US-Postchef Louis DeJoy Vom Spediteur zum Saboteur

Kaum im Amt, gerät US-Postchef Louis DeJoy ins Zentrum des politischen Streits. Der frühere Logistikunternehmer und Großspender von Präsident Trump tritt an, um die Staatsfirma umzukrempeln.
US-Postchef Louis DeJoy auf dem Weg zu Parlamentssprecherin Nancy Pelosi am 5. August

US-Postchef Louis DeJoy auf dem Weg zu Parlamentssprecherin Nancy Pelosi am 5. August

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Carolyn Kaster / AP

"Deliver de Mail, depose DeJoy" - mit solchen Wortspielen gehen jetzt Demonstranten in Amerikas Städten auf die Straße. Tragt die Post aus, setzt DeJoy ab. Louis DeJoy (63), erst seit Mitte Juni als CEO und "Postmaster General" an der Spitze des United States Postal Service (USPS), gilt ihnen als Totengräber der jahrhundertealten Institution - und als Gefahr für die Demokratie. Weil seine Sparmaßnahmen die in Corona-Zeiten wichtige Briefwahl infrage stellen, nennt auch die Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi (80) ihn einen "Komplizen" in der von Präsident Donald Trump (74) betriebenen "Sabotage" seiner Abwahl.

Pelosi hat die Parlamentskammer deshalb am Montag vorzeitig aus der Sommerpause zurückgerufen. Noch in dieser Woche soll mit der Mehrheit der Demokraten ein Gesetz zur Rettung der Post verabschiedet werden, das DeJoys erste Entscheidungen als Manager rückgängig machen würde.

DeJoy selbst soll in der kommenden Woche zu einer Anhörung im Kongress erscheinen, die eigentlich für September geplant war. Wenn er nicht komme, so der Demokraten-Fraktionschef im Senat Chuck Schumer (69), dann müsse DeJoy wieder abberufen werden. Ein erstes Gespräch des Post-Chefs mit Pelosi und Schumer im Kongress Anfang August sei in eine "hitzige Diskussion" gemündet, berichtet die "Washington Post" .

"Sie werden bald merken, dass ich direkt und entschlossen bin und kein Blatt vor den Mund nehme", stellte DeJoy sich den mehr als 600.000 Beschäftigten des Staatsunternehmens in einer Videobotschaft zum Amtsantritt  vor. Zugleich rühmte er den USPS als "essenziellen öffentlichen Dienst" und "älter als die Nation", jedoch mit einem "kaputten Geschäftsmodell". Er habe den Job gerade wegen der "Herausforderung" angenommen.

Das Geld reicht höchstens bis September

Der USPS hat einen Schuldenberg von mehr als 160 Milliarden Dollar angehäuft und schreibt chronisch Verluste, auch weil das Unternehmen gesetzlich dazu verdonnert ist, wenig lukratives Briefgeschäft zu betreiben und zugleich laufend Vorsorge für Pensionen und Krankenversicherung zu treiben. Im vergangenen Geschäftsjahr belief sich das Minus auf 8,8 Milliarden Dollar.

Wegen der Corona-Krise ist im laufenden Jahr auch noch der Umsatz eingebrochen. Das Geld reiche maximal bis September, warnte das Board daher - und bat erstmals seit den 70er Jahren um Staatshilfe in Höhe von 75 Milliarden Dollar. Ein Zehn-Milliarden-Kredit wurde im Prinzip bewilligt, hängt aber im politischen Streit fest.

DeJoys Antwort ist harte Kostenkontrolle: Hunderte Sortiermaschinen und tausende Briefkästen werden demontiert, Einstellungen und die wegen der vielen Ausfälle nötigen Überstunden gestoppt. Der spürbare Effekt ist, dass die Post noch langsamer kommt als ohnehin schon.

Das dürfte weitere Kunden zu privaten Konkurrenten wie FedEx oder UPS treiben, warnt gegenüber "Recode"  John McHugh, Chef des Branchenverbands Package Coalition, der Paketversender wie Amazon oder Ebay vertritt: "Ein Amerika ohne Postal Service ist unvorstellbar. Aber im schlimmsten Fall, der absolut möglich ist, müsste es wohl so kommen."

Der gebürtige New Yorker DeJoy ist der 75. "Postmaster General" in einer Reihe, die auf Staatsgründer Benjamin Franklin zurückgeht - und der erste seit Jahrzehnten, der von außen in den Betrieb kommt. Seine Vorgängerin Megan Brannan hatte als Briefträgerin angefangen.

Großspender der Republikaner und Finanzchef des Parteitags

Branchenerfahrung hat DeJoy aber durchaus. Ein Vermögen hat er als Logistikunternehmer gemacht, mit der vom Vater 1992 übernommenen Spedition, die damals aus einigen Lastwagen bestand und angeblich kurz vor dem Konkurs stand. DeJoy gewann für seine New Breed Logistics einen Großauftrag des USPS. Der Auftrag, unter anderem Transporttaschen und Körbe zu reparieren, wurde über die Jahre zu einem Milliardengeschäft. Später fand New Breed weitere lukrative Kunden wie Boeing oder Verizon.

1993 zog New Breed nach Greensboro in North Carolina um, wo DeJoy und seine Ehefrau Aldona Vos (65) zu Großspendern der Republikanischen Partei aufstiegen. In ihrer "The Castle" getauften Residenz empfingen sie beispielsweise Donald Trump 2017 zu einem Spendendinner. Vos ist von Trump als künftige Botschafterin in Kanada nominiert.

DeJoy persönlich hat Millionen an Trump und dessen Partei gespendet , der er auch als Schatzmeister diente. Aktuell verantwortet er die Finanzen für den Parteitag, der Ende August in Charlotte (North Carolina) Trump zur Wiederwahl nominieren soll - wegen Corona aber nur als Minimalprogramm stattfindet.

Wette auf Amazon - und ein massiver Interessenkonflikt

Umstritten ist neben dem Ruch der politischen Gefälligkeit vor allem der Interessenkonflikt, den DeJoy als Post-Chef und gleichzeitiger Großaktionär eines Auftragnehmers hat. Er hält nämlich zum Entsetzen von Governance-Experten  noch immer ein auf 30 bis 75 Millionen Dollar beziffertes Aktienpaket des Logistikkonzerns XPO. An XPO hatte er 2014 seine Firma New Breed für 615 Millionen Dollar verkauft. Obwohl derartige Konstruktionen für Manager von Staatsfirmen verboten sind, gab der USPS-Board grünes Licht, die Aktien zu behalten.

Vor seinem Amtsantritt verkauft hingegen hat DeJoy seine Aktien von UPS und Amazon  - letztere allerdings im Tausch gegen Kaufoptionen, für die er sich den aus heutiger Sicht niedrigen Kurs von 1860 Dollar sicherte.

Dieses Geschäft könnte ihn noch in Konflikt mit Trump bringen. Der Präsident hat nämlich Amazon ins Visier genommen - und seine eigene Lösung für die Finanzprobleme des USPS entwickelt: Die Post solle einfach den Preis für die Pakete von Amazon und anderen Onlinehändlern vervierfachen. Falls nicht, würde er gegen jede Staatshilfe sein Veto einlegen.

ak
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