Die Wirtschaftsglosse Deutsche vita

Man muss kein Fremdenverkehrsprophet sein, um die Folgen der Schuldenkrise in den schwärzesten Reiseprospektfarben zu malen. Am Ende des Tages wird der Mittelmeerraum zur spaß- und urlaubsfreien Zone.
Der Mittelmeerraum wird zur spaß- und urlaubsfreien Zone - lieber Urlaub in der Heimat!

Der Mittelmeerraum wird zur spaß- und urlaubsfreien Zone - lieber Urlaub in der Heimat!

Foto: LORIS FABBRINI/ ASSOCIATED PRESS

Wenn die Tage kürzer werden, sich der Novembernebel aufs Land legt und auch die "Tote Tante" nicht mehr zur Stimmungsaufhellung beitragen kann (wieder keine Milch im Haus!), ja dann ist die Zeit gekommen, den nächsten Sommerurlaub zu planen. Die Klassiker eben, die dem durchschnittlich depressiv begabten Deutschen das psychosomatische Auftanken garantieren: Spanien, Italien, Griechenland.

Wie lieben wir das: die Hitze tagsüber; die lauschigen Nachtmahle unter UV-Mückenstrahlern, in Shorts, Adiletten und Weltmeister-T-Shirt von 1974, gekrönt und magenfreundlich abgeschlossen mit Grappa, Ouzo oder Torres Cinco. Geht natürlich alles aufs Haus. Heidiwitzka, das Leben ist schön.

Tja, so war das immer, aber so wird es nimmer. Der Mittelmeerraum, bis dato ein Hort des Ungehemmten, Ungetakteten, Unkomplizierten wird zur spaßfreien Zone. Deutsche Tugenden (die uns so manchen WM-Titel nach 1974 vermasselt haben!) vermehren sich dort so schnell wie Kakerlaken in der mediterranen Hotelnasszelle.

Das hat, klar, mit dieser vermaledeiten Schuldenkrise zu tun, die Italiener, Griechen und sonstige Anrainer unserer bevorzugten Sommerbadewanne nun ernsthaft bekämpfen wollen. Ohne sich über die Folgen für das gesamteuropäische Lebensgefühlgefälle im Klaren zu sein. Der beschwingte Verkehr von Fremden - das war einmal.

Sie sparen. Sie setzen Politiker an die Spitze, die kompetent sind, aber allem Anschein nach nicht korrupt (wo soll das nur hinführen?). Sie erhöhen die Steuern und wollen sie auch eintreiben. Kurz: Sie sind auf Jahre mies drauf. Ja, wir sind schon mitten drin in der Transferunion der schlechten Laune, der hängenden Mundwinkel und des Griesgrams.

Mürrische Kellner in Rimini, die kalt lächelnd ein "All'esterno solo canneloni!" (Draußen nur Kännchen!) über den Tisch zischen. Gewaltbereite Abfallbeauftragte, die das Mülltrennen im Cosa-Nostra-Resort Catania überwachen. Strandabschnittsvermieter auf Rhodos, die vorab Gebühren für die Endreinigung kassieren. Und spanische Lexikalisten, die darauf drängen, den Begriff Reiserücktrittskostenversicherung in den nationalen Wortschatz aufzunehmen.

Mit seiner Äußerung "Jetzt wird in Europa Deutsch gesprochen" hat CDU-Hinterherdenker Volker Kauder wieder einmal bewiesen, dass er doch arg aus der Zeit gefallen ist. Ja, man sprach einmal Deutsch in Europa, jedenfalls im Sommer. Und jetzt eben nicht mehr. In der existentiellen Bedrängnis besinnt man sich auf seine Muttersprache; darin lässt sich auch leichter fluchen. "Kollege, willst' Du eine Pizza?" "Ollala, Pizza wunderbar!" Derlei lustvolle, Völker verbindende Dialoge wird man nicht mehr hören. Vorbei die... äh Tempi passati. Künftig gehört im sonnigen Süden ein Wörterbuch neben den Brotkorb, wie in Obersachsen oder Niederbayern. Da bleiben wir doch lieber gleich zu Hause.

Deshalb zum Schluss ein Insidertipp von Marco Polo, dem weltweit geschätzten Ferien-Anlagestrategen: rechtzeitig Schwarzwald-Aktien kaufen, Nordseebonds und Erzgebirgeanleihen! Todsichere Sache. Mit Triple A-Garantie. Occupy Titisee, raunen die Märkte - bevor alle Betten belegt sind. Und das mit dem Wetter kriegen wir auch noch hin.

Der Halbjahres-Satellitenfilm der öffentlich-rechtlichen Klimarate-Agenturen zeigt: Niedergeschlagenheitsnebel über Südeuropa, ein kräftiges Hochmutgebiet hingegen zwischen Usedom und Unterstaufen.

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