top-30-Städte möchten so viele Menschen ziehen wie hierher. Die Wiesbadener Bevölkerung wird laut Bundesraumordnungsprognose bis 2020 um 2,39 Prozent zunehmen.

Klingt nicht spektakulär, ist aber ein gewaltiger Unterschied zum Einwohnerschwund in nahezu allen anderen großen Städten. Besonders dramatisch: Chemnitz (minus 13 Prozent), Duisburg (minus 10 Prozent), Wuppertal (minus 8 Prozent).

Michael Volkmer wundert sich nicht über das gute Abschneiden seiner hessischen Wahlheimat. Der 42-jährige blonde Schlaks kam einst zum Designstudium an die Wiesbadener Fachhochschule. Von seinem Zimmer im Studentenwohnheim aus gründete er zusammen mit einer Partnerin die Agentur Scholz & Volkmer, spezialisiert auf das damals heiße Thema interaktive Kommunikation. Erster Kunde war Opel im benachbarten Rüsselsheim, "und seitdem war wegziehen irgendwie nie mehr ein Thema für uns", sagt Volkmer.

Inzwischen beschäftigt seine Agentur rund 100 Mitarbeiter, baut die Websites für Kunden wie Mercedes oder Coca-Cola. Längst hat sich Volkmer seine eigene Theorie zurechtgelegt, warum sich das hektische Internetgeschäft besonders gut mit dem beschaulichen Wiesbaden verträgt. "Sie brauchen einen Gegenpol", sagt er. "Irgendetwas, das Ihnen zeigt: Es gibt auch einen nicht ökonomischen Teil der Welt, in dem Zeit und Raum keinen monetären Wert besitzen, sondern einfach so da sind."

Ein solcher Ort ist für Volkmer das Opelbad: Ein städtisches Freibad, 1934 im Bauhaus-Stil erbaut, hoch oben in den Taunushängen. Eine Stunde Opelbad nach Feierabend, und die Realität hat Volkmer wieder: Den Blick über die Mainebene schweifen lassen, ein paar Bekannte treffen. Die anschließende Fahrt mit dem Saab Cabrio in die 180-Quadratmeter-Gründerzeitwohnung, die Volkmer allein bewohnt, macht das Leben auch nicht wirklich unerträglich.

Als Provinzbewohner sieht sich Volkmer bei alledem nicht, sondern eher als Metropolenbürger der Megacity Rhein-Main: "Ich habe Deutschlands größten Flughafen vor der Haustür und erreiche in einer Stunde ebenso viele exzellente Theater wie in Berlin."

In der Lage liegt das wahre Erfolgsgeheimnis von Wiesbaden. "Zwischen hier und Aschaffenburg leben 4,5 Millionen Menschen", sagt Wiesbadens Oberbürgermeister Helmut Müller (CDU), "eine Million mehr als in Berlin - und zwar auf der gleichen Fläche." Wer nach Wiesbaden zieht, zieht in Wahrheit nicht in die Provinz. Er zieht ins schönste Altbauviertel von Rhein-Main-City.

Im Zweiten Weltkrieg blieb Wiesbaden weitgehend unzerstört, und bereits im 19. Jahrhundert verbannten die Wiesbadener Stadtväter alle Industrie nach außerhalb der Stadtgrenzen, nichts sollte die Idylle des Kurorts stören. Bis heute arbeitet hier lediglich jeder siebte Erwerbstätige im industriellen Sektor. Die Kombination aus architektonischem Charme und verkehrsgünstiger Lage zieht nicht nur Pendler aus dem nahen Frankfurt an, auch als Deutschland- oder Europa-Zentrale für ausländische Unternehmen ist Wiesbaden beliebt.

"Das gute Abschneiden Wiesbadens steht für einen Trend, der sich in nahezu allen Industriestaaten beobachten lässt", sagt HWWI-Direktor Thomas Straubhaar. "Große Metropolen leiden zunehmend unter Agglomerationsnachteilen: hohe Mieten, Verkehrsinfarkt, geringere Lebensqualität." Kleinere Städte in Ballungsraumnähe profitieren hingegen laut Straubhaar von Infrastruktur und Kulturangebot der großen Nachbarn - und vermeiden zugleich deren Nachteile.

Auch Bonn als kleiner Nachbar von Köln schneidet im HWWI-Ranking gut ab, ebenso wie Augsburg als erweiterter Vorort von München. Aber warum funktioniert dieser Metropölchen-Effekt nicht bei allen Städten in der Nähe großer Ballungsräume?

Was zum Beispiel läuft falsch in Wuppertal? Die 360 000-Einwohner-Stadt liegt ähnlich weit von Köln entfernt wie Wiesbaden von Frankfurt. Zum Interkontinentalflughafen Düsseldorf sind es auch nur 30 Autominuten. Hübsche Gründerzeitviertel ziehen sich auch an den Wupper-Hängen entlang, und direkt am Flußufer stehen zuhauf jene rotklinkernen Fabriklofts, für die ein Werber im nahen Düsseldorf-Oberkassel sofort seine Breitling-Uhr versetzen würde. Doch in Wuppertal stehen viele der alten Gemäuer leer. Immer mehr Bewohner kehren der Stadt den Rücken.

"Wuppertal ist ein Paradebeispiel für eine ehemalige Industriestadt, die den Strukturwandel nicht geschafft hat", sagt HWWI-Chef Straubhaar. Die Stadt habe es versäumt, rechtzeitig Inves-toren aus dem Dienstleistungsbereich anzulocken.

Entlang der Wupper zogen sich bereits um 1850 die Textilfabriken, lange bevor die Industrialisierung im restlichen Deutschland Fuß fasste. Die meisten der unzähligen Textil-Kleinbetriebe und Mittelständler starben in den 80er und 90er des 20. Jahrhunderts einen schleichenden Tod.

Doch bis heute haben sich in Wuppertal Gewerke gehalten, die man im Hochlohnland Deutschland gemeinhin für ausgestorben hält. Zum Beispiel im fünfstöckigen Klinker-Fabrikgebäude von Barthels-Feldhoff. Eingeklemmt zwischen Wupper, Schwebebahn und Gründerzeit-Mietshäusern stellen einige Dutzend Arbeiter wundersame Dinge her: Garn wird gefärbt für Schnürsenkel der Marke "Ringelspitz"; Angelleinen werden hergestellt und feine Drahtgeflechte, die sich bei genauerer Betrachtung als Schneckenschutzgitter entpuppen.

Die Zukunft der Arbeit sieht anders aus.

Doch der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft ist in Wuppertal bis heute kein großes Thema. Trotz aller Krisen arbeitet in Wuppertal noch immer fast jeder dritte Beschäftigte im industriellen Bereich - so viele wie in keiner anderen Stadt im HWWI-Ranking.

Das soll auch so bleiben. "Ich kann mir keine Gesellschaft vorstellen, in der wir uns alle nur noch gegenseitig Dienstleistungen erbringen", sagt Oberbürgermeister Peter Jung (CDU) unter den altersdunklen Ölgemälden, die in seiner Amtsstube von Wuppertals goldenen Zeiten künden. "Wir wollen die forschungs- und entwicklungsintensiven Industriebetriebe in Wuppertal stärken - mitsamt der nachgelagerten Fertigung."

Bei solchen Sätzen hat Jung, selbst Inhaber einer kleinen Werkzeugfabrik, wahrscheinlich Unternehmen wie Vorwerk Autotec im Sinn: Noch 1989 beschäftigte der inhabergeführte Betrieb in Wuppertal 1200 Mitarbeiter. Zehn Jahre später waren es weniger als 100. Aus Kostengründen hatte der Automobilzulieferer die gesamte Fertigung nach Polen verlagert. Inzwischen arbeiten immerhin wieder 200 Menschen bei Vorwerk Autotec, ein Drittel in der Entwicklungsabteilung.

Doch um wirklich zu einem Standort für die Hightech-Industrie zu werden, fehlt Wuppertal etwas ziemlich Entscheidendes: die inhaltliche Nähe zur Wissenschaft. "In den vergangenen sieben Jahren hat sich nicht ein einziger Absolvent der hiesigen Uni bei uns beworben", klagt Vorwerk-Geschäftsführer Helge Förster.

Auf dem 70er-Jahre-Betoncampus der Bergischen Universität zu Wuppertal gibt es zwar eine Abteilung für Maschinenbau. Doch an der lehren gerade mal acht Professoren, halb so viele wie bei den benachbarten Germanisten.

Ein schwerwiegendes Handicap für die Stadt. Denn je wissensintensiver eine Branche, desto weniger lassen sich Unternehmen bei ihren Standortentscheidungen von Gleisanschlüssen, billigen Gewerbegrundstücken und Steuernachlässen leiten. Und umso wichtiger wird im Gegenzug die Frage, ob sich an einem Standort die richtigen Mitarbeiter tummeln. "Ich könnte sofort zehn Stellen für Ingenieure und Techniker besetzen", sagt Vorwerk-Mann Förster, "wenn ich denn welche fände."

Eine Hochschule mit einem Fächerschwerpunkt, der zur lokalen Wirtschaftsstruktur passt: Das ist schon mal ein Anfang. Doch wovon hängt es sonst noch ab, ob sich hochproduktive Wissensarbeiter zu einer Stadt hingezogen fühlen?

Der US-Amerikaner Richard Florida nennt einen Doktortitel im Fach Stadtplanung sein Eigen. Normalerweise ist das nicht die allerbeste Voraussetzung, um Popstar zu werden. Doch Florida hat es geschafft. Seine Bücher sind Bestseller, seine Vorträge gleichen päpstlichen Generalaudienzen.

Gerade hat Florida auf dem Hamburger "Trendtag" die Eröffnungsrede gehalten, natürlich ohne Manuskript und Powerpoint. Sein Credo kann er längst auswendig hersagen: Es gibt eine neue Klasse von Kreativarbeitern, die in den Industriestaaten inzwischen ein Drittel aller Beschäftigten ausmacht und einen noch weitaus größeren Teil der Wertschöpfung erbringt. Künstler und Wissenschaftler zählt er dazu, aber auch Manager, Ärzte und Ingenieure.

Eine Stadt, die wirtschaftlich aufsteigen will, muss laut Florida vor allem dafür sorgen, dass sich die kreative Klasse wohlfühlt. Dann kommen auch die Unternehmen, die nach qualifizierten Arbeitskräften Ausschau halten. Eine Vielzahl potenzieller Arbeitgeber macht eine Stadt wiederum noch attraktiver für die Kreativen. Eine Aufwärtsspirale kommt in Gang.

Im Gespräch nach dem Vortrag wirkt Florida deutlich nachdenklicher als eben noch auf der Bühne. Er lässt seinen Blick über die frühlingsgrüne Hamburger Rothenbaumchaussee schweifen. "You know", sagt Florida, "ihr in Europa habt in euren Städten so vieles von dem, was die kreative Klasse anzieht: viel Grün, kurze Entfernungen, eine lebendige Kulturszene. Alles Dinge, an denen amerikanische Städte mühsam arbeiten müssen." Doch um wirklich zum Magneten für die kreative Klasse zu werden, fährt er fort, fehle es in Kontinentaleuropa vor allem an Offenheit gegenüber qualifizierten Zuwanderern: "Ihr müsst die Leute, die euch voranbringen könnten, auch ins Land lassen."

Floridas Thesen spiegeln sich an vielen Stellen in der Methodik des HWWI wider. Ein hoher Anteil von ausländischen Beschäftigten und Studenten geht positiv in die Bewertung ein, ebenso möglichst viele Beschäftigte mit Hochschulabschluss.

Die Theorie von der kreativen Klasse hilft auch, eines der überraschendsten Ergebnisse des HWWI-Rankings zu verstehen: den weiten Abstand zwischen den sächsischen Metropolen Dresden (Platz 5) und Leipzig (Platz 25). Hatte nicht Leipzig in den vergangenen Jahren die eindrucksvolleren standortpolitischen Erfolge zu vermelden? Ansiedlung der Autofabriken von Porsche und BMW, der Logistikzentren von DHL und Amazon? Die für Dresden besonders wichtige Halbleiterindustrie hingegen steckt in der Krise.

Also Vorteil Leipzig? Im Gegenteil. "Langfristig hat Dresden die deutlich besseren Wachstumsperspektiven als Leipzig", sagt HWWI-Chef Straubhaar. "Die Stadt setzt auf Branchen, die kluge Köpfe in die Stadt ziehen. Die werden selbst dann für wirtschaftliche Dynamik sorgen, wenn einzelne Unternehmen in Schwierigkeiten geraten." Pro Kopf werden in Dresden viermal so viele Patente angemeldet wie in Leipzig, in Dresden arbeiten prozentual doppelt so viele Beschäftigte in Forschung und Entwicklung.

Einer von ihnen ist Charl van Zyl. Der 40-jährige Südafrikaner hat elf Jahre Konzernkarriere beim Pharmakonzern Novartis hinter sich: Tokio, Kapstadt, Amerika, Basel.

Und jetzt Dresden. Ein schmuckloses Büro gegenüber vom Netto-Markt. Statt Senior Vice President steht nun CEO auf van Zyls Visitenkarte. CEO einer 18-Mann-Bude namens Jado Technologies. Umsätze: keine. Dafür aber eine Wagniskapital-Finanzierungsrunde, die dringend geschlossen werden muss.

"Ich hatte das Gefühl, dass meine Lernkurve bei Novartis abflacht. Jado war für mich die größere Herausforderung", sagt van Zyl. Typisch kreative Klasse: Selbstverwirklichung im Beruf zählt für sie zu den wichtigsten Lebenszielen.

Jados Kapital ist ein patentgeschütztes neues Verfahren, um medizinische Wirkstoffe an Zellmembranen zu binden. Eines Tages könnte daraus ein Blockbuster-Medikament gegen Alzheimer entstehen. Entwickelt wurde das Verfahren am Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik, nur wenige hundert Meter entfernt von van Zyls Büro. "Ohne das Max-Planck-Institut hätte sich die Biotech-Branche in Dresden niemals entwickeln können", sagt van Zyl. "Die jungen Wissenschaftler kommen als Doktoranden in die Stadt, viele landen später in einem der Start-ups - oder gründen eventuell sogar selbst eines."

Oder sie gehen zu GlaxoSmithKline. Der Pharmakonzern hat Anfang 2008 ein bestehendes Werk für Grippeimpfstoffe deutlich erweitert und die Belegschaft verdoppelt, auf rund 650 Mitarbeiter. Ein Viertel davon sind Akademiker, zwei Drittel gelernte Laboranten oder Techniker. "Die Sicherheit, dass wir in Dresden genug qualifiziertes Personal finden, war einer der wichtigsten Faktoren bei unserer Standortentscheidung", sagt Peter Schu, Leiter des Impfstoffwerks. Auch Mitarbeiter von anderen Glaxo-Standorten zu rekrutieren sei kein Problem, "Dresden ist populär und gilt als attraktive Stadt. In Cottbus oder Halle hätte das anders ausgesehen."

In seine Lebensqualität kann Dresden kräftig investieren, denn die Stadt ist schuldenfrei: 2006 verkaufte sie ihre städtischen Wohnungen für 1,7 Milliarden Euro an einen US-Investmentfonds. Damals umstritten, aus heutiger Sicht ein Geniestreich. "Die Stadtverwaltung hat den Verkauf über zwei Jahre hinweg vorbereitet und beim höchstmöglichen Preis zugeschlagen. Wirklich clever." Das sagt voller Bewunderung Uwe Albrecht (CDU), und der ist Wirtschaftsbürgermeister - von Leipzig.

In Albrechts Heimatstadt hingegen wurden zwischen Wende und heute 900 Millionen Euro Schulden angehäuft - vor allem unter dem langjährigen Oberbürgermeister und heutigen Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee. Zugleich entstand ein verfilztes Geflecht von 163 städtischen Beteiligungsbetrieben.

Sicher, auch in Leipzig lässt sich's leben. Die Kneipen- und Studentenszene wirkt hier sogar um einiges bunter als im superseriösen Dresden. Auch in Leipzig existiert eine Biotech-Szene, wird biomedizinische Grundlagenforschung üppig aus Landesmitteln gefördert.

Doch anders als in Dresden fehlt in Leipzig der Fokus auf Hightech-Branchen. Die Leipziger Universität ist eher geisteswissenschaftlich ausgerichtet. Über Jahre hinweg wurde in Leipzig vor allem die Medienindustrie gefördert. Doch vom Traum einer Medienmetropole ist nicht viel geblieben außer den Zuschussbetrieben Buchmesse und Mitteldeutscher Rundfunk.

Amazon und DHL wiederum, die beiden jüngsten Großinvestoren, schaffen zwar vergleichsweise viele Arbeitsplätze - aber vor allem im niedrigqualifizierten Bereich. Solche Jobs können auch schnell wieder verlagert werden, falls anderswo die Löhne noch günstiger ausfallen - oder die Subventionen noch üppiger. Jeder der 2000 DHL-Arbeitsplätze in Leipzig wurde allein aus EU-Mitteln mit 35 000 Euro gefördert.

Dresden und Leipzig: Zwei Städte, die 1990 unter ähnlichen Voraussetzungen in die Marktwirtschaft starteten. Heute sind sie in höchst unterschiedlichem Maß für die Zukunft gerüstet. Ähnliches gilt für Wiesbaden und Wuppertal. Beide sind durch ihre Ballungsraumlage privilegiert - aber die Chancen, die sich daraus ergeben, haben die einen genutzt, die anderen verpasst. So gesehen vermittelt das Städteranking eine ermutigende Botschaft: Gute Politik macht einen Unterschied. Mit der rich-tigen Strategie können sich auch die deutschen Metropölchen im globalen Standortwettbewerb behaupten.

Größe ist eben doch nicht alles.

Christian Rickens

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