Das Social Web braucht einen Verhaltenskodex Soziale Netzwerke - bald die fünfte Gewalt im Staat?

Von Antje Neubauer
Facebook, Twitter, Youtube: Den sozialen Medien fehlt - und das finde ich bedenklich - ein Leitfaden, eine Art des Social Media-Knigges, der einen Rahmen des Miteinanders absteckt. Der aufzeigt, wann Grenzen verletzt und wann Persönlichkeitsrechte bedroht werden.

Facebook, Twitter, Youtube: Den sozialen Medien fehlt - und das finde ich bedenklich - ein Leitfaden, eine Art des Social Media-Knigges, der einen Rahmen des Miteinanders absteckt. Der aufzeigt, wann Grenzen verletzt und wann Persönlichkeitsrechte bedroht werden.

Foto: Corbis

"Wir haben heute eine Geschwindigkeit aufgenommen, die bedenklich ist", sagte der Schauspieler Ulrich Tukur kürzlich in einem Interview. Alles gehe in einer Massenhaftigkeit unter. "Ich strecke die Waffen." Das Unbehagen des Herrn Tukur kann ich nachvollziehen - nur zu gut. Die Medien, die verlässlichen, die uns Tag für Tag, Jahrzehnte um Jahrzehnte mit Nachrichten, Meinungen, Stellungnahmen, Hintergründen versorgten, scheinen am Ende - die 4. Macht im Staat, die sie einmal darstellten, ist offensichtlich keine mehr.

Es ist noch gar nicht lange her, da hat mich ein Ereignis, das in den in den sozialen Netzwerken nahezu ungebremst in die öffentliche Meinung raste, darüber nachdenken lassen, ob die Redewendung "Vierte Gewalt im Staat" heute noch Bestand hat.

Betrachtet man die Medien - also gedruckte Zeitungen, Online-Medien, Fernsehen und Radio - als die virtuelle Säule im System der Gewaltenteilung neben der Exekutive, der Legislative und der Justiz, dann muss man fragen, ob klassisch-medial heute überhaupt noch genügend Geschwindigkeit und Reichweite erreicht werden kann, um immer vollständig, sachlich objektiv und regulierend berichten zu können. Medien - unsere Garanten der Demokratie, die Wahrheitssager, die Sinnstifter, die Erklärer - sie verlieren angesichts zunehmender Bilder- und Wortfluten innerhalb der sozialen Medien. Sie gehen unter, verlieren ihre Kontrollfunktion.

Ständige Veränderung ist Programm

Die gedruckte Zeitung war fertig, vollständig, unantastbar. Der Journalist sendete, der Leser empfing. Die Welt der Online-Medien ist schon schneller, hier wird ständig bearbeitet, verändert, aktualisiert oder "rausgeschmissen". Die Klickzahlen entscheiden über Wohl und Wehe einer Veröffentlichung. Nicht ausreichend geteilt? Raus mit dem Stück! Ständige Veränderung ist Programm.

Heute wird aus dem Leser schnell ein aktiver Schreiber. Das offene Netz macht es möglich, die sozialen Medien bieten die ideale Plattform. Jeder kann, wenn er will, das Tagesgeschehen kommentieren, hinterfragen, persiflieren. Das lesende Publikum wird ein agierendes, das mit den Journalisten diskutiert - es weiß häufig vermeintlich mehr als sie, steigt ein in eine Diskussion und teilt sein Wissen. Alltag im Netz. Oftmals kein schöner - denn allzu häufig werden Fakten neu geordnet, neu gewichtet und reduziert.

Recherche, wie ein Journalist sie gelernt hat - die versucht, ein Ereignis aus allen Blickwinkeln einzuordnen, die das Für und Wider einer Meinung abwägt, die fragt und hinterfragt - Recherchen dieser Art sind für das Netz, den "Otto Soziali" nicht zu leisten. Oftmals auch gar nicht gewollt. Hier zählt, wer am lautesten und ausgiebigsten brüllt, wer polemisiert, wer Meinung macht. Hier zählt, dass sie vielfach geteilt und übernommen wird. Stammtisch-Gehabe kann man es nennen - nur mit dem Unterschied, dass das, was früher eben auf den Stammtisch begrenzt war, plötzlich millionenfach seinen Platz im Netz und sich damit vielfach auch im Kopf der öffentlichen Meinung findet.

Lassen Sie mich das an einem Beispiel klar machen, das vor kurzem die sozialen Medien beherrschte und mein Unternehmen und damit mein Team bei der Deutschen Bahn betroffen hat.

Es fehlt der Social Media-Knigge, ein Verhaltenskodex, den jeder akzeptieren kann

In der Nacht auf Ostersamstag kam es am Dortmunder Hauptbahnhof zu einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen Mitarbeitern meines Unternehmens und vier Männern, die die Polizei dem rechtsextremistischen Spektrum zuordnet. Einer der Männer filmte die Auseinandersetzung mit seinem Handy und veröffentlichte anschließend eine zusammengeschnittene Videosequenz im Netz.

Die geschnittene Videosequenz offenbart plötzlich eine Geschichte, die ganz anders ist als das, was tatsächlich geschehen war. Das Verhalten der Mitarbeiter meines Unternehmens scheint im Video aggressiv und unverhältnismäßig. Die Verbreitung erfolgt initial über das rechte Online-Nachrichtenportal DortmundEcho, gezielt wird die dort publizierte Video-Version über die sozialen Netzwerke verbreitet - über eine Million Mal auf Facebook und 50000 Mal auf YouTube.

Dazu gibt es unzählige Kommentare. Kommentare, die direkt auf die Mitarbeiter abzielen, persönliche Drohungen bleiben keine Seltenheit. Erst Tage später gelingt es den etablierten Medien, die Geschichte so zu erzählen, wie sie tatsächlich passiert war. Eingang in die sozialen Plattformen findet diese Version allerdings kaum.

Natürlich sind wir als Unternehmen sofort nach Auftauchen im Netz aktiv geworden, haben uns vor die Kollegen gestellt, versucht, dagegen zu steuern. Aber: Eine Meinung hatte sich verselbständigt, war fast nicht mehr zu stoppen.

Ein Einzelfall? Beileibe nicht: Die öffentliche soziale Meinung wird immer präsenter, nimmt immer mehr Fahrt auf, mischt sich ein, mischt auf und mischt unter, was nicht passt.

Soziale Netzwerke - die fünfte Gewalt im Staat?

Avancieren die sozialen Netzwerke damit heute zur fünften Gewalt im Staat? Übernehmen sie eine Funktion der Meinungsmache, die kaum zu steuern, noch seltener zu beeinflussen ist? Ersetzen sie die Medien, die mehrheitlich nach Pressekodex und der journalistischen Sorgfaltspflicht folgend arbeiten?

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will den sozialen Medien ihre Daseinsberechtigung beileibe nicht absprechen. Im Gegenteil: Ich denke, sie sind eine Bereicherung unseres kommunikativen Miteinanders. Was ihnen aber fehlt - und das finde ich bedenklich und bedrohlich - ist eine Art Leitfaden, eine Art des Social Media-Knigges, der einen Rahmen des Miteinanders absteckt. Der aufzeigt, wann Grenzen verletzt, wann Persönlichkeitsrechte bedroht werden, was diffamierend, verletzend, hetzend und polemisierend ist.

Wir brauchen eine "Meinungs-Etikette", einen Verhaltenskodex, der ernst genommen wird, den auch "Otto Soziali" akzeptieren kann. All das, was uns im täglichen Miteinander auszeichnet, sollte auch auf Facebook & Co. zum Standard werden.

Also: den Social Media-Führerschein für jeden, der dort aktiv werden will? Erst ab 18 und nur nach bestandener Reifeprüfung? Das kann es sicher nicht sein. Ich plädiere für eine regulierende Kraft des Netzes - eine Kraft der Intellektuellen, die richtig stellen, die einordnen, die aufzeigen. Warum nicht den Medien, unserer vierte Gewalt, hier eine ergänzende Rolle ihres Tuns andienen? Von ihnen erwarte und erhoffe ich mir, dass sie als klassische vierte Säule im Staat ihren Auftrag entsprechend ernst nehmen und ihre Redaktionen um das soziale Wissen und Gewissen vergrößern.

Antje Neubauer ist stellvertretende Leiterin der Unternehmenskommunikation bei der Deutschen Bahn AG. Sie ist Mitglied im Aufsichtsrat von DB Vertrieb und im Vorstand von GenerationCEO, einem Netzwerk, das sich für die Förderung von Frauen in Führungspositionen einsetzt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.