Lockerungen des Corona-Lockdowns Merkel stellt Händlern schnellere Öffnungen in Aussicht - warnt aber zugleich

Die Bundeskanzlerin dringt darauf, bei den Lockerungen der Corona-Beschränkungen nur behutsam vorzugehen. Einzelhändler könnten teils schon vor dem 7. März aufsperren - zugleich werden aber Grenzen dichtgemacht.
Kein Lampenfieber: Kanzlerin Angela Merkel bei einem Interview zur Corona-Lage mit dem ZDF

Kein Lampenfieber: Kanzlerin Angela Merkel bei einem Interview zur Corona-Lage mit dem ZDF

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Guido Bergmann / dpa

Angesichts weiter sinkender Corona-Infektionszahlen stellt Bundeskanzlerin Angela Merkel nun schnellere Öffnungsschritte in Aussicht. Wenn eine Sieben-Tage-Inzidenz von 35 erreicht sei, könnten die Länder zunächst wie vereinbart den Einzelhandel öffnen, sagte Merkel am Freitag im ZDF-Interview.

"Wenn wir den Öffnungsschritt mit den Geschäften gemacht haben und wir haben (...) zwei Wochen lang stabil unter 35, dann können wir den nächsten Schritt ins Auge fassen", fügte sie hinzu. Dies könnte dann die Bereiche Kultur, Sport, Gastronomie oder Hotels betreffen. Die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner - die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz - sank in Deutschland auf 62,2 (Vortag: 64,2), wie das RKI meldete.

Regierungssprecher Steffen Seibert betonte, dass Länder auch vor dem offiziellen Lockdown-Ende am 7. März Geschäfte öffnen könnten, wenn sie die Sieben-Tage-Inzidenz unter den Wert von 35 gedrückt hätten. Merkel bezeichnete es als möglich, dass am 1. März bundesweit der Wert von 50 erreicht werde.

Merkel fürchtet dritte große Infektionswelle

Hintergrund der Äußerungen der Kanzlerin sind nun offenbar die weiter deutlich sinkenden Infektionszahlen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldete am Freitag 9860 neue Fälle binnen eines Tages - erneut weniger als in der Vorwoche. Außerdem wurden 556 neue Todesfälle innerhalb von 24 Stunden verzeichnet. Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind nach wie vor groß: Während Rheinland-Pfalz eine Inzidenz von 52,6 registrierte, lag der Wert in Thüringen bei 105,9. Sollte die Entwicklung anhalten, könnten einzelne Bundesländer bereits am Wochenende unter die Marke 50 kommen. Die Zahl der in Krankenhäusern registrierten Corona-Intensivpatienten sank laut Divi-Register weiter deutlich auf 3547.

Insgesamt dringt Merkel aber auf große Vorsicht bei den geplanten Lockerungen des Corona-Lockdowns. Andernfalls sieht sie Deutschland in eine große dritte Infektionswelle schlittern. Grund ist die Ausbreitung neuer Virusvarianten. Wegen der grassierenden Verbreitung der Coronavirus-Mutanten in mehreren angrenzenden Staaten verschärfte Deutschland die Regeln für die Einreise und ordnete teils stationäre Grenzkontrollen an. Ab Sonntag dürfen keine Reisenden aus Tschechien, Tirol in Österreich und der Slowakei mehr nach Deutschland befördert werden.

Merkel sagte im ZDF-Interview: "Es hängt jetzt von uns und klugen Öffnungsschritten ab, ob wir ohne eine groß ausgeprägte dritte Welle durch die Pandemie kommen - oder ob wir zu unvorsichtig sind und dann doch vielleicht wieder steigende Fallzahlen haben." Die von den Ländern geplanten Öffnungen von Schulen und Kitas seien "ein gewagter Schritt". Sie sehe die große Bedeutung dieser Bereiche aber auch ein. Wenn zum 1. März dann auch Friseure wieder öffnen könnten, sei dies schon "ein Mehr an Kontakten, das man beobachten muss".

Verkehr in die Slowakei wird gestoppt

Merkel erläuterte, warum das Erreichen der von Bund und Ländern vereinbarten Marke von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen kein Freibrief für Lockerungen in großem Stil wäre. Die 35 seien "eine Vorsichtszahl" für erste Schutzmaßnahmen. Wenn man sie unterschreite, dürfe man auch wieder an größere Öffnungsschritte denken. Aber nach einem Öffnungsschritt solle 14 Tage gewartet werden bis zum nächsten Schritt. Erst ohne erneuten Anstieg der Fälle "kann man den nächsten Schritt gehen".

Keine Öffnungstermine gibt es bisher noch für Schulen in höheren Jahrgängen, Berufsschulen und Unis, Kinos, Theater, für den Gruppensport sowie für Restaurants, Gaststätten und Hotels. "Dann müssen wir politisch entscheiden, welche Öffnungsschritte aus welchem Strang wollen wir jetzt als nächste", kündigte Merkel an.

Nach Tschechien und Tirol stufte die Bundesregierung die Slowakei als Gebiet mit besonders gefährlichen Virusmutationen ein. Das heißt, dass Fluggesellschaften sowie Bus und Bahnunternehmen keine Passagiere mehr aus diesen Ländern nach Deutschland befördern dürfen. Ausgenommen davon sind deutsche Staatsbürger und in Deutschland lebende Ausländer.

Schon jetzt würden in Bayern bei deutlich mehr als zehn Prozent der Infizierten Mutanten festgestellt - mehr als doppelt so viel wie insgesamt in Deutschland, sagte der Münchner Infektiologe Clemens Wendtner. Er warnte vor allem vor einem Einschleppen der gefährlichen südafrikanischen Coronavirus-Variante aus Tirol. "Die ist nach bisherigem Wissen noch einmal gefährlicher als die britische Variante", sagte Wendtner der Deutschen Presse-Agentur. Sie sei infektiöser, wohl tödlicher und resistenter gegen Impfstoffe. Auch wer schon Corona hatte, könne sich wahrscheinlich erneut anstecken.

Bereits heute haben sich die hochansteckenden Corona-Varianten nach Einschätzung der Behörden weiter ausgebreitet als bisher bekannt. "Ich gehe von einem Anstieg aus, ganz klar", sagte der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, am Freitag in Berlin. In der kommenden Woche würden neue Daten dazu vorgelegt. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erläuterte, warum die Virusvarianten den Behörden trotz sinkender Infektionszahlen solche Sorgen bereiten: "Die Zahl der Neuinfektionen geht zurück, aber der Anteil (der Varianten) steigt", sagte er. "Besser jetzt noch eine Weile durchhalten, als Rückschläge zu riskieren."

Wieler forderte: "Wir müssen die Ausbreitung der Varianten zumindest verlangsamen. Wir müssen verhindern, dass neue besorgniserregende Varianten entstehen." Die Lage auf den Intensivstationen sei noch immer angespannt. "Leider sterben immer noch sehr viele Menschen im Zusammenhang mit Covid-19." Bisher sind es bundesweit über 64.000.

wed/Reuters, DPA
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