Ich saß wegen Schmähkritik im Gefängnis ... ... und ich finde Böhmermanns Machwerk unerträglich

Von Stefan Wachtel
Von Stefan Wachtel
Foto: Britta Pedersen/ dpa

Ich saß fast ein halbes Jahr meines Lebens im Gefängnis - wegen Schmähkritik. Es war § 220 Strafgesetzbuch, daran erinnere ich mich. Dort hieß es: "Wer Maßnahmen des Staates oder seine Vertreter herabwürdigt oder gar diese selbst, wird mit Freiheitsstrafe bestraft." Oder so ähnlich.

Ich war damals 20, es gab die DDR noch, und dort war es mit der Satire- und Meinungsfreiheit gewissermaßen umgekehrt: Über Politiker anderer Staaten, sagen wir: Willy Brandt, durfte man nach Herzenslust spotten. Nur bei den eigenen hörte der Spaß auf. Heute darf man deutsche Amtsträger und Prominente hemmungslos durch den Dreck ziehen - und die Menschen sind empört, wenn sich ein ausländischer Politiker das nicht gefallen lässt.

Stefan Wachtel
Foto: Etienne Fuchs

Stefan Wachtel ist Executive Coach und bereitet beispielsweise Spitzenmanager auf öffentliche Auftritte vor. Er ist Autor von fünf Büchern, zuletzt "Executive Modus" bei Hanser . Außerdem ist der promovierte Sprechwissenschaftler gefragter TV-Experte, u.a. bei Bundestagswahlen.
www.expertexecutive.de 

Als Opfer der DDR-Justiz liegt es mir fern, diese zu verteidigen. Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, das es zu beschützen gilt. Aber denken wir doch auch mal einen Moment darüber nach, wie es gewesen wäre, wenn der ZDF-Comedian Jan Böhmermann nicht abstruse Zeilen über die angeblichen Sexualgewohnheiten des türkischen Präsidenten Erdogan zum Besten gegeben hätte, sondern ein Schmähgedicht über exzessive Ernährungsgewohnheiten übergewichtiger deutscher Politiker.

Was dann? Würden dann immer noch alle sagen: "Das ist doch nur Satire" und "Der macht nichts"?

Natürlich hinkt der Vergleich. Aber die Ernährungsgewohnheiten inländischer Politiker hätten zumindest so etwas wie einen realen Hintergrund. Es gibt schwergewichtige Politiker, darauf könnte man spöttelnd hinweisen, es übertreiben, karikieren, lächerlich machen. Aber wo ist der Bezug zur Wirklichkeit in Böhmermanns Zeilen über Herrn Erdogans angebliche Vorliebe für Ziegen? Wo ist da die Satire, die Überzeichnung der Realität? Haben Sie die Sendung gesehen? Oder kennen Sie den Text wie so viele auch nur mit seinen heimtückischen "Disclaimern"?

Ich habe die Performance als Ganzes erlebt, und sie war ekelhaft. Darf man das mal sagen? Oder versündigt man sich damit an der Meinungsfreiheit?

Ein früherer Präsident des Verfassungsgerichtshofs Nordrhein-Westfalen hält Böhmermanns Auftritt durch die vom Grundgesetz garantierte Meinungs- und Kunstfreiheit gedeckt, war neulich zu lesen. Und während wir darüber nachdenken, ob der das wirklich ernst gemeint hat oder ob das auch nur Satire war, können wir uns mal fragen: Was ist Schmähkritik, wenn nicht das? Dass die beim ZDF nicht ganz bei Trost gewesen sein können, so etwas zu senden, dürfte inzwischen den meisten Menschen klar sein. Umso bestürzender finde ich es, dass jetzt ausgerechnet diejenigen, die Recht und Gesetz in unserem Staat durchsetzen sollen, ideologisch statt juristisch urteilen. Wo leben wir denn?

Hasspredigt aus Mainz

Die Kanzlerin hat in der Affäre zum ersten Mal genau das getan, was seit Jahren alle immer von ihr fordern: Sie hat Gesicht gezeigt, sie war authentisch, sie hat gesagt, was Sache ist: Das ist bewusst verletzend. Ja, was denn sonst? Und sie hat es bestimmt getan, weil sie sich nicht vorstellen konnte, dass ein früherer Verfassungsrichter öffentlich verkündet: Das geht schon in Ordnung!

Mal ehrlich, die Kanzlerin hat gerade ein paar andere Sachen um die Ohren: die Flüchtlingswelle stoppen, Verhandlungen mit den europäischen Staatschefs führen, vielleicht muss sie sogar einen Krieg verhindern. Und dann soll sie Rücksicht nehmen auf ein paar Krawallbrüder aus Mainz.

Ich bin seinerzeit für weit weniger ins Gefängnis gekommen. In einem Gespräch hatte ich fünf Sätze zu viel gesagt: dass die Wahlen in der DDR "Scheinwahlen" seien und Militärflugzeuge "Mordvögel"; was Zwanzigjährige damals sagten, wenn sie über die Welt nachdachten. Ich hatte keine Redaktion und keine Rechtsabteilung wie der neue Star des frischen, jungen, frechen ZDF. Hätte ich derartige Ungeheuerlichkeiten von mir gegeben, hätte mich niemand mehr verteidigt. Nicht mal mein Anwalt, den ich bezahlte, der aber für die Gegenseite arbeitete, wie ich später erfuhr. Dieser Stil, dieser Dreck, das wäre dann doch zu viel gewesen. Ich wäre aus dem Knast nicht wieder heraus gekommen.

Ich wünsche es niemanden, für seine Worte oder Gedanken eingesperrt zu werden. Meinungsfreiheit setzt aber voraus, dass man Verantwortung für das übernimmt, was man sagt und tut. Nun soll das ZDF soll ihn schützen - aber da liegt ein Missverständnis vor. Der Sender muss ihn bezahlen, nicht beschützen. Das ist ein Unterschied.

Jetzt will das ZDF für seinen Moderator kämpfen, mit unseren Gebührengeldern. Diesen Einsatz, diese Verve hätten wir uns vor der Ausstrahlung gewünscht, einen Aufstand des Verstands. Das wär's gewesen. Dem Sender und dem Land wäre viel erspart geblieben. Und wir müssten uns jetzt nicht mit Dreck befassen. Wir brauchen keine Hasspredigt.

Stefan Wachtel ist Executive Coach und bereitet beispielsweise Spitzenmanager auf öffentliche Auftritte vor. Er ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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