Die romantische Rhetorik der Energiewende Bitte nicht mit Argumenten stören!

Die Energiewende scheint in einer Krise zu stecken. Unsere Gastkommentare zu diesem Thema haben zu einer lebhaften Diskussion geführt. In seinem neuen Beitrag kritisiert der Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI) die Rhetorik des Jahrhundertprojekts.
Von Marc Oliver Bettzüge
Irgendwie sollte das mit der Energiewende so funktionieren wie bei der Saarschleife - das romantische Herz freut sich und der Strom fließt trotzdem.

Irgendwie sollte das mit der Energiewende so funktionieren wie bei der Saarschleife - das romantische Herz freut sich und der Strom fließt trotzdem.

Foto: Werner_Baum/ picture-alliance / dpa

Ob August Heinrich von Fallersleben sich über das deutsche Projekt der sogenannten 'Energiewende' gefreut hätte? Immerhin hat Deutschland wieder eine Mission. Dieses Mal geht es um nichts weniger als die Rettung der Welt. Hehre Ziele für die Gestalt unseres Energiesystems sollen uns zu edler Tat begeistern. Und auch wenn wir nur ein Vierzigstel der globalen Energiewirtschaft sind, ist unsere Verantwortung gewaltig. Denn, so wird gesagt, "wenn es Deutschland nicht schafft, wer dann?" (Jeffrey D. Sachs).

Kritischen Beobachtern wird getrotzt statt ihnen zugehört. Denn nun halten wir in guter deutscher Tradition auf dem einmal eingeschlagenen Weg brüderlich zusammen. Die Energiewende sei "ein nationaler Konsens" (Winfried Kretschmann) und daher müssten sie "alle Menschen in Deutschland gemeinsam stemmen" (Peter Altmaier).

Die großspurige Rhetorik, zu der die "Energiewende" seit dem atomaren Raus-aus-den-Kartoffeln-Moment im März 2011 offensichtlich einlädt, hätte Herrn von Fallersleben sicherlich gut gefallen. Doch genau diese Grandiosität der Sprache steht einer aufgeklärten Debatte über die deutsche Energiepolitik im Wege.

Marc Oliver Bettzüge
Foto: Joachim Rieger

Marc Oliver Bettzüge ist Professor für Volks-wirtschaftslehre an der Universität zu Köln sowie Direktor des Energie-wirtschaftlichen Instituts (EWI). Er befasst sich insbesondere mit institutionellen und wirtschafts-wissenschaftlichen Grundsatzfragen der Energiewirtschaft und der Energiepolitik.

Beim Wort genommen bezeichnet "Energiewende" den Übergang hin zu einer imaginierten Energie-Zukunft, in der erst Deutschland und bald darauf die ganze Welt vollständig auf die Umwandlung fossiler und nuklearer Energieträger verzichten werden. Darunter machen wir es nicht.

Diese radikale Vision begeistert viele Deutsche. Denn sie suggeriert ein Ideal der vorzivilisatorischen Unschuld, und sie beweist unseren Edelmut vor allen anderen Völkern auf unserem Planeten. Im Lichte solcher Hochherzigkeit verblassen ökonomische oder machtpolitische Erwägungen zu kleinmütiger Krämermentalität. Was zählt, ist die edle Tat: "Gutes" finanziell fördern (Wind, Photovoltaik, sonstige Energieeffizienztechnologien) und auf "Böses" verzichten (Nuklear, fossile Energieträger).

Doch in der realen Welt des Jahres 2015 haben die derart verteufelten Energiequellen immer noch global einen Anteil von über 90 Prozent am Energiegeschäft. Und auch im selbst ernannten Vorbildland zwischen Rhein und Oder-Neiße liegt ihr Anteil nur geringfügig darunter. Daher ist die idealistische, moralisch aufgeladene Teilung in "gute" und "böse" Energieträger für reale Energiepolitik ungefähr so hilfreich wie ein sortenreiner Pazifismus für eine erfolgreiche Außen- und Sicherheitspolitik. Oder wie die Vorstellung des natürlichen 'Endziels' einer 'klassenlosen Gesellschaft' für die gedeihliche Entwicklung von Wirtschaft und Gemeinwesen.

Wir übernehmen kritiklos eine völlig überhöhte Rhetorik

Statt konkrete Energiepolitik aus einer radikalen Idealvorstellung abzuleiten, könnten wir also auch in diesem Politikfeld akzeptieren, dass die Zukunft unbekannt und inhärent offen ist. Und daher von heute ausgehend strategisch in die Zukunft denken, statt aus unbeirrbarem "präzisem Wissen" um das Wesen dieser Zukunft unser Tun und Lassen in ein immer enger werdendes Korsett zu zwängen.

Realpolitisch betrachtet, ist die so bezeichnete "Energiewende" des Jahres 2015 im Wesentlichen eine "Stromwende", welche aus vier disparaten Maßnahmenpaketen besteht: sukzessive Zwangsabschaltung funktionsfähiger Kernkraftwerke; Subventionierung des Aufbaus von Erzeugungskapazitäten sogenannter "erneuerbarer" Energieträger (EE); graduelle Minderung der Treibhausgasemissionen im Stromsektor; Bewältigung der Folgen von Kernenergieausstieg und EE-Ausbau im Netz.

Für jedes dieser Pakete und den jeweils einzelnen Maßnahmen könnten wir realpolitisch fragen, welche Vorteile sie in den kommenden Jahren vermutlich bringen werden, und mit welchen Kosten und geopolitischen Nachteilen sie wohl verbunden sind. Wir könnten nach der sinnvollen Reihenfolge einzelner Schritte fragen, beispielsweise auch, wann Warten - auf technologische Entwicklungen - lohnt, und dabei auch den Gegenwartswert bereits vorhandener Infrastruktur in den Blick nehmen.

Daneben könnten wir auch fragen, wie wir den Entdeckungsprozess in die offene Zukunft hinein bestmöglich organisieren, insbesondere, ob der Staat tatsächlich die überlegene Innovationsinstanz sein kann. Und wir könnten diskutieren, welches der richtige zeitliche Horizont für all diese Erwägungen ist. Denn wenn ein Windrad auf See eine technische Lebensdauer von vielleicht 15 Jahren hat, was hat dann eine heutige Investition in einen solchen Vermögensgegenstand mit der Energiezukunft des Jahres 2050 oder gar 2100 zu tun?

Verteilungskonflikte werden immer stärker in den Vordergrund treten

Doch so führen wir unsere Energiedebatte nicht. Stattdessen tun wir so, als ob eine heute installierte PV-Anlage uns auf ewig von der Schuld des Energieverbrauchs befreite. Wir lassen uns einreden, dass es in der realen Welt einen Unterschied darstellt, ob das CO2 aus einem Kohle- oder einem Gaskraftwerk, oder ob es aus Polen oder aus Deutschland stammt. Wir akzeptieren und übernehmen kritiklos eine völlig unangemessene, überhöhte - und gerade deshalb in Deutschland ungemein wirkungsvolle - "Energiewende"-Rhetorik. Und wundern uns dann, dass der deutsche Stromsektor sich mehr und mehr zerfranst

Diese radikale, idealistische und letztlich "weltfremde" Grundhaltung scheint mir das Kernproblem der deutschen Energiedebatte zu sein. Auch, weil sie dafür missbraucht wird, eine scharfe Trennlinie zwischen sogenannte "Befürworter" der "Energiewende" und deren "Gegner" zu ziehen. Eine differenzierte, realitätsnahe Diskussion mit einer nüchternen Abwägung von Nutzen und Kosten alternativer Ziele und jeweiliger Mittel zu deren Erreichung ist in einem solchen politischen Klima kaum möglich - und aus Sicht der Idealisten auch obsolet.

Auf Dauer wird die raue Wirklichkeit die deutsche Romantik mehr und mehr einholen. Kosten und Landschaftsverzehr werden weiter zunehmen, ohne dass ein dem entgegenstehender gesamtgesellschaftlicher (!) Nutzen erkennbar werden wird. Dadurch werden die Verteilungskonflikte immer stärker in den Vordergrund treten. Erste Vorboten sind die Debatten über die Belastung der Eigenerzeugung oder die Wegeführung für die geplanten Stromtrassen nach Süddeutschland. Zudem wird deutlich werden, dass das deutsche Vorbild gerade wegen seiner Radikalität eben kein solches ist, und dass Deutschland hieraus zunehmend Nachteile gegenüber dem Rest der Welt erwachsen.

Über einen gewissen Zeitraum mag die Rhetorik von Brüderlichkeit und edler Tat diesen Einbruch von kalter Realität noch in guter deutscher Tradition überspielen. Doch was kommt danach?

Marc Oliver Bettzüge ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität zu Köln sowie Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI). Er ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de

Unsere Gastbeiträge zur Energiewende haben die aktuelle Diskussion befeuert. Zuletzt erschienen: Warum so viele Menschen die Energiewende schlechtreden von Günther Bachmann, dem Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung, Klimaretter Deutschland - Ende der Märchenstundevon Marc Oliver Bettzüge. und Warum ein Ausstieg aus der Kohle schädlich ist von Fritz Vahrenholt.

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