Bizarre Therapien, Suizide, Unfälle Ein mutmaßlicher Fenstersturz – und andere mysteriöse Todesfälle russischer Topmanager

Lukoil-Chef Rawil Maganow ist auf ungeklärte Weise ums Leben gekommen, so wie eine Reihe einflussreicher russischer Unternehmer. Die Erklärungsversuche des Kreml klingen oft wenig glaubwürdig.
Lukoil-Chef Rawil Maganow (2015)

Lukoil-Chef Rawil Maganow (2015)

Foto: Sergei Fadeichev / ITAR-TASS / IMAGO

Am Donnerstag ist Rawil Maganow, Vorstandschef des russischen Ölkonzerns Lukoil, gestorben. Sein Tod ist der jüngste in einer Reihe von russischen Geschäftsleuten, die seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine unter ungeklärten Umständen ums Leben kamen. Darunter seit Jahresbeginn auch mehrere Manager russischer Energiekonzerne. Eine Übersicht.

Rawil Maganow, Lukoil

Foto: Mikhail Metzel / ITAR-TASS / IMAGO

Der Fall: Der 1954 geborene Maganow starb am Donnerstag in Moskau.

Der Erklärungsversuch: Maganow sei den Folgen einer »schweren Krankheit« erlegen, teilte Lukoil mit, ohne nähere Angaben zur Todesursache zu machen. Russische Medien hatten zuvor berichtet, Maganow sei aus einem Fenster des Zentralen Klinischen Krankenhauses in Moskau gestürzt. Bei Maganow sei neben Herzproblemen eine Depression diagnostiziert worden, hieß es.

Der russische Ölgigant Lukoil hatte sich im März als erstes großes russisches Unternehmen öffentlich für ein Ende des Kriegs in der Ukraine ausgesprochen.

Juri Woronow, Astra-Shipping

Der Fall: Der 61 Jahre alte Woronow wurde Anfang Juli mit einer Schusswunde im Kopf im Swimmingpool eines Ferienhauskomplexes in einem Vorort von Sankt Petersburg gefunden. Woronow war Gründer und Chef des Logistikunternehmens Astra-Shipping, das für Gazprom Aufträge in der Arktis ausführte.

Der Erklärungsversuch: Eine Pistole sowie leere Patronenhülsen lagen Medienberichten zufolge am Beckenrand. Russische Ermittler gingen davon aus, dass der Oligarch durch einen Streit mit Geschäftspartnern ums Leben gekommen sei. Seine Frau sagte demnach, Woronow hätte geglaubt, von »unehrenhaften« Vertragspartnern um viel Geld geprellt worden zu sein.

Wladimir Ljakischew, Gebrüder Karawajew

Der Fall: Der 45 Jahre alte Ljakischew, Miteigentümer der russischen Caféhauskette Gebrüder Karawajew, wurde am 4. Mai tot auf dem Balkon seiner Wohnung im 16. Stock eines Moskauer Hochhauses gefunden.

Der Erklärungsversuch: Die Polizei teilte damals mit, Ljakischew habe sich erschossen.

Alexander Subbotin, Lukoil

Der Fall: Subbotin ist ebenfalls im Mai gestorben. Er war leitender Angestellter bei Lukoil, jenem Gaskonzern, dessen Vorstandschef am Donnerstag ums Leben kam.

Der Erklärungsversuch: Subbotins Fall wurde in den russischen Medien detailgetreu erörtert. Demnach sei er bei einer okkulten Behandlung gegen Alkoholsucht gestorben. Ein Schamane hätte ihn in seiner Wohnung in Mytischtschi nordöstlich von Moskau empfangen. Dort hätten sie ihm über einen Schnitt in die Haut zunächst Krötengift verabreicht, später habe er unter anderem noch in Hahnenblut gebadet, bevor sich Subbotin plötzlich unwohl gefühlt und erbrochen habe. Der Schamane und seine Ehefrau hätten den Milliardär auf einer Liege im Keller zur Ruhe gelegt, er sei dann aber nicht mehr aufgestanden.

Wie die unabhängige »Moscow Times« berichtete, soll der Manager sich regelmäßig an den Heiler gewandt haben.

Vladislav Avayev, Gazprombank, und Sergey Protosenya, Novatek

Die Fälle: Innerhalb von 48 Stunden sind im April zwei Topmanager aus dem Umfeld der russischen Gasindustrie ums Leben gekommen. Avayev, ein 51 Jahre alter ehemaliger Vizepräsident der Gazprombank, wurde tot in einer Moskauer Wohnung aufgefunden, zusammen mit den Leichen seiner Frau und seiner 13 Jahre alten Tochter.

Tags darauf ist Protosenya, ehemaliger Topmanager des Gaskonzerns Novatek, in seiner Villa im spanischen Küstenort Lloret de Mar entdeckt worden. Tot, wie auch seine Frau und seine 18-jährige Tochter.

Novatek ist Russlands wichtigster Exporteur für Flüssigerdgas; über die Gazprombank laufen Zahlungen für russisches Gas des Pipelinemonopolisten Gazprom.

Polizei vor dem Wohnhaus in der Moskauer Straße Universitetsky Prospekt, in dem die Leichen der Familie Avayev gefunden wurden

Polizei vor dem Wohnhaus in der Moskauer Straße Universitetsky Prospekt, in dem die Leichen der Familie Avayev gefunden wurden

Foto: Sergei Fadeichev / ITAR-TASS / IMAGO

Die Erklärungsversuche: Die russische Tageszeitung »Kommersant« zitierte die Ermittler mit den Worten, sie glaubten, dass Avayev seine Frau und seine Tochter erschossen habe, bevor er Selbstmord beging.

Von einem erweiterten Selbstmord ging auch die katalanische Polizei im Fall der Familie Protosenya zunächst aus. Allerdings häuft sich die Zweifel an dem Hergang, starben Protosenyas Frau und Tochter laut britischer und spanischer Berichte an Hieb- und Stichverletzungen durch eine Axt und ein Messer. Der Geschäftsmann selbst wurde demnach erhängt vor der Villa gefunden. Außerdem sei kein Abschiedsbrief und auf Protosenyas Kleidung keinerlei Blut gefunden worden.

Ob die beiden Taten miteinander in Verbindung stehen, ist unklar.

Alexander Tjulakow, Gazprom

Der Fall: Tjulakow wurde am 25. Februar, dem Morgen nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine , tot in der Garage seines Hauses in Sankt Petersburg aufgefunden. Er war leitender Angestellter bei Gazprom.

Der Erklärungsversuch: Weder Gazprom noch die Untersuchungskommission der Region gaben damals öffentliche Erklärungen zu dem Tod des 61-Jährigen ab, den die Zeitung »Novaya Gazeta« als Selbstmord bezeichnete.

Mikhail Watford

Der Fall: Watford, ein 66-jähriger ukrainischstämmiger Geschäftsmann, wurde am 28. Februar tot in einem Haus im Südosten Englands aufgefunden.

Der Erklärungsversuch: Die Polizei von Surrey teilte damals mit, dass man den Tod nicht als verdächtig einstufte.

Leonid Shulman, Gazprom Invest

Der Fall: Shulmans Leiche wurde am 30. Januar im Badezimmer eines Hauses im Bezirk Vyborgsky nördlich von Sankt Petersburg gefunden. Der 60-Jährige war Leiter des Transportdienstes bei Gazprom Invest, einem Unternehmen, das Investitionsprojekte für den Gasriesen Gazprom abwickelt.

Der Erklärungsversuch: Der russischen Nachrichtenagentur RIA zufolge habe es sich auch bei diesem Tod vermutlich um Selbstmord gehandelt. Ein lokales Nachrichtenportal hatte berichtete, Shulman sei wegen einer Beinverletzung krankgeschrieben gewesen.

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie – auch anonyme – Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen . Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels zeigte ein Foto eine falsche Bildunterschrift.

sak/Reuters
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.