Mehr Sachlichkeit in Debatte Flüchtlinge können helfen, unseren Wohlstand zu sichern

Von Irina Kummert
Von Irina Kummert
Flüchtlinge in Ausbildung: Angst und Verunsicherung sind kontraproduktiv

Flüchtlinge in Ausbildung: Angst und Verunsicherung sind kontraproduktiv

Foto: Simon Ribnitzky/ picture alliance / dpa

"Menschenwürdige Umstände", "schutzbedürftige Flüchtlinge", "Solidarität", "Verantwortung" und "das humanitäre Vermächtnis Europas" - Formulierungen, die nicht nur im Zehn-Punkte-Plan von Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier für die europäische Flüchtlingspolitik eine prominente Rolle spielen. Auch bei den Politikerbesuchen in Heidenau, wo es (wie auch andernorts) zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen gekommen ist, wird "Solidarität" gezeigt. Zumindest verbal.

Pflichtschuldigst freut sich Bürgermeister Jürgen Opitz, so schreibt der Spiegel, über "die moralische Unterstützung" von Merkel und Gabriel. Moral allein löst allerdings keine Probleme. Eine Stimme wie die von Klaus Engel, Chef des Chemie-Konzerns Evonik, der richtigerweise ein Einwanderungsgesetz fordert, damit der bestehende Engpass an Fachkräften in Deutschland durch qualifizierte Flüchtlinge aufgefangen werden kann, verhallt angesichts der Entwicklungen in Heidenau ungehört.

Moraldebatten bringen uns auch bezogen auf die Zukunft des Standortes Deutschland und aus Unternehmenssicht nicht weiter. Wir brauchen junge, belastbare Menschen, die hier leben wollen und die wir ausbilden können, um unseren Wohlstand zu erhalten. Statt diesen Aspekt in der öffentlichen Diskussion in den Vordergrund zu rücken, bekommen fremdenfeindliche Aktivitäten und Moralappelle derzeit eine Bühne, die sie nicht bekommen sollten.

Irina Kummert

Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft und Mitglied der Ethikkommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Seit 2003 ist sie Geschäftsführende Gesellschafterin der Personalberatung IKP Executive Search.

Der Philosoph Klaus-Jürgen Grün vertritt die meiner Meinung nach richtige Auffassung, dass Moral auch dazu missbraucht werden kann, die Ängste unter anderem vor dem Fremden zu nutzen, um Machtpositionen abzusichern und nicht entscheiden zu müssen. In diesem Kontext trägt das moralische Argument dazu bei, den kritischen Blick der Bevölkerung auf die Realität zu vernebeln. Es werden Nebenkriegsschauplätze aufgemacht, die den Handlungsdruck bei den Entscheidern bezogen auf das Kernproblem verringern.

Mit der Forderung nach Solidarität, der Übernahme von Verantwortung und der Wahrung des humanitären Vermächtnisses Europas rennen Gabriel und Steinmeier europaweit offene Türen ein. Seriösen Schätzungen zufolge engagieren sich in Deutschland rund 13 Millionen Menschen ehrenamtlich. In anderen europäischen Ländern liegt die Quote vergleichbar hoch. Demzufolge sind im Durchschnitt über 10 Prozent der Gesamtbevölkerung Europas bereit, sich eigeninitiativ, freiwillig sowie unentgeltlich auch für humanitäre Projekte einzusetzen und zeigen damit, dass sie ein hohes, intrinsisches Interesse an der Herstellung menschenwürdiger Umstände haben.

Es gibt sie also bereits, die geforderte Solidarität. Das gilt, wie zahllose ehrenamtliche Initiativen in den Kommunen zeigen, auch für die humanitäre Hilfe im Zusammenhang mit der Flüchtlingsthematik. Mit der Strategie, etwas zu fordern, was längst da ist, wird von der Lösung des eigentlichen Problems abgelenkt: Wir brauchen so schnell wie möglich ein klares Konzept für den Prozess der Einschätzung, Aufnahme, Verteilung und Integration von Flüchtlingen.

Jüngst wurde darauf aufmerksam gemacht, dass ein Land wie Jordanien mit rund sechs Millionen Einwohnern und einem Pro-Kopf-Einkommen, das nur ein Viertel so hoch ist wie das Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland, aktuell anderthalb Millionen Flüchtlinge beherbergt. Daraus wird geschlossen, dass wir in Deutschland umgerechnet auf unsere Einwohnerzahl zwanzig Millionen Flüchtlinge aufnehmen könnten. Diese Schlussfolgerung ist insofern kritisch zu betrachten, als Jordanien sich insbesondere kulturell so sehr von europäischen Ländern unterscheidet, dass rein quantitative Überlegungen zu kurz greifen. Jordanien besitzt sicher deutlich mehr interkulturelle Kompetenz als wir, die wir in einer Flüchtlingsunterkunft ein unverheiratetes muslimisches Mädchen unbegleitet in einem Zimmer mit fremden Männern unterbringen.

Angst ist kontraproduktiv

Fakt ist: Die öffentlich kommunizierte Zahl von 800.000 Flüchtlingen, die in Deutschland in 2015 erwartet werden, macht Angst, weil sie für sich gesehen hoch ist. Diese Angst macht uns blind für die nicht ganz unwahrscheinliche Möglichkeit, dass die "Bedrohung", die durch die Flüchtlinge auf uns zuzukommen scheint, weit weniger dramatisch sein könnte, als durch die bloße Zahl suggeriert wird.

So wenig sich mit Moral Probleme lösen lassen, so kontraproduktiv sind Angst und Verunsicherung, wenn es darum geht, zu konstruktiven Problemlösungen zu kommen. Angst und Verunsicherung führen dazu, dass das tatsächliche Gefahrenpotenzial von Situationen falsch eingeschätzt, zum Teil überhöht wird. Daraus ergibt sich eine Kette von Konsequenzen.

Die schwerwiegendste ist, dass wir uns nicht unmittelbar mit den Maßnahmen befassen, die das eigentliche Problem beseitigen. Wir übersehen beispielsweise, dass insbesondere in ländlichen Regionen die Menschen Angst haben, ihre Situation könnte sich durch den Zuzug von Flüchtlingen verschlechtern und ihnen könnte durch die Flüchtlinge etwas weggenommen werden.

Insgesamt führt die aktuelle Debatte um den Umgang mit Flüchtlingen aber auch dazu, dass wir uns selbst besser kennen lernen. Das ist eine gute Entwicklung. Vielleicht erwächst daraus die Erkenntnis, dass Veränderungen auch Chancen bedeuten. Der Philosoph Karl Popper entwirft in seiner Schrift Die offene Gesellschaft und ihre Feinde das Bild einer offenen Zukunft. Popper wirbt dafür, sich auf das Unsichere, Ungewisse einzulassen, das, was wir zu wissen glauben, immer wieder zu hinterfragen und offen zu sein für das Unbekannte.

Wenn wir es schaffen, diesen Schalter in unseren Köpfen umzulegen, brauchen wir keine Angst mehr vor dem Fremden zu haben. Dann können wir uns endlich darauf konzentrieren, das zu tun, was ansteht: klar zu formulieren, wie wir mit den anstehenden Veränderungen umgehen und möglichen Schaden von der Gesellschaft abwenden wollen.

Lesen Sie auch: Facebooks fragwürdige Rolle in der Flüchtlingsdebatte

Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft e.V. und Mitglied der MeinungsMacher von manager-m agazin.de