Drama um Stahlwerk Russland hat offenbar Mariupol unter Kontrolle

Das russische Militär hat die strategisch wichtige Hafenstadt Mariupol eigenen Angaben zufolge unter Kontrolle – nur das örtliche Stahlwerk nicht. Dort harren viele Soldaten und unter der Erde wohl noch 1000 Zivilisten aus. Putin lässt das Werk abriegeln.
Eingekesselt: Kapitulieren wollen die ukrainischen Soldaten im Stahlwerk von Mariupol offenbar nicht. Das Gelände mit seinen vielen unterirdischen Gängen und Schutzräumen wäre nur unter eigenen hohen Verlusten einzunehmen. Wladimir Putin lässt es daher hermetisch abriegeln.

Eingekesselt: Kapitulieren wollen die ukrainischen Soldaten im Stahlwerk von Mariupol offenbar nicht. Das Gelände mit seinen vielen unterirdischen Gängen und Schutzräumen wäre nur unter eigenen hohen Verlusten einzunehmen. Wladimir Putin lässt es daher hermetisch abriegeln.

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ALEXANDER ERMOCHENKO / REUTERS

Das russische Militär hat nach Angaben von Verteidigungsminister Sergej Schoigu (66) die umkämpfte südostukrainische Hafenstadt Mariupol unter seine Kontrolle gebracht. Das teilte Schoigu am Donnerstag bei einem mit Kremlchef Wladimir Putin (69) im Staatsfernsehen übertragenen Treffen mit. "Die verbliebenen ukrainischen Kampfeinheiten haben sich auf dem Industriegelände der Fabrik Azovstal verschanzt", sagte Schoigu.

Zugleich ordnete Putin an, das belagerte Stahlwerk in der Hafenstadt nicht zu stürmen. Stattdessen solle das riesige Werksgelände von Asowstal hermetisch abgeriegelt werden. "Es besteht keine Notwendigkeit, in diese Katakomben zu klettern und unterirdisch durch diese Industrieanlagen zu kriechen", sagte er. "Sperren Sie dieses Industriegebiet ab, damit nicht einmal eine Fliege durchkommt." Den noch auf dem Werksgelände befindlichen ukrainischen Soldaten sagte Putin zu, dass sie mit dem Leben davonkämen, sollten sie sich ergeben. Sie würden mit Respekt behandelt.

Soldaten im Stahlwerk werden wohl nicht kapitulieren

In der Nacht zu Donnerstag schlug der ukrainische Chefunterhändler Michailo Podoljak vor, in Mariupol selbst über das Schicksal der Verteidiger zu verhandeln. "Ohne jegliche Bedingungen. Wir sind bereit, eine 'besondere Verhandlungsrunde' direkt in Mariupol abzuhalten", twitterte er am späten Mittwochabend. Zuvor hatte ein Kommandeur des Asow-Regiments die russischen Forderungen nach einer Kapitulation der Verteidiger zurückgewiesen. In einem Videoappell erklärte Swjatoslaw Palamar laut Nachrichtenagentur Reuters: "Wir werden die von der Russischen Föderation gestellten Bedingungen, unsere Waffen abzugeben und unsere Verteidiger als Gefangene auszuliefern, nicht akzeptieren."

Offenbar noch 1000 Zivilisten in belagertem Stahlwerk

Zuvor hatte Schoigu Putin mitgeteilt, dass sich noch etwa 2000 ukrainische Soldaten auf dem Gelände aufhielten. 1478 Kämpfer hätten sich bereits ergeben. Insgesamt sei die Lage in Mariupol ruhig. In Schutzräumen des Werks unter der Erde sollen sich auch Zivilisten befinden. Die stellvertretende ukrainische Ministerpräsidentin Iryna Vereshchuk (42) forderte Russland am Donnerstag auf, dringend die Evakuierung von Zivilisten und verwundeten Soldaten aus dem belagerten Stahlwerk zu ermöglichen. "Dort befinden sich etwa 1000 Zivilisten und 500 verwundete Soldaten. Sie alle müssen noch heute aus Asowstal abgezogen werden", sagte Vereschtschuk in einem Online-Posting.

Die Stadt am Asowschen Meer gilt als strategisch wichtig. Sie liegt zwischen den pro-russischen, selbst ernannten Volksrepubliken von Luhansk und Donezk und der von Russland 2014 annektierten Halbinsel Krim. Russland hatte der Ukraine in den vergangenen Tagen mehrfach Ultimaten zur Kapitulation in Mariupol gestellt. Die Ukraine ließ sie verstreichen. Die Stadt mit ehemals 400.000 Einwohnern, die seit den ersten Tagen des Krieges bombardiert und belagert wird, war Schauplatz der schwersten Kämpfe und der schlimmsten humanitären Katastrophe des Ukraine-Konflikts. Nach Angaben der Ukraine seien dort Tausende Zivilisten ums Leben gekommen. Überprüfen lassen sich diese Angaben nicht.

Region Luhansk ebenfalls zum Großteil unter russischer Kontrolle

Nach ukrainischen Angaben ist der Großteil der Region Luhansk ebenfalls unter russischer Kontrolle. Nach dem Abzug der ukrainischen Truppen aus der Kleinstadt Krimenna kontrollierten russische Einheiten nun 80 Prozent des Gebietes Luhansk, teilte der Gouverneur von Luhansk, Serhij Hajdaj, am Mittwochabend auf Telegram mit. Auch die Städte Rubischne und Popasna in Luhansk seien mittlerweile "teilweise" unter russischer Kontrolle. Um diese gibt es seit Wochen intensive Kämpfe.

Russland war am 24. Februar in die Ukraine einmarschiert. Die russische Führung bezeichnet die Invasion in das Nachbarland als militärischen Sondereinsatz, der der Demilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine sowie dem Schutz Russlands diene. Die Ukraine und der Westen dagegen sprechen von einem nicht provozierten Angriffskrieg. Zuletzt konzentrierte sich das russische Militär auf die Eroberung von Gebieten im Süden und im Osten der Ukraine. Ein Hauptziel dabei war die Einnahme Mariupols.

rei/Reuters
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