Social Freezing Die falsche Gleichgültigkeit der Arbeitgeber

Von Claudia Wiesemann
Apple und Facebook haben in ihre Sozialleistungen das Einfrieren der Eizellen aufgenommen. Die deutschen Arbeitgeber geben vor, sich nicht in die Familienplanung einmischen zu wollen. Dabei machen sie das längst.
Zwischen Baby und Laptop: Für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie müssen junge Mütter und Väter hierzulande häufig noch selbst sorgen

Zwischen Baby und Laptop: Für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie müssen junge Mütter und Väter hierzulande häufig noch selbst sorgen

Foto: DPA

Haben Sie sich auch über Apple  und Facebook  aufgeregt? Die beiden Unternehmen bieten ihren Mitarbeiterinnen finanzielle Unterstützung an, wenn sie ihre Eizellen einfrieren lassen wollen, um zunächst Karriere machen zu können (das sogenannte "Social Freezing"). Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) hat darauf jedenfalls sehr kritisch reagiert. "Die deutschen Arbeitgeber mischen sich nicht in die Familienplanung von Arbeitnehmern ein", sagte ein Sprecher des BDA der "Süddeutschen Zeitung". Ein Kinderwunsch sei "eine persönliche Entscheidung, auf die der Arbeitgeber keinen Einfluss nimmt".

Das klingt edel - und ist im besten Fall doch nichts anderes als Ahnungslosigkeit.

Die Wahrheit ist: Sie mischen sich ganz selbstverständlich ohne Unterlass in die Familienplanung ihrer jungen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ein, wenn sie Ausbildungsgänge anbieten, Teilzeitarbeitsplätze schaffen, den beruflichen Aufstieg ihrer Mitarbeiter planen, Elternzeitregelungen umsetzen, usw. Doch die Stellungnahme des BDA-Sprechers zeigt: Sie tun es nach wie vor und in der Mehrheit, ohne sich dessen bewusst zu sein, wie sehr die Familienplanung ihrer jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter davon abhängt.

Ich kenne einen Arbeitgeber - die Krankenhausabteilung in einer mittelgroßen Stadt -, der eine große Zahl junger Ärztinnen beschäftigt. Jedes Mal, wenn eine dieser Frauen schwanger wird, ist die Not groß: Wer vertritt sie im Mutterschutz? Bleibt ihre Weiterbildungsstelle erhalten? Kann sie an dem Forschungsprojekt weiter mitarbeiten? Und obwohl diese Probleme so häufig wie vorhersehbar sind, hat noch niemand für systematische Abhilfe gesorgt.

IT-Konzerne planen systematisch Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Es gibt keinen Springerdienst, es gibt keine verlässlichen Vereinbarungen über die Unterbrechung von Ausbildungszeiten usw., usw. Stattdessen dürfen sich die jungen Frauen zusätzlich zur Schwangerschaftsübelkeit noch den Frust ihrer Kollegen abholen. Denn diese sind verständlicherweise verärgert, weil ihnen ebenfalls keine systematische und planbare Hilfe angeboten wird, weil sie immer wieder neue Notfallpläne bewältigen müssen, obwohl auch sie Familie haben.

Und kann sich dieser Arbeitgeber eine solche Gleichgültigkeit leisten? Nein, ganz im Gegenteil - er hat die größten Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden, der diesen Job machen will. Warum wohl? Weil sich deutsche Arbeitgeber nicht in die Familienplanung einmischen?

Apple und Facebook dagegen kommen den Bedürfnissen ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gezielt entgegen, indem sie Aspekte der Vereinbarkeit von Beruf und Familie systematisch planen. Nicht nur durch das Angebot der Finanzierung von Social Freezing, sondern durch einen Betriebskindergarten, durch die finanzielle Unterstützung von Fruchtbarkeitsmaßnahmen oder von Adoptionen und durch finanzielle Zuwendung, wenn ein Kind geboren wird.

Bevor wir uns also über Apple und Facebook aufregen, sollten wir erst einmal unsere eigenen Hausaufgaben machen. Mein Tipp: Familienplanung beginnt bei den Frauen schon mit der Berufsausbildung. Die Frage "Wann möchte ich, wann kann ich meine Kinder bekommen?" begleitet jede berufliche Entscheidung. Familienplanung seitens der Arbeitgeber heißt, darauf konstruktiv zu reagieren, Sicherheit zu geben, verlässliche und hilfreiche Angebote zu machen. Es muss nicht Social Freezing sein - aber mehr als der Status quo ist ohne Zweifel nötig.

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