Der Traum vom autonomen Fahren Diese Hürden müssen selbstfahrende Autos noch nehmen

Bis 2021 könnten die ersten vollautonomen Autos auf den Straßen rollen, erwartet BMW. Aber wie realistisch sind diese Pläne? Und wie steht es um die Sicherheit? Eine Bestandsaufnahme.
Von Stefan Randak
Google self-driving car im Testbetrieb

Google self-driving car im Testbetrieb

Foto: ELIJAH NOUVELAGE/ REUTERS

Weltweit kommen jährlich 1,25 Millionen Menschen bei Autounfällen ums Leben. Die Hauptursache: menschliches Versagen. Viele von uns verbringen pro Jahr hunderte Stunden unproduktiv am Steuer. Zwei Faktoren, die für die Vision vom autonomen Fahren sprechen.

Statt Begeisterung herrscht in Deutschland jedoch Skepsis: Nur 29 Prozent der Deutschen sind einer Emnid-Studie zufolge dazu bereit, sich einem autonom fahrenden Auto anzuvertrauen, 67 Prozent der Bürger lehnen dies ab. Gut, Deutschland ist nicht die Welt, doch auch in anderen Ländern ist die Skepsis groß.

Stefan Randak
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Atreus

Stefan Randak ist Direktor und Leiter der Praxisgruppe Automotive beim Interim-Management-Anbieter Atreus in München.

Es gibt - nicht erst seit dem tödlichen Unfall eines Tesla-Fahrers - noch viele offene Fragen: Wie sicher sind die Autopilotsysteme? Und wer ist eigentlich schuld, wenn der Automat einen Unfall verursacht? Angesichts solcher Ungewissheiten spricht derzeit wenig für eine Freigabe selbstfahrender Autos. Zudem zwingen die jüngsten Unfälle mit Teslas Fahrassistenten Behörden und Verbraucherorganisationen zum Handeln - mit offenem Ausgang.

Die Autohersteller stehen vor enormen Herausforderungen, soll der Traum vom autonomen Fahren tatsächlich in den kommenden fünf Jahren Wirklichkeit werden. Zuvor gilt es, einige wichtige Schalthebel umzulegen und technische wie juristische Hürden zu überwinden.

1. Wir brauchen leistungsfähige Mobilfunknetze

Autonomes Fahren erfordert Hochleistungskameras, Hochleistungssensoren, Hochleistungsrechner, Hochleistungssoftware. Die Fahrzeuge müssen untereinander vernetzt werden und Unmengen an Daten austauschen. Hier ist längst nicht der Standard erreicht, der vollkommen autonomes Fahren der erlauben würde. Dabei spielt die Mobilfunkleistung eine entscheidende Rolle. Das Mobilfunknetz der fünften Generation (5G) steht erst in den Startlöchern, soll während der Winterspiele in Korea 2017/2018 in den Probebetrieb gehen, die volle Funktionsfähigkeit ist für 2021 geplant. Doch erst 5G schafft die entscheidende Voraussetzung für "Car Connectivity" - und damit die Basis für vollautonomes Fahren.

2. Datenschutz und Rechtssicherheit müssen verbessert werden

Ebenso wichtig sind Transparenz und Sicherheit bei der Verwendung von Daten in der Kommunikation zwischen Fahrzeug und Internet. Der Fahrer muss wissen, wer diese Daten wie und wo verwendet beziehungsweise verwenden darf. Noch wichtiger: Sein Fahrzeug muss vor Cyberattacken geschützt werden. Hier liegt viel technische und rechtliche Feldarbeit vor uns. Wie schwierig das wird, zeigen tagtäglich Hackerprobleme in unseren IT-Systemen.

Auch der Gesetzgeber hat dabei ein gewichtiges Wort mitzureden: Der rechtliche Rahmen, in dem automatisiertes Fahren möglich wäre, existiert schlichtweg noch nicht. Experten gehen davon aus, dass diese Rahmenbedingungen vollinhaltlich erst bis 2020 geschaffen sein könnten.

Neue Spieler in der Arena

3. Die Autobauer müssen umdenken

Autonomes Fahren verändert die Automobilindustrie von Grund auf, zumal neue, branchenfremde Spieler die Arena befahren. Speziell für die deutschen Hersteller ist es von entscheidender Bedeutung, die künftigen Kernkompetenzen zu definieren. Wo liegt ihre Wertschöpfung? Wie bisher bei Entwicklung, Produktion, Vertrieb, Finanzdienstleistungen - oder will man Software- und Mobilitätsdienstleister werden? Was bedeutet das konkret? An diesen Fragen muss sich auch die Strategie des Unternehmens ausrichten. Das klingt banal, doch viele Hersteller haben bisher keine überzeugende oder gar einzigartige Strategie formuliert.

Darüber hinaus sind die Autokonzerne nach wie vor überwiegend klassisch, sprich: hierarchisch organisiert. Mechanisch geprägte Berufsbilder wie Maschinenbauer und Elektrotechniker dominieren. Um mit der Entwicklungsgeschwindigkeit von Tesla, Google  oder Zoox auch beim autonomen Fahren mithalten zu können, müssen sie starre Hierarchien auflösen und durch internationale, interdisziplinäre Teams ersetzen. Sie benötigen Input von außen. Um eine Experimentierkultur zu etablieren, bedarf es zudem mutiger und unkonventioneller Methoden, gepaart mit der Bereitschaft, von den jungen Wettbewerbern zu lernen, ohne deren Fehler zu wiederholen. "Fachliche Silos" müssen verschwinden, Flexibilität und Zielorientierung sind Trumpf. Auch eine Fehlerkultur gehört dazu. Hier sind viele deutsche Flaggschiffe gegenüber digitalen Angreifern aus den USA immer noch im Rückstand.

4. Stellt Kunden und Mitarbeiter in den Mittelpunkt

Ähnliches gilt für die Kundenorientierung: Der Nutzer ist mittlerweile verwöhnt von digitalen Angeboten aus anderen Branchen. Wer ihn und seine Wünsche nicht ins Zentrum rückt, kann Fahrassistenzsysteme nicht gewinnbringend etablieren. Angesichts der hohen Entwicklungskosten werden Fehlgriffe an dieser Stelle enorm teuer. Konsequente Kundenzentrierung - etwa durch Methoden wie Design Thinking - ist insofern unerlässlich.

Große Herausforderungen warten auch im Personalmanagement: Entscheidet sich ein Hersteller etwa, Software als zukünftige Kernkompetenz im eigenen Haus zu verankern, muss er erhebliche Anstrengungen akquisitorischer und organisatorischer Art unternehmen, um an diesem umkämpften und international bestimmten Arbeitsmarkt erfolgreich teilzuhaben. Der Markt wird zunehmend von Kandidaten bestimmt, für die eine "attraktive Premiummarke" oder ein Dienstwagen nicht mehr entscheidend sind. Flexible Arbeitszeiten, flache Hierarchien, internationale Teams und schnelle Entscheidungswege haben sich längst als Mehrwert etabliert. Für viele Talente sind Arbeitgeber interessant, die ihnen Freiräume und Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung bieten. Genau diese Talente benötigen aber die Hersteller, wenn sie die Vision des autonomen Fahrens verfolgen.

Fazit

Vollautonomes Fahren bis 2021? Das ist ambitioniert, aber machbar. Abseits der gesetzlichen und technologischen Hürden müssen die Automobilhersteller vor allem strategische Fragen klären, einen Kulturwandel bewältigen und die richtigen Talente gewinnen. Der Weg ist noch weit - aber wenn sie jetzt die richtigen Hebel in Bewegung setzen, müssen sich BMW , Daimler  und Co. vor Tesla , Apple  und Google nicht verstecken.