Referendum als Wechsel des Spielfeldes Wie Varoufakis uns zum Weiterzahlen zwingen will

Von Christian Scholz
Von Christian Scholz
Yanis Varoufakis: Jeder Tag, den der Finanzminister durch seine Tricks und seine permanenten Wechsel des Spielfeldes gewinnt, macht die Austrittsbarrieren für Angela Merkel größer und einen großzügigen bis vollständigen Schuldenerlass wahrscheinlicher

Yanis Varoufakis: Jeder Tag, den der Finanzminister durch seine Tricks und seine permanenten Wechsel des Spielfeldes gewinnt, macht die Austrittsbarrieren für Angela Merkel größer und einen großzügigen bis vollständigen Schuldenerlass wahrscheinlicher

Foto: REUTERS

Gegenwärtig ist es beliebte politische Rhetorik, Yanis Varoufakis als dreisten Lügner, dummen Populisten oder stolzen Besitzer einer traumhaften Eigentumswohnung über den Dächern Athens zu beschreiben. Nebenbei fällt auch das Wort "Wirtschaftsprofessor", aber meist in einem negativen Ton, ähnlich wie vor zehn Jahren bei dem "Professor aus Heidelberg".

Aber anders als bei diesem Professor Paul Kirchhof, dessen angeblich so einfaches Steuersystem in Wirklichkeit hoch komplex war, wirkt die Idee von Varoufakis komplex und undurchschaubar, ist aber in Wirklichkeit einfach.

Denn Varoufakis' Idee besteht nur aus zwei Bausteinen, die zwar nicht neu sind, aber trotzdem von vielen Politikern als Nicht-Ökonomen nicht verstanden werden:

Christian Scholz
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Christian Scholz ist Experte für Personalwirtschaft und war bis 2018 Professor an der Universität des Saarlandes . Sein Schwerpunkt ist die Erforschung der Arbeitswelt, 2003 entstand die Trendstudie "Spieler ohne Stammplatzgarantie", 2014 das Nachfolgebuch zur Generation Z . Der Titel seines aktuellen Buches lautet "Mogelpackung Work-Life-Blending: Warum dieses Arbeitsmodell gefährlich ist und welchen Gegenentwurf wir brauchen¿.

Der eine Baustein ist die auf Michael Porter und das Jahr 1976 zurückgehende Marktaustrittsbarriere. Danach muss man immer dafür sorgen, dass die Kosten des Gegenspielers so hoch werden, dass er sich nicht (mehr) zurückziehen kann und damit erpressbar wird. Die simple Logik, die man in der Vorlesung von Michael Porter an der Harvard Business School eindrucksvoll gepredigt bekommt, haben auch Vertreter aus dem deutschen Finanzsystem gelernt, als sie das Dogma "Zu groß, um unterzugehen" aufgestellt und sich damit dauerhaft zu Siegern erklärt haben.

Der andere Baustein stammt aus der Spieltheorie. Hier beschränkt sich Varoufakis aber nicht auf Trivialmodelle wie das Feigling-Spiel, bei dem es darum geht, wer mit welchen Konsequenzen als erster aus dem Duell aussteigt. Es geht Varoufakis auch nicht nur darum, auf dem Spielfeld in mehreren Zügen zu denken (bereits damit wäre er weiter als die meisten Politiker und viele Spieltheoretiker). Nein, er plant mehrere Züge auf mehreren unterschiedlichen Spielfeldern hintereinander: Während seine Gegner noch glauben, man würde Poker spielen, schaltet er um auf Bridge und denkt schon über Canasta nach.

Der Gegner muss die Kräfte bündeln - und wird durch neue Entwicklungen verblüfft

Varoufakis hat dieses Spiel mit den beiden Bausteinen ganz anders gelernt als seine politischen Kontrahenten: Er hat für das Unternehmen Valve-Software an und mit Computerspielen wie Counter-Strike gearbeitet. Hier konnte er virtuelle Finanzströme und reales Spielverhalten jenseits echter Finanzströme untersuchen. Dabei hat er auch gelernt, wie Spieler unter Zeitdruck reagieren und wie man komplexe Spiele, die über einen längeren Zeitraum laufen, alleine dadurch gewinnt, dass der Gegner seine Kräfte binden muss (Austrittsbarrieren) und durch neue Entwicklungen verblüfft wird (Wechsel des Spielfeldes). Diese Vorkenntnisse erschließen ihm eine andere Welt und erlauben ihm ganz andere Spielweisen.

Deswegen ist Varoufakis auch mit traditionellen Denkmustern nicht zu knacken: Harmlose Bürokraten verhandeln über irgendwelche Auszahlungs- und Rückzahlungsraten - natürlich ohne Ende. Dann kommt der Schuldenerlass ins Spiel - natürlich auch ohne eine Lösung zu produzieren, denn der Schuldenschnitt hat weder etwas mit dem aktuellen Problem, noch mit seiner Lösung zu tun.

Und während bei uns die üblichen Gutmenschen noch von "Solidarität" träumen, ist Varoufakis schon wieder einen Schritt weiter: Jetzt kommt für alle überraschend das Referendum ("Bürger, stimmt dafür, dass wir das Hilfspaket nicht annehmen und weiter verhandeln").

Die Idee ist genial: Denn Europa muss wegen der Austrittsbarriere irgendwie doch weiterzahlen. Damit erhöht jeder Tag zwar die Schulden von inzwischen rund 300 Milliarden Euro (was Varoufakis aber sowieso egal ist), vor allem aber die liquiden Mittel: Auf der einen Seite stapeln sich also die realen Banknoten, auf der anderen Seite die irrelevanten Schulden. Und jeder Tag macht die Austrittsbarrieren für Angela Merkel sowie Wolfgang Schäuble größer und den vollständigen Schuldenerlass wahrscheinlicher.

Wie die Euro-Politiker jetzt reagieren müssen

Gerade weil die Politik der aktuellen griechischen Regierung letztlich ausschließlich der griechischen Oberschicht hilft und die übrigen Griechen in eine humanitäre Krise stürzt, muss man handeln. Natürlich kann man Griechenland nicht "einfach aus dem Euro werfen", wie es einige unserer Politiker so schön ankündigen.

Und auch das Aussprechen einer Reisewarnung für Griechenland durch das Auswärtige Amt "als Strafe" ist sicher keine Option. Aber man könnte über folgende fünf Ideen nachdenken:

(1) Der Kapitaltransfer von und nach Griechenland sollte weitreichend unterbunden werden. Jeder weitere Tag, an dem Eurogelder nach Griechenland und von dort auf Konten ins Ausland fließen, kostet den deutschen Steuerzahler Geld, der sowieso schon mit bald 100 Milliarden zur Kasse gebeten wird. Derartige Kapitalverkehrskontrollen durch die anderen europäischen Staaten (also nicht durch Griechenland) sind zwar nicht ganz einfach, würden aber Varoufakis in akute Schwierigkeiten bringen und könnten ihn zum Umdenken zwingen. Natürlich entspricht das nicht der Logik unserer Finanzmärkte. Aber Varoufakis folgt ja auch nicht den normalen Spielregeln.

(2) Statt Banknoten sollten wir lieber Lebensmittel und Medikamente nach Griechenland schicken. Finanziert werden sollte dieses Programm durch diejenigen deutschen Banken, die in den letzten Jahren die Gewinne aus den Griechenlandgeschäften einfahren und alle Lasten auf den Steuerzahler umschichten durften.

(3) Griechische Unternehmen sollten sich rasch mit deutschen beziehungsweise europäischen Unternehmen an einen Tisch setzen und darüber nachdenken, wie man Wirtschaftsaktivitäten ankurbeln kann. Dabei darf es nicht um einen "Ausverkauf" gehen. Vielmehr muss eine komplementäre Verbindung von Wettbewerbsvorteilen zum beidseitigen Nutzen in den Mittelpunkt rücken.

(4) Man könnte der griechischen Regierung die politische Bühne entziehen. Statt medienwirksamen Auftritten in Talkshows und in Brüssel, sollte man sich daran erinnern, was Deutschland und Frankreich vor 15 Jahren (fälschlicherweise!) mit Österreich gemacht haben, als dort die ultrarechte FPÖ in die Regierung kam. Es wurden die bilateralen Beziehungen im politischen Bereich eingefroren und österreichische Politiker bei der Vergabe von Ämtern nicht mehr unterstützt. Natürlich entspricht so ein Schritt definitiv nicht der Logik Europas. In diesem Falle wäre es aber angebracht und zeigt, wie man im Stil von Varoufakis auf andere Spielfelder ausweichen und vor allem Politiker treffen kann.

(5) Im gleichen Umfang, in dem die politischen Beziehungen zu Griechenland reduziert werden, sind andere, institutionelle Beziehungen zu intensivieren. Kultur, Sport, Bildung sowie universitäre Forschung und Lehre sollten an die Stelle des spieltheoretischen Opportunismus von Varoufakis treten. Denn Europa ist mehr als eine Gruppe von Politikern, die offenbar nicht so richtig verstehen, um was es bei Europa wirklich geht!

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