Henrik Müller

Aufschwung 2011 Die Deutschland-Blase

Mit großem Schwung startet die Wirtschaft ins neue Jahr. In den Werkshallen sind die Maschinen wieder besser ausgelastet, die Arbeitslosigkeit sinkt. Und es scheint immer weiter bergauf zu gehen. Doch die Risiken steigen - weil sie bislang kaum jemand erkennen will.
Aufschwung mit Risiken: Durch die zusätzliche Nachfrage drohen Überstunden, Sonderschichten und längere Maschinenlaufzeiten. Dadurch steigen die Kosten und die Preise

Aufschwung mit Risiken: Durch die zusätzliche Nachfrage drohen Überstunden, Sonderschichten und längere Maschinenlaufzeiten. Dadurch steigen die Kosten und die Preise

Foto: CHRISTIAN CHARISIUS/ REUTERS

Ein großes Erstaunen hat die Wirtschaft erfasst. So recht können Manager und Unternehmer, Politiker und Notenbanker den überraschenden deutschen Boom nicht fassen.

Für einen umfangreichen Report im aktuellen Heft haben wir uns auf die Suche nach der Anatomie des Aufschwungs begeben und mit vielen Entscheidungsträgern und Experten gesprochen: Warum brummt auf einmal Deutschlands Wirtschaft? Können wir uns tatsächlich von der verbreiteten Krisenstimmung im Rest der westlichen Welt abkoppeln? Wie lange hält der Aufschwung?

Das Forschungsinstitut Kiel Economics, das für manager magazin auch den monatlichen mm-Konjunktur-Indikator berechnet, hat uns mit einer Mittelfristprognose versorgt. Danach wächst die Wirtschaft bis 2015 weiter dynamisch, falls überraschende Schocks, Staatspleiten beispielsweise, ausbleiben.

Das Szenario für die nächsten Jahre unterscheidet sich dramatisch von dem Deutschland-Bild, wie wir es seit anderthalb Jahrzehnten kennen. Statt hoher Arbeitslosigkeit breitet sich Arbeitskräfteknappheit aus; statt stagnierender oder sogar sinkender Löhne, werden die Einkommen für viele spürbar steigen; die Investitionstätigkeit zieht an, bei den Unternehmen und auf dem Bau; die Konsolidierung der staatlichen Budgets geht nun doch erheblich leichter als gedacht.

Die Produktionslücke schließt sich

Es ist ein neues Deutschland, das sich da präsentiert. Eine unbekannte neue Wirtschaftswelt - mit neuen Herausforderungen.

Denn was wir derzeit erleben, droht sich zu einem ungesundem Boom auszuwachsen. Auch das hat Kiel Economics für manager magazin berechnet: Bereits 2011 erreicht Deutschland die Überhitzungsschwelle - die Produktionslücke ("output gap") schließt sich. Das heißt: Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage an Gütern und Dienstleistungen nimmt schneller zu als das gesamtwirtschaftliche Angebot bei Normalauslastung der Kapazitäten. Die zusätzliche Nachfrage kann nur befriedigt werden durch Überstunden, Sonderschichten, längere Maschinenlaufzeiten - all das treibt die Kosten und die Preise.

Normalerweise ist es der Job einer Notenbank, die Wirtschaft abzubremsen, sobald sich eine Überhitzung ankündigt. Doch Deutschland als Teil der Euro-Zone hat keine nationale Geldpolitik mehr. Deshalb erleben wir gerade ein Wirtschaftswachstum mit Raten von über 2 Prozent - Kiel Economics prognostiziert 3,2 Prozent und hält sogar noch mehr für möglich - bei gleichzeitig extrem niedrigen Zinsen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hält die Zinsen niedrig, um die Krisenstaaten innerhalb des Euro-Gebietes vor dem Umkippen zu bewahren.

Die Folge: Deutschland steht am Beginn eines liquiditätsgetriebenen Booms - sehr viel billiges Geld heizt die Nachfrage an. Amerika, China, die Golfstaaten, Großbritannien, Euro-Land - überall auf der Welt bleiben die Notenbanken auf Expansionskurs, auch in den Schwellenländern. Die "globale Überschussliquidität" steigt immer weiter, wie Morgan Stanley für manager magazin berechnet hat. ( Auch dazu mehr im aktuellen Heft.) Und in kaum einem anderen westlichen Land greift dieser monetäre Rückenwind so stark in die Segel wie im relativ gering verschuldeten Deutschland.

Aus dem schönen Aufschwung droht deshalb ein ungesunder Boom zu werden - eine Deutschland-Blase, die die Wirtschaftsstrukturen verzerren, die Verschuldung in die Höhe treiben und damit Probleme in der Zukunft schaffen dürfte.

Das muss sich ändern

Was Deutschland tun kann, um eine solche Entwicklung zu verhindern, damit befasst sich unser Heftreport "Der unheimliche Boom". Zunächst mal muss sie die Nachfrage bremsen, etwa über die Steuerpolitik. So sagte uns EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark: "Gefordert ist die nationale Wirtschaftspolitik, die im Zweifelsfall entschlossen gegensteuern muss." Auf jeden Fall sollte die Bundesregierung unter den gegenwärtigen Bedingungen 2011 oder 2012 keine Steuererleichterungen vornehmen: "Das wäre prozyklische Politik."

Man kann das als Kritik an der Bundesregierung verstehen, die kürzlich Steuererleichterungen in Höhe von 590 Millionen Euro für Arbeitnehmer und vier Milliarden Euro für Unternehmen beschlossen hat. Vor 2013 will insbesondere die Koalitionspartei FDP weitere Steuersenkungen durchsetzen, wie uns Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) im Interview im aktuellen Heft abermals bestätigte.

Eigentlich wäre es makroökonomisch geboten, sich allmählich auf Steuererhöhungen vorzubereiten.

Deutschland, so scheint es, ist in weiten Teilen mental für den derzeitigen Boom nicht gerüstet. Anderthalb Jahrzehnte lang bestimmte das Ringen um die Wettbewerbsfähigkeit des "Standorts Deutschland" die Diskussion; es ging um Themen wie Steuersenkungen, Massenarbeitslosigkeit und Lohnzurückhaltung. Nun sind wir in einem vollkommen anderen ökonomischen Szenario.

Das fühlt sich zunächst besser an - aber es hat seine eigenen Tücken.

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