Ratingagenturen und Wirtschaftsprüfer Billiges Bashing

Von Stefan Biskamp
Von Stefan Biskamp
Vom Enron-Skandal bis zur Finanzkrise: Für so ziemlich alles, was zuletzt in der Finanzwelt schief lief, waren wahlweise Ratingagenturen oder Wirtschaftsprüfer verantwortlich. Wie bequem. Auch die neu aufgeflammte Kritik lenkt nur von den Kernproblemen der Finanzmärkte ab.
Schäuble: "Wir müssen das Oligopol der Ratingagenturen brechen"

Schäuble: "Wir müssen das Oligopol der Ratingagenturen brechen"

Foto: JOHN MACDOUGALL/ AFP

"Wir müssen das Oligopol der Ratingagenturen brechen!" Von wem stammt dieses Zitat: (a) von Muammar al-Gaddafi oder (b) von Hugo Chavez? Falsch, da brach bei Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble der Revolutionär durch. Denn - Unverschämtheit! - die Ratingagentur Standard & Poor's hat sich erdreistet, die Kreditwürdigkeit Portugals herabzusetzen.

Sicher, das Sparprogramm der ehemaligen Weltmacht ist ambitioniert, aber Portugal liegt mitten in Europa. Okay, zugegeben, nicht mitten in Europa, eher am Rand. Aber immerhin in Europa!

Und jetzt das: In einem Interview sagt ein Standard & Poor's-Manager, die Haushaltsbelastung durch den Rettungsschirm EFSF könne Deutschlands Kreditwürdigkeit beeinflussen. Wie bitte? Deutschlands Kreditwürdigkeit! Und was heißt hier überhaupt "beeinflussen"? Kein Öl ins Feuer gießen, bitte! Mit seiner Kritik an S&P liegt EU-Binnenmarktskommissar Michel Barnier voll im Trend.

Wirtschaftsprüfer hätten in der Finanzkrise eklatante Schwächen offenbart, sagt er und schlägt vor, die vier größten Anbieter zu zerschlagen. Barnier meint zwar die Finanzkrise von 2008 und nicht die von heute, denn mit der haben Wirtschaftsprüfer nun beim besten Willen nichts zu schaffen. Aber Ratingagenturen oder Wirtschaftsprüfer: alles eine Mischpoke.

Der Kampf gegen die Macht der drei größten Ratingagenturen und der vier größten Wirtschaftsprüfer ist bequem. Er lenkt von den schwierigeren Kernproblemen der Finanzmärkte ab. Ein Kernproblem etwa ist, die globalen Ungleichgewichte der Handelsbilanzen zu beheben. Ein anderes besteht in der Kopplung einer europäischen Währungsunion an eine Fiskalunion - und zwar in welchem Ausmaß?

Es geht um die Frage, wie sich Preisblasen von Vermögenswerten und ihre Implosion verhindern lassen. Und es geht um die Frage, welchen Wachstumsdruck künftig Finanzmärkte auf die reale Wirtschaft ausüben sollen. Angesichts dieser Herausforderungen spielen Wirtschaftsprüfer derzeit gar keine Rolle. Und auch Ratingagenturen nur eine untergeordnete - dabei wird ihnen vorgeworfen, mit ihren Ratings die Schuldenkrise zu verstärken.

Der Staat als Träger einer Ratingagentur?

Im Ökonomen-Sprech heißt das, sie wirken "prozyklisch". Aber das liegt in der Natur der Sache: Prozyklisch zu sein ist der Sinn der meisten Veröffentlichungen, natürlich verstärkt ein entsprechender Zeitungs- oder Magazinartikel oder eine neue Bonitätsbewertung die Probleme eines Schuldners. Die Probleme wären ja sonst zum Schaden der Gläubiger nicht in dem Ausmaß bekannt. Die gleichen europäischen Politiker, die gerade eine Aussetzung der Ratings von Staaten in Krisenzeiten fordern, mokieren sich über die argentinische Regierung, die die Publikation privat errechneter Inflationsdaten unter Strafe stellt.

Was haben Standard & Poor's, Moody's oder Fitch getan? Sie haben die Kreditwürdigkeit der USA herabgesetzt. Angesichts der Verschuldung ein zweifellos richtiger Schritt. Zu spät? Nein, denn bislang konnten die USA durch Drucken eigenen Geldes jede Schuld bezahlen, das ändert sich aber gerade, da die Schwellenländer ihre Dollar-Reserven umschichten. Griechenland, Portugal und Italien wurden abgemahnt. Mit Verlaub, alles andere wäre ein schlechter Witz. Das südamerikanische Boom-Land Peru wurde aufgewertet. Zurecht. Dagegen der Verweis darauf, dass Deutschlands Kapazität zur Schuldenübernahme Grenzen kennt? Ist eine Banalität.

Schon in der Subprime-Krise verhob sich die Bundesregierung mit dem Versprechen, alle Einlagen seien sicher. Sie hätte das Versprechen im Ernstfall nie einlösen können. (Dies übrigens auch eine gegebenenfalls prozyklische Aussage.) Nein. Diesmal haben Ratingagenturen ihren Job gemacht. Wer sich bei privaten Investoren Geld leiht, braucht sich nicht zu wundern, dass sich die Investoren Informationen über seine Bonität besorgen. Wer auf den Finanzmärkten spielt, muss sich an deren Regeln halten. Oder sie ändern. Und es gibt durchaus Gründe, auch die Spielregeln für Ratingagenturen und Wirtschaftsprüfer zu ändern. Aber andere, als sie die europäische Politik gerade hervorpoltert.

Oft vorgebrachter Vorwurf gegen die beiden Branchen ist ihre Konzentration. Allerdings war es keine Übernahmewelle, die drei führende Ratingagenturen hervorgebracht hat. Aufgrund der Komplexität der zu bewertenden Finanzinstrumente können schlicht nur wenige, große Agenturen das komplette Spektrum abdecken. Kleinere Anbieter besetzen Nischenmärkte, etwa das Rating mittelständischer Unternehmen. Der Markt für Ratings gibt nicht mehr her. Niemand verbietet einem findigen Unternehmer, eine neue Großagentur zu gründen. So prächtig ist das Image der großen drei ja nun auch nicht, da wäre Spielraum. Aber kein Gesetz kann Unternehmer dazu zwingen.

Außer, sie entsteht auf staatliche Initiative. Doch bei aller Kritik an den Rechenmodellen der Ratingagenturen, die das Subprime-Debakel nicht vorhergesagt haben: Welcher Investor würde einer europäischen Agentur, wie verschachtelt ihre Trägerschaft auch sein mag, Glauben schenken, wenn es um europäische Staatsschulden oder Unternehmensanleihen geht? Der Ruf nach einer europäischen Ratingagentur hallt allerdings ohnehin ins Leere, da der Anbieter Fitch im Mehrheitsbesitz der französischen Holding Finmalac ist und einen Hauptsitz in London hat. Viel europäischer geht's nicht.

Der Staat oder ein Staatenverbund als Initiator oder gar Träger einer Ratingagentur wäre keine Lösung. Staatliche Institutionen haben sich schon in der Finanzkrise vor drei Jahren nicht mit Ruhm bekleckert. Die Unfähigkeit von BaFin und Bundesbank, das - sich in den ihnen zur Verfügung stehenden Daten längst abzeichnende - Desaster von SachsenLB, IKB  und Hypo Real Estate  rechtzeitig nach oben zu melden, hat damals die Bundesregierung zu Nacht-und-Nebel-Aktionen auf Kosten der Steuerzahler gezwungen.

Beratung und Prüfung trennen?

Richtig ist, dass das Geschäftsmodell von Ratingagenturen einen Interessenkonflikt provoziert. Dabei geht es weniger darum, dass die Anbieter selbst an der Konstruktion von Finanzinstrumenten ihrer Kunden mitarbeiten und sie auch bewerten. Der Unfug ist schon abgestellt; in der EU ist das nicht mehr erlaubt. Was sich jedoch kaum verhindern lässt, ist die Frage des Kunden an seine Agentur: "Wie können wir das Rating denn verbessern, hätten Sie da einen Tipp?" Genau das ist auch der Interessenkonflikt im Geschäft von Wirtschaftsprüfern.

Schon nach den Bilanzskandalen von Enron, Worldcom und Tyco  verboten die USA als Teil des Sarbanes-Oxley-Acts den Wirtschaftsprüfern eine Reihe von nicht prüfungsgebundenen Geschäften. Ziel war zu verhindern, dass Wirtschaftsprüfer nicht so genau auf Ungereimtheiten in einer Bilanz sehen, um sich - als Gegenleistung für die Nachlässigkeit - lukrative Aufträge im Beratungsgeschäft beim gleichen Kunden zu sichern. Nun fordert EU-Kommissar Barnier eine komplette Trennung von Beratung und Prüfung.

Doch das geht ähnlich wie bei Ratingagenturen an der Realität vorbei. Der Interessenkonflikt entsteht im Alltag nicht, weil PricewaterhouseCoopers oder KPMG einem Unternehmen auch noch weitere Beratung andienen. Sondern er entsteht, wenn Probleme mit einem Bilanz-Audit auftreten, und der Finanzchef des Kundenunternehmens fragt: "Hätten Sie da einen Tipp?" Bei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sind die Leute vor Ort, die sich durch die Bilanzen schinden, die Deppen. Sie finden die Fehler, und der Vorgesetzte sagt ihnen nach einem Kundengespräch: "Wir testieren das trotzdem. Sie unterschreiben." Denn sonst bekommt die Gesellschaft Ärger mit dem Kunden. Das bestätigen Mitarbeiter von Wirtschaftsprüfern.

"Wie oft", fragt einer ironisch, "wurde einem Dax-Konzern das Testat verweigert?" Hier würde mehr Konkurrenz unter Wirtschaftsprüfern oder Ratingagenturen nicht helfen, das lässt sich nicht durch die Zerschlagung der Anbieter beheben - hier liegt ein klassischer Fall von Marktversagen vor. Es gibt zwei Gründe, die zum Dilemma der Wirtschaftsprüfer und Ratingagenturen führen. Erstens die Komplexität. Großunternehmen wie Siemens , Daimler  oder die Deutsche Bank  sind so schwer überschaubar, dass sich Wirtschaftsprüfer mit Heerscharen von Spezialisten jahrelang einarbeiten müssen, um die Bilanzstruktur zu verstehen.

Die Komplexität der zugelassenen Finanzinstrumente sorgt auf Seiten der Ratingagenturen für den gleichen Effekt. Die Komplexität der Unternehmen lässt sich so schnell nicht verringern. Aber die auf den Finanzmärkten durchaus. Eine Positivliste von Instrumenten, die von der Aufsicht zugelassen werden, würde Abhilfe schaffen. Der Gesetzgeber sollte den gern vorgebrachten Einwand, jede Beschränkung der Kreativität der Finanzmärkte würde Wachstum der realen Wirtschaft kosten, nicht so ernst nehmen. Die durch Finten wie die Verschachtelung von Kreditbeziehungen erzeugten Investitionen sind kurzatmig. Die halten nicht mal bis zur nächsten Wahl.

Das zweite Grundproblem von Wirtschaftsprüfern und Ratingagenturen ist: Sie werden direkt von dem bezahlt, den sie prüfen. Würden wir es den Autobahnfahrern freistellen unter mehreren Anbietern von Geschwindigkeitskontrollen zu wählen, würden sie den nehmen, der die niedrigsten Strafen verhängt. So wird das nichts. Eine Lösung wäre, Prüfungs- und Ratingleistungen im Umlageverfahren aus einer Abgabe zu finanzieren. Wer etwas zu prüfen oder zu bewerten hat, müsste sich an die entsprechende Aufsichtsbehörde wenden. Die würde den Auftrag an einen Pool von Anbietern vergeben. Zu festen Gebühren, die sich an der Komplexität orientieren. Auch die Höhe der Abgabe von Banken oder Unternehmen für ihre Bilanzprüfung oder das Rating ihrer Instrumente würde mit ihrer Größe und Unübersichtlichkeit, für die es einfache Kriterien gibt, zunehmen.

Wenn die Abgabe hoch genug ist, könnten Wirtschaftsprüfer und Ratingagenturen damit bestens leben. Wirtschaftsprüfer müssten die Sicherheit haben, nicht nach wenigen Jahren bei einem komplizierten Kunden abgewählt zu werden. Natürlich wäre ein solches System teuer, je nach Struktur der Abgabe vor allem für die komplexeren Unternehmen und Finanzinstrumente. Es wäre keine neoklassische Lehrbuchlösung. Aber das wäre der Preis für mehr Stabilität. Doch zugegeben, das alles hat einen gravierenden Nachteil. "Umlageverfahren" und "Positivliste" klingen einfach nicht so sexy wie "Zerschlagung".