Dienstag, 23. April 2019

Öffentlichen Nahverkehr kostenfrei anbieten Nie mehr schwarzfahren

Verschwendung von Steuergeldern oder sinnvolle Kommunalpolitik: Sollen Busse und Bahnen des Nahverkehrs kostenlos genutzt werden können?

3. Teil: Freie Verkehrsmittelwahl ohne Kostenschere im Kopf

Zweiter Grund: Kostenfreier Nahverkehr baut die Zutrittshürde für Autofahrer ab. Wer sich ein Auto gekauft hat, benutzt den öffentlichen Nahverkehr oft nur noch in absoluten Ausnahmefällen. Dabei gilt für jeden, dass es Fahrtzwecke gibt, die ein Auto erfordern, aber auch solche, bei denen das weder Zeitvorteile bringt noch nötig ist. Ein flexibler Wechsel wird aber verhindert, wenn die Investition in das Auto nur Grenzkosten wirksam werden lässt und die Tarife für Einzelfahrten des Nahverkehrs meist über zwei Euro liegen.

Der kostenfreie Nahverkehr wird daher eine freie Verkehrsmittelwahl für alle erlauben, ohne Kostenschere im Kopf. Und damit wird die Zahl der Fahrgäste deutlich steigen. Wie hoch die Preiselastizität ist, kann heute indessen niemand sagen. Das Experiment wurde in Deutschland noch nie gewagt. Die Zeit ist reif dafür. Und es gibt dafür ein Vorbild. In den 90er Jahren wurden an nahezu allen deutschen Universitäten so genannte Semestertickets eingeführt. Meist sind das Halbjahrestickets, die vorab und obligatorisch von allen Studierenden bezahlt werden. Das war zunächst umstritten, ist heute aber Standard und hat ganz wesentlich dazu beigetragen, dass sich das Mobilitätsverhalten junger Leute dramatisch gewandelt hat.

Es ist eine ganze Generation herangewachsen, die es gewohnt ist, jederzeit ohne über Kosten und Tarife nachzudenken den Nahverkehr nutzen zu können. Sie wird es schnell als gesellschaftlichen Fortschritt und einen Zuwachs an Freiheitsgraden begreifen, wenn dies auch nach dem Studium erhalten bleibt. Für Umwelt, sozialen Ausgleich und Freiheit ist der kostenfreie Nahverkehr eine gute Idee. Der Bund sollte sie mit einem Modellprojekt testen. Am besten in Tübingen.

Boris Palmer (Bündnis90/Die Grünen) ist Oberbürgermeister von Tübingen und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de.

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