Körpersprache Wladimir Putin - Robin Hood für Große

Von Stefan Verra
Foto: SPUTNIK/ REUTERS

Das Charisma eines Dalai Lama, Barack Obama oder Manuel Macron fehlt ihm. Völlig. Und doch hat er einen politischen track record, bei dem die Genannten zum Grußaugust verkommen. Putin ist kein Hingucker, keine Rampensau - und doch hat er in Russland mehr Zustimmung, als wir das vermuten würden. Besonders in ärmeren, ländlichen Schichten genießt er hohes Ansehen.

Stefan Verra
Foto: Severin Schweiger

Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten im deutschen Sprachraum. Er ist Gastdozent, Bestsellerautor und teilt seine Tipps und Körpersprache-Analysen auf stefanverra.com . Sein aktuelles Buch: "Leithammel sind auch nur Menschen - Die Körpersprache der Mächtigen" 

Seine Körpersprache ist kein Hingucker - und genau darin liegen drei Geheimnisse, die sich Manager abschauen sollten. Groß geworden in Jelzins Regierungsjahren, als Oligarchen das Land "übernommen" hatten. Der kleine Mann in Russland wurde plötzlich zum Spielball der neuen Arbeitgeber.

Da tritt dieser unscheinbare Mann auf und gibt den Robin Hood für Große.

2017 besuchte Putin eine russische Fabrik, in der zahlreiche Arbeiter von der Kündigung bedroht waren. Die Fabrikeigner saßen mit ihm um einen Tisch, unter ihnen war Oleg Deripaska. Er ist Eigentümer eines der größten Industrie- und Aluminiumkonzerne Russlands und vielfacher Milliardär. Putin hob an zu einer Tirade gegen die umsitzenden Oligarchen. Er sprach davon, wie verantwortungslos sie sei en, und dass sie tausend e Arbeiter schlecht behandeln würden. Er nannte die Anwesenden "Kakerlaken", die "inkompetent" und "raffgierig" seien.

Wenn sie, die Fabrikeigner, nicht zu einer Einigkeit kommen würden, würde er die Sache in die Hand nehmen. Und damit meinte er nicht mehr und nicht weniger als eine Enteignung. Dabei schaute er die Umsitzenden mit nach vorne geneigtem Haupt und stechendem Blick an. "Haben alle die Vereinbarung zur Übergabe der Fabrik unterzeichnet?" "Deripaska? Hast du unterschrieben? Ich sehe deine Unterschrift nicht. Unterschreibe es!" Putin warf einen Kuli neben sich auf den Tisch. Mit ausgestrecktem Finger deutet e er auf die Stelle, wo der Oligarch zu unterschreiben habe. Deripaska unterschrieb brav .

Nun funktioniert diese Dominanz nur, wenn man dominant wirkt. Wenn so etwas jemand in einer Joachim-Gauck-Körpersprache sagen würde, dann würden die Oligarchen maximal freundlich lächeln. Aber nur mit einem Mundwinkel.

Was Steinböcke und Putin gemeinsam haben

Die Stirn nach vorn geneigt ... dieses "Kampfsignal" ist in uns Menschen noch tief verankert

Die Stirn nach vorn geneigt ... dieses "Kampfsignal" ist in uns Menschen noch tief verankert

Foto: DPA

Putin neigt seinen Kopf nach vorne. Mit dieser Kopfhaltung macht sich ein Mensch auch kleiner. Jede Form der Kopfneigung verringert die Körpergröße, so eben auch die Neigung nach vorne. Statisch gesehen ist das eine sehr unsinnige Haltung und der Körper tut das nur, wenn er sich einen Nutzen von dieser energieuneffizienten Haltung verspricht.

Wenn also Box-Riese Wladimir Klitschko durch eine durchschnittliche Türe geht, hält er den Kopf nach vorne gebeugt, um sich nicht anzuhauen. (Er hat ohnehin schon genug auf die Birne bekommen.) Er nimmt den Kopf also aus der Falllinie, um seinen Körper zu schützen.

Ich wage zu behaupten, dass Putin den Kopf nicht beugt, um ihn sich nicht am Türrahmen anzuschlagen. Das würde ihm bei einer Körpergröße von 1,70 Meter auch nicht passieren. Kleiner machen ist auch ein Signal der Unterordnung, wobei uns das bei Wladimir Putin auch nicht in den Sinn kommt.

Es muss also wohl etwas anderes dahinter stecken.

Mit dieser Kopfhaltung senkt sich auch die Stirn nach vorne. Und das ist der widerstandsfähigste Teil des Cranium (Schädel). Steinböcke prallen genau mit diesem Knochenteil aufeinander, und dieses Kampfsignal ist in uns Menschen noch tief verankert.

Putin zeigt damit sehr viel Kampfeslust und verleiht seinen Worten einen enormen Nachdruck.

Botoxmimik ohne Botox(?)

Kaum Bewegung, kaum Mimik, kaum Gesten

Kaum Bewegung, kaum Mimik, kaum Gesten

Foto: AP

Steifer Nacken, unbewegte Augenbrauen, gebremstes Lächeln, wenig Kieferbewegung, Finger zu Fäusten gekrümmt und noch viel mehr belegen, dass Putin in seinen Bewegungen sehr zurückhaltend ist. Wehe, Sie wollen daraus gleich ein Psychogramm erstellen oder eine körperliche Ursache festmachen. Das einzige, was wir seriöserweise beurteilen können, ist die Wirkung. Und die verfehlt ihr Ziel nicht. Hier ist jemand, der nicht weiter diskutieren will.

Nachdem Sie von meinen Arbeiten wissen, dass ich ein Verfechter von Ausdrucksstärke bin, laufe ich hier nicht Gefahr zu sagen: Ausdrucksstark ist auch, wer manchmal keinen zeigt. Betonung auf manchmal.

Haben Sie überhaupt eine Ahnung, wie viel tote Meetingzeit in Deutschland gespart werden könnte, wenn Führungskräfte manchmal den Mumm hätten und nicht jede Kleinigkeit in eine StuhlkreisFlipchartdiskussion ausarten lassen. Nein, ich bin kein Managementchauvi aber Faktum ist: Wenn der Chef/in weiß, was er will, gibt er der Belegschaft Sicherheit (Gruß an die Bundesregierung).

Schauen ist eine Kunst!

Schauen ist eine Kunst

Schauen ist eine Kunst

Foto: Alexei Druzhinin/ AP

Vielleicht ist der russische Präsident mit seinem Körper kein besonders talentierter Kommunikator, aber eines kann er unglaublich gut: Schauen! Ja, schauen. Sie denken, das sei keine Kunst? Sie meinen, das können Sie mit links? Warum müssen Sie dann bei ihren Kindern immer laut werden, bis die tun, was Sie von Ihnen verlangen? Na? Sehen Sie. Weil Sie nicht schauen können! Also lernen Sie von Wladimir!

Bei einer Versammlung in Moskau waren alle Regionalvorsitzenden um einen runden Tisch versammelt. Die Sitzordnung war natürlich hierarchisch gegliedert. Die Wichtigsten hatten ihren Platz direkt neben Putin. Je weiter entfernt einer saß, desto unbedeutender war er. Einer der "Nahsitzer" war bei Putin in Ungnade gefallen. Entweder wusste er das nicht oder er hatte es ignoriert. Als Putin den Raum betrat, standen die Männer auf. Putin blickte in die Runde und sah den missliebigen Mann in seiner Nähe. Wortlos fixierte er ihn mit den Augen. Die Sekunden fühlten sich auch für den Zuschauer ewig an. Ohne Kommentar packte der schließlich seine Unterlagen und nahm einen Platz weitab des Chefs ein.

Wer es schafft, sein Gegenüber wortlos zu fixieren, der setzt sich durch. Vielleicht machen Sie das nicht beim Jahresgespräch mit ihren direct reports und auch nicht am Hochzeitstag. Wenn aber der eine Mitarbeiter im Meeting ständig meint, aus der Reihe tanzen zu müssen, reicht ein Putinblick. Wenn der Kunde endlos Preise verhandelt, reicht ein Putinblick. Und wenn der angetrunkene Kollege an der Bar jedes Gefühl für Distanz zur Kollegin verliert, reicht ein Putinblick.

Kopf nach vorne, unbewegte Mimik & stechender Blick

Diese 3 Faktoren werden Ihnen ein besonders starkes Durchsetzungsvermögen geben. Probieren Sie es aus, aber übertreiben Sie es nicht und setzen Sie das nur in ausgewählten Situationen ein. Denn als Standardhaltung würden Sie damit zuviel Sympathien einbüßen.

Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten in Deutschland, Dozent und Autor zahlreicher Bücher. Verra ist Mitglied der Meinungsmacher von manager-magazin.de. Dennoch gibt sein Beitrag nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider.

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