Zur Ausgabe
Artikel 28 / 45
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Luft anhalten und wegducken

Firmengewinne: Nach zwei schwachen Jahren hoffen Manager und Börsianer auf steigende Unternehmenserträge. Ihre Botschaft: Das Schlimmste ist vorüber. Mag sein. Aber die Risiken sind immer noch enorm.
aus manager magazin 1/2003

Es ist noch nicht lange her, da verhieß Gerhard Pegam eine rosige Zukunft. Die "Talsohle" sei erreicht, von nun an gebe es nur noch eine Richtung: aufwärts. 2003 spätestens sollte das Geschäft wieder so richtig brummen. "Deutliche Umsatz- und Ergebniszuwächse" stellte der Chef des Elektrobauteile-Herstellers Epcos in Aussicht. Das war im März 2002.

Mittlerweile ist klar: Pegams Visionen lagen total daneben. Epcos hat das schlechteste Jahr der Firmengeschichte hinter sich - kaum ein anderes Dax-Unternehmen hat die Erwartungen der Börsianer 2002 derart enttäuscht wie der Siemens-Ableger.

Klar, dass Pegam mit seinen Prognosen vorsichtiger geworden ist. Nun spricht er von 2003 als einem "Jahr des Übergangs"; dank großflächiger Sparprogramme soll der Konzern wenigstens aus den roten Zahlen kommen. "Und wir erwarten, dass 2004 noch besser wird."

Noch besser?

Immerhin: Das Schlimmste scheint vorüber. Manager und Analysten haben das miserable Jahr 2002 abgehakt. Für 2003 sagen sie etwas bessere Ergebnisse voraus. Im Durchschnitt sollen die Dax-Unternehmen pro Aktie einen Gewinn von 2,95 Euro abwerfen.

Bescheidene Aussichten - gemessen an den Ergebnissprüngen Ende der 90er Jahre. Aber auch: optimistische Erwartungen - gemessen an den Risiken, die 2003 noch bestehen.

Können die Unternehmen die Gewinnversprechen halten? Oder steht ein weiteres Krisenjahr bevor?

Leicht wird es jedenfalls nicht. Die meisten Firmen müssen in einer deflationären Umwelt überleben: Überall bestehen Überkapazitäten, Preise verfallen (siehe Kasten Seite 94).

Quer durch die Branchen das gleiche Bild: Ob Tech-Firmen wie Epcos, Autokonzerne wie Volkswagen oder Einzelhändler wie KarstadtQuelle - von dynamischer Nachfrage ist nichts zu sehen.

Viele Unternehmen korrigieren ihre mittelfristige Planung nach unten. Der Konsumgüterkonzern Henkel etwa hat die Firmenziele gesenkt: Statt ehedem 8 Prozent Wachstum in den Jahren bis 2005 fasst Henkel nun noch 4 Prozent "organisches" Wachstum ins Auge - gemessen an aktuell 0,7 Prozent immer noch ein ehrgeiziges Ziel.

Magere Zeiten. Nach den Konjunkturprognosen für 2003 werden die deutschen Konsumenten kaum mehr ausgeben als 2002 - im abgelaufenen Jahr ist der Konsum sogar gesunken (nach Abzug der Preissteigerung). Auch die Nachfrage aus dem Ausland, 2002 die letzte Stütze der deutschen Wirtschaft, wird bestenfalls leicht zunehmen.

Weil der Absatz lahmt, haben die Unternehmen ihre Investitionspläne zusammengestrichen. Den Managern fehlt das Vertrauen in die Zukunft. Bei der Herbstumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) gaben nur 15 Prozent der Firmen an, sie planten 2003 höhere Investitionen.

Die Sparsamkeit, so hoffen Manager und Börsianer, soll sich nächstes Jahr in den Bilanzen niederschlagen - in Form besserer Ergebnisse.

Schön wär's ja.

Leider bestehen nach wie vor gravierende Risiken: ein erneuter Konjunktureinbruch in den USA; ein weiterer Kurssturz an den Börsen; eine rasche Aufwertung des Euro; ein Krieg im Irak und ein weiter steigender Ölpreis - alles möglich. Ausgesprochen "instabil" sei die Lage, warnt denn auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaft- lichen Entwicklung.

Dennoch unterstellen sämtliche offiziellen Vorhersagen für 2003, dass all diese Risiken nicht eintreten. Es kann allerdings auch anders kommen: Eine Rezession in Amerika (bisherige Prognose: 2,6 Prozent Wirtschaftswachstum) ist so unwahrscheinlich nicht - mit gravierenden Folgen für den Export und die amerikanischen Töchter deutscher Firmen.

Beispiel DaimlerChrysler: Das Konzernergebnis hängt maßgeblich vom US-Geschäft ab. 2001 zog Chrysler mit einem Milliardendefizit den Gesamtkonzern in die roten Zahlen. 2002 haben Sparprogramme und eine Autosonderkonjunktur Chrysler in die Gewinnzone gehoben.

Aber 2003? Trotz Rabattkrieg und Nullzinsfinanzierung der großen US-Hersteller droht Amerikas Autoabsatz empfindlich einzubrechen - und das Konzernergebnis zu verderben. Möglich also, dass Chrysler die stabilen Erträge aus dem Mercedes-Geschäft kommendes Jahr abermals auffrisst.

Ein erneuter Abschwung in Amerika hätte einen höchst unerfreulichen Nebeneffekt: die rasche Abwertung des Dollars. Bereits im Verlauf des Jahres 2002 schwächte sich die US-Währung um mehr als 10 Prozent gegenüber dem Euro ab. Sackt der Dollar weiter, spüren deutsche Unternehmen direkt die Folgen - bei schwacher Konjunktur kann niemand hoffen, den Wechselkursverlust durch Preiserhöhungen ausgleichen zu können.

Betroffen wären auch Unternehmen, die von der Lähmung der heimischen Wirtschaft bislang nur am Rande betroffen sind, wie der Luxusautohersteller Porsche, für den die USA der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt sind. Auch wenn sich das Unternehmen gegen einen Dollar-Verfall abgesichert hat, dürften auf die Dauer die Erträge leiden. Wäh- rungsturbulenzen lassen sich nur vorübergehend aus den Bilanzen fern halten.

Mittelbar würde eine neuerliche US-Rezession nicht nur das Amerika-Geschäft deutscher Unternehmen schmälern, sondern die zarte deutsche Konjunktur insgesamt schwächen. Vor allem weil Amerika die Weltbörsen nach unten ziehen würde. Ein Kurssturz würde sich direkt in den Konzernbilanzen niederschlagen - in Form weiterer Abschreibungen.

Bereits 2002 belasten gigantische Wertberichtigungen die Bilanzen: Viele Unternehmen haben die Werte von Firmen, die sie in den Boomjahren aufgekauft haben, ("Goodwill") und von Aktienpaketen nach unten korrigiert. Interims-Telekom-Chef Helmut Sihler schrieb im dritten Quartal außerplanmäßig die Rekordsumme von 33 Milliarden Euro ab. Altlasten, mit denen sich Nachfolger Kai-Uwe Ricke nicht mehr herumplagen muss.

Auch die Allianz hat in den ersten drei Quartalen 2002 allein auf Wertpapiere die stattliche Summe von 3,8 Milliarden Euro abgeschrieben. Nun hofft Vorsteher Henning Schulte-Noelle: "Der Tiefpunkt dürfte hinter uns liegen, die Allianz wird gestärkt aus diesen Turbulenzen hervorgehen."

Vor allem auf bereits vorgenommene Abschreibungen stützt sich die verbreitete Erwartung steigender Gewinne im kommenden Jahr: Weil die Bilanzen weitgehend gereinigt wurden, verspricht das kommende Jahr bessere Ergebnisse.

Ein weiterer Kursverfall allerdings würde die Ertragsaussichten 2003 erneut verdüstern. Besonders hart träfe es wiederum die Kreditinstitute. Wie die Allianz-Tochter Dresdner Bank, so kämpfen auch Commerz- und HypoVereinsbank darum, beim Kostenkürzen mit der verschlechterten Lage Schritt zu halten.

Neben dem Preisverfall bei Vermögenswerten beeinträchtigt die schlechte Konstitution der Kreditkunden die Gewinne der Banken: Weil die Gefahr zunimmt, dass Kredite nicht bedient werden können, schaffen sich die Banken große Sicherheitspolster ("Risikovorsorge"). Bleibt die gesamtwirtschaftliche Situation flau, müssen sie 2003 weitere Gelder zurücklegen, die das Ergebnis abermals schmälern.

Der Vorstandschef der Commerzbank, Klaus-Peter Müller, mag "angesichts der Volatilität der Märkte" überhaupt nichts mehr versprechen: "Wie sich unser Geschäft weiter entwickelt, hängt ganz wesentlich von den Rahmenbedingungen ab. Und die sind alles andere als rosig."

Wohl wahr. Rot-Grün hat sich in den vergangenen Monaten redlich bemüht, der Wirtschaft die Stimmung zu vermiesen. Höhere Renten- und Krankenkassenbeiträge steigern die Arbeitskosten. Die Ökosteuer wird ausgebaut, die Gewinnbesteuerung verschärft, insbesondere durch eingeschränkte Verlustvorträge. Eine wiedereingeführte Vermögensteuer würde die Betriebssubstanz angreifen. Höhere Belastungen in der Krise - eine äußerst gewagte Neuinterpretation des Begriffs "antizyklische Wirtschaftspolitik".

Dabei ist klar: Nur die Aussicht auf auskömmliche Gewinne lässt Unternehmen in Deutschland investieren. Solange die Ertragsaussichten jedoch verhalten bleiben, so lange wird auch das Wirtschaftswachstum insgesamt lahmen. Dringend, mahnt der Sachverständigenrat, müsse die Wirtschaftspolitik "die Rahmenbedingungen für unternehmerische Investitionen" verbessern.

Da gegenwärtig das Gegenteil passiert, hält der Strom deutscher Wirtschaftsflüchtlinge ins Ausland an. BASF stockt seine Investitionen in Asien auf und reduziert den Ausbau in der Bundesrepublik. Epcos verlagert gegenwärtig den Großteil seiner Produktion ins Ausland: Mehr als die Hälfte der Wertschöpfung soll künftig an Niedriglohn-Standorten erbracht werden.

Tschüss, Deutschland.

Frustrierte Manager, unsichere Konjunktur, wacklige Finanzmärkte, destruktive Politik - wahrlich keine erbaulichen Zeiten. Sollen die Gewinne tatsächlich wie prognostiziert steigen, bedarf es nicht nur unternehmerischer Tüchtigkeit, sondern auch schlichten Glücks.

Henrik Müller

-------------------------------------------------------------------

Perspektive 2003

u Alle Prognosen sagen einen leichten Aufschwung voraus - was keineswegs sicher ist.

u Die Unternehmen setzen auf Ausgabendisziplin. Kaum jemand weitet in Deutschland die Kapazitäten aus.

u Ein weiterer Kursverfall an den Börsen würde auch 2003 die Bilanzen verderben.

-------------------------------------------------------------------

Überleben in der Deflation

Bei sinkenden Preisen kappen die Unternehmen die Kapazi- täten. Droht Deutschland eine Abwärtsspirale à la Japan?

Warnsignale Steht Deutschland am Rand einer Deflation? Ökonomen und Wirtschaftspolitiker debattieren diese Frage derzeit heftig. Für viele Manager indes sind Phasen fallender Preise keine akademische Frage, sondern eine Alltagserfahrung. In den vergangenen Monaten sank der Index der Produzentenpreise, die die Hersteller erlösen. Zum Jahresende stiegen die Preise zwar wieder leicht an, aber ein erneuter Fall des Index unter die Nulllinie ist keineswegs ausgeschlossen (siehe Grafik).

Gute Deflation Seit Mitte der 90er Jahre drückt der schärfere Wettbewerb - angefacht durch die Globalisierung und die Öffnung ehedem staatlicher Sektoren - tendenziell die Preise. Lediglich im Boom 1999 und 2000 stiegen die Produzentenpreise deutlich, viele Firmen verdienten entsprechend gut.

Aus Sicht der Unternehmen sind sinkende Preise kein großes Problem, solange sie in der Lage sind, die Produktivität schneller zu steigern, als die Preise fallen. Nur kommt der Produktivitätsfortschritt dann eben nicht allein den Firmen und ihren Beschäftigten zugute, sondern auch den Konsumenten. Wenn die Unternehmen neue, attraktive Produkte auf den Markt bringen, bricht der Absatz nicht ein.

Schlechte Deflation Wirklich problematisch ist Deflation erst, wenn die Käufer sich zurückhalten, weil sie erwarten, künftig werde alles noch billiger. Geringere Absatzmengen und sinkende Preise drücken die Erlöse der Unternehmen, die daraufhin ihre Investitionen kürzen. Eine Abwärtsspirale. Deutschland steht am Rand einer solchen Entwicklung. Aber noch gilt: Frankfurt ist nicht Tokio.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 28 / 45
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel