Dienstag, 28. Januar 2020

Versagen in der Altersvorsorge Den Sparfrust der Deutschen bekämpfen

Seniorenwohnanlage in Radebeul: Ausgaben im Alter oft nur mit hohen Rücklagen zu decken

Die Bundesbürger haben offenbar genug davon, Monat für Monat und privat hunderte Euro für das eigene Alter auf die hohe Kante zu legen. Selbst mögliche Altersarmut scheint ihnen egal geworden zu sein. Jetzt müssen Deutschlands Politiker Mut haben und gegensteuern - und die Eigenvorsorge vielleicht sogar per Gesetz vorschreiben.

Hamburg - Nach einer repräsentativen Allensbach-Umfrage hat die Finanzkrise das Vertrauen der Deutschen in die privaten Altersvorsorgesysteme zutiefst erschüttert. Jeder fünfte Deutsche hat seine private Altersvorsorge entweder gekürzt oder gekündigt. Selbst jene, die ursprünglich ihre Sparanstrengungen erhöhen wollten, haben sich millionenfach anders entschieden - von ihnen kappte oder kündigte jeder Vierte seinen Vertrag.

Das Paradoxe: Die Menschen verabschieden sich massenhaft aus der privaten Altersvorsorge, obwohl sie (37 Prozent) im Zuge der enormen Staatsverschuldung mit weiteren Kürzungen der gesetzlichen Rente rechnen. In Ostdeutschland zweifelt mittlerweile fast jeder Zweite, dass private Altersvorsorge überhaupt noch einen Sinn macht.

Dieser Befund ist neu, erschreckend und verlangt ein Umdenken - sowohl in den Vorstandetagen der Vorsorgeindustrie als auch in der Politik. Denn sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, wird die oft zitierte Altersarmut weitaus größere Teile der Bevölkerung ereilen als wir uns heute vorstellen können.

Staatsverschuldung hin oder her - sehr wahrscheinlich ist, dass das umlagefinanzierte System der gesetzlichen Rentenversicherung allein durch die demographische Entwicklung weiter unter Druck geraten wird, weil immer weniger Beitragszahler in das System einzahlen. Den letzten positiven Geburtensaldo erlebte diese Republik im Jahr 1971. Und die Zahl der Geburten sinkt weiter, während die der Rentner steigt.

Noch mehr Steuergeld für jeden einzelnen

Zugleich sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass berufstätige Zuwanderer aus dem Ausland das deutsche Rentensystem entlasten. Statistiker haben hier sogar eine rentenbelastende Trendwende erkannt: Die 100.000 Zuwanderungen, mit denen in der Vergangenheit stets kalkuliert wurde, werden seit Jahren nicht mehr erreicht. Seit Jahren ist der Wanderungssaldo sogar negativ. Mit anderen Worten: Deutschland ist ein Auswanderungsland. Die Zahl potentieller Beitragszahler in die gesetzliche Rentenversicherung sinkt also weiter, ohne dass dieser Effekt realisiert wird.

Hier hat die Politik versagt. Die Forderung an die Politik kann daher nur lauten, die Hürden für Zuwanderer zu senken, ihnen mehr Anreize bieten, mehr Möglichkeiten zur individuellen Entfaltung und Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe. Und dabei dürfen sich die Anstrengungen mitnichten nur auf die hochqualifizierten Arbeitsnomaden beschränken. Zweifelsohne wir brauchen sie, aber sie allein werden die Lücke nicht füllen können.

Die Politik wird auch nicht umhinkommen, in der privaten Altersvorsorge neue Anreize zu setzen oder neue Wege zu gehen. Was spricht zum Beispiel dagegen, das im angelsächsischen Ausland erfolgreiche praktizierte Opt-out-Modell in der betrieblichen Altersvorsorge auch hier einzuführen? Demnach nehmen neue Mitarbeiter, soweit sie nicht explizit widersprechen (opt-out), automatisch an dem betrieblichen Altersvorsorgeangebot ihrer Firma teil. Wo das Modell getestet und eingeführt wurde, stieg der Versorgungsgrad der Beschäftigten signifikant. Hier zu Lande aber informieren viele Arbeitgeber ihre Beschäftigten noch nicht einmal darüber, dass sie einen Rechtsanspruch darauf haben, Teile ihres Gehalts in die betriebliche Altersvorsorge zu stecken.

Fakt ist, dass nach wie vor viele junge Menschen privat überhaupt nicht für das Alter vorsorgen. Das hat viel mit Gleichgültigkeit, aber auch mit mangelndem Wissen zu tun. Deshalb ist die immer wieder erhobene Forderung richtig, dass Vorsorgeplanung fester Bestandteil im Unterrichtsplan von allen Berufs- und weiterführenden Schulen werden muss. Wenn jetzt die Bundesregierung eine Kommission unter Leitung von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen einsetzen will, um über die Gefahr von Altersarmut aufzuklären, ist das ein richtiger Schritt. Er muss die unabhängigen Berater vor allem zuerst in die Schulen führen.

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