Donnerstag, 12. Dezember 2019

Krisenlösung "Deutschland muss eine Vision für Europa entwickeln"

Perspektiven für Europa: Deutschland wäre der ideale Kandidat, um neue Strategien für die Währungsunion zu entwickeln

Der Wirtschaftshistoriker Harold James glaubt, dass der Euro noch zu retten ist. Aber dazu müssten vor allem die Deutschen die europäische Integration viel weiter vorantreiben, sagt er im Interview mit manager magazin Online. "Mit gegenseitigen Schuldzuweisungen kommen wir nicht weiter", sagt James.

mm: Professor James, Sie arbeiten gerade an einem neuen Buch, in dem Sie nachzeichnen, wie es zur Währungsunion kam. Glauben Sie, dass es den Euro noch geben wird, wenn das Werk erscheint?

James: Oh ja, alles andere wäre reichlich irrational. Aber ich bin mir angesichts der aktuellen Zuspitzung auch nicht restlos sicher.

mm: Die großen Wendepunkte der Geschichte werden oft durch ein Moment der Irrationalität ausgelöst.

James: Natürlich, das gibt es. Ein dramatischer Umschwung in der öffentlichen Stimmung kann Regierungen zu Handlungen treiben, die rational betrachtet nicht im nationalen Interesse liegen. Aber das institutionelle Setting der Währungsunion bringt jedes Land, das den Euro verlässt, in eine derart unangenehme Lage, dass ich den Ausstieg einzelner Länder für äußerst unwahrscheinlich halte.

mm: Was würde denn dann passieren?

James: Um einen Eindruck davon zu gewinnen, kann man sich Beispiele hoch verschuldeter Länder anschauen, die ihre fixierten Wechselkurse aufgegeben haben.

mm: So wie Argentinien im Jahr 2002?

James: Zum Beispiel. In solchen Situationen kommt es zu einer sehr komplexen Kombination aus Staatspleite und Währungsreform. Die Bilanzen von Unternehmen und Banken geraten in schlimme Schieflagen, weil die Verbindlichkeiten überwiegend in alter Währung, die Forderungen jedoch in schwächerer neuer Währung notiert sind. Man braucht dann spezielle Gesetze, um damit klarzukommen. Es gibt Beschränkungen des Kapitalverkehrs, womöglich auch des Handels. All das hätte unglaublich schwerwiegende Langzeitwirkungen.

mm: Manche empfehlen Griechenland Argentinien zum Vorbild: Das lateinamerikanische Land habe sich ja seit 2002 nicht so schlecht entwickelt.

James: Argentinien hat Glück gehabt, dass der globale Rohstoffboom eingesetzte. Aber der Preis des Bankrotts war hoch: Der Staat hat bis heute keinen Zugang zum globalen Kapitalmarkt, die Inflation liegt bei mehr als 20 Prozent, die Dollar-Reserven der Rentenversicherungen wurden vom Staat konfisziert. Das ist alles nicht gerade vorbildlich. Und als Mitglied der EU wären die Auswirkungen für Griechenland noch viel schlimmer.

mm: Inwiefern?

James: Weil die qualifizierten Leute das Land verlassen würden. In Argentinien war das nicht so leicht. Aber innerhalb der EU herrscht Freizügigkeit. Aus Griechenland würde ein Exodus einsetzen: Die Qualifizierten würde in die nördliche EU und nach Amerika gehen; in Ansätzen ist das bereits sichtbar. Wenn die Leistungsfähigen weg sind, würde das Land ohne jede Dynamik vor sich hin siechen. Die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, wäre dann unmöglich.

mm: Genauso wie die Sanierung der Staatsfinanzen?

James: Wenn die besten Steuerzahler auswandern, aber die Alten, Kranken und wenig Leistungsfähigen bleiben, wäre es quasi unmöglich, den Staatshaushalt in Ordnung zu bringen. Dieses Szenario ist furchtbar - ich kann mir kaum vorstellen, dass es Wirklichkeit wird.

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