Henrik Müller

Lieferengpässe Überfluss war gestern

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
2021 wurde plötzlich alles Mögliche knapp: Holz, Aluminium, Computerchips, Papier, Fahrräder und vieles mehr. Eine Ära des Mangels zieht herauf, in der alte wirtschaftspolitische Rezepte nicht mehr wirksam sind.
Die Zeiten des Überflusses scheinen vorbei: Auch Holz wurde in diesem Jahr knapp

Die Zeiten des Überflusses scheinen vorbei: Auch Holz wurde in diesem Jahr knapp

Foto: Bernd Wüstneck / dpa

Die deutsche Wirtschaft durchleidet derzeit eine äußerst ungewöhnliche Phase: Aufträge gibt es reichlich, doch es mangelt an Produktionskapazitäten, um sie abarbeiten zu können. Das gab es in dieser Form wohl noch nie, schon gar nicht in diesem Umfang.

Wir kommen aus einer Ära eines nahezu unbegrenzten Angebots. In den vergangenen Jahrzehnten ließen sich praktisch alle Warenwünsche erfüllen, ohne dass die Preise großartig gestiegen wären. Die Globalisierung machte es möglich. Wenn es an irgendetwas fehlte, ließen sich irgendwo auf dem Erdball andere Lieferanten auftun.

Nun ist plötzlich alles Mögliche knapp: Stahl, Aluminium, Computer, Chips, Papier, Holz, Fahrräder und vieles mehr. Die Zeiten des Überflusses scheinen vorbei, Knappheiten machen sich an allen Ecken bemerkbar. Gerade die deutsche Industrie klagt über ausbleibende Lieferungen von Vorprodukten und Rohstoffen. Und: Anders als vorhergesagt, entspannt sich die Lage keineswegs. Im November gaben immer noch Dreiviertel der Industrieunternehmen an, unter Materialmangel zu leiden, wie Umfragen des Ifo-Instituts zeigen . Auch für die nähere Zukunft erwarten sie keine grundlegende Besserung der Lage.

Mein Wirtschaftswort des Jahres 2021 lautet daher: Lieferengpässe. Der Begriff setzt den Fokus darauf, dass wir es mit neuen, womöglich bleibenden Herausforderungen zu tun haben – und dass die staatliche Wirtschaftspolitik dagegen keine erprobten Rezepte aus den Schubladen ziehen kann.

Aus der Balance

In einer typischen Rezession geht die Nachfrage zurück, sodass Produktionskapazitäten brachliegen und Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren. Darauf vermag die Wirtschaftspolitik inzwischen effektiv zu reagieren: Notenbanken pumpen Liquidität in die Märkte, zur Not auch unter Umgehung der Kreditinstitute; Regierungen und Parlamente nehmen schuldenfinanzierte Mittel in die Hand, um Konsum und Investitionen zu stützen, Entlassungen zu verhindern und überhaupt die allgemeine Verunsicherung zu lindern. In der Finanzkrise von 2008/09 haben die entwickelten Staaten dieses Instrumentarium weiterentwickelt. Während der Corona-Krise haben sie es voriges Jahr mit "Wumms" (Olaf Scholz) eingesetzt.

Nun aber haben wir es mit gänzlich anders gelagerten Problemen zu tun: Die Störungen des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts kommen von der Angebotsseite, und dagegen haben die Staaten keine schnellen Lösungen parat. Im Gegenteil: Sie müssen einige sehr unangenehme Abwägungen treffen.

So ist derzeit immer wieder zu hören, die Notenbanken könnten weder Öl noch Gas noch Holz oder Aluminium herbeischaffen und sollten deshalb möglichst nichts an ihrem Kurs ändern. Das stimmt einerseits. Andererseits ist die populäre Schlussfolgerung, eine striktere Geldpolitik bringe nichts, zumindest bestreitbar.

Denn: Sobald klar ist, dass die Produktionsmöglichkeiten auf Dauer eingeschränkt bleiben, müssen die Notenbanken nach gängiger Lehre rasch und entschlossen auf die Bremse treten. Andernfalls führt eine gesamtwirtschaftliche Nachfrage, die weit über die Angebotsmöglichkeiten hinausschießt, zu Überhitzung und Inflation. Aber was ist, wenn Omikron und folgende Virusvarianten auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage treffen – weil nämlich verunsicherte Bürger und Unternehmen ihr Geld zusammenhalten? Dann sollten die Notenbanken eigentlich die Wirtschaft weiter stützen, nicht bremsen. Die Wirtschaftspolitik steht vor einem Balanceakt, den es in dieser Form bislang nicht gab – und der in den kommenden Jahren immer schwieriger werden dürften.

Knappe Güter, steigende Preise

Dies sind seltsame Zeiten. Nach gängigem Konjunkturmuster, so wie es sich in den vergangenen Jahrzehnten herausgebildet hat, stößt die Wirtschaft erst gegen Ende eines Zyklus an Kapazitätsgrenzen, wenn ein langer Aufschwung sich irgendwann totläuft. In den vergangenen Jahrzehnten waren auch in Boomphasen selten mehr als 15 Prozent der fertigenden Firmen von Zulieferschwierigkeiten betroffen. Derzeit sind es 75 Prozent.

Überhaupt ist dieses Mal alles anders: Nach einer tiefen Rezession im Corona-Jahr 2020 kommt es nun sehr rasch zu Engpässen. Dafür gibt es drei direkte und zwei indirekte Gründe. Zuerst die direkten:

Erstens, die Corona-Krise hat rund um den Globus zu Betriebsschließungen und Transportausfällen, gerade im Flugverkehr, geführt. Zweitens, die Unternehmen waren in der ersten Phase der Pandemie so verunsichert, dass sie Produktion, Einkauf und Lagerbestände heruntergefahren haben. Drittens, die Nachfrage ist überraschend stark angesprungen, was vor allem an den massiven Interventionen der Notenbanken und der Finanzminister lag, die in dieser Größenordnung alle früheren Konjunkturprogramme in Friedenszeiten überragen.

Ein eingeschränktes Angebot stößt auf eine aufgepumpte Nachfrage: Die Resultate – Knappheiten allerorten – sind nicht im Grundsatz überraschend, wohl aber in ihrer Heftigkeit. Bei den Bekleidungsherstellern klagen 90 Prozent der Firmen über Lieferengpässe, fast ebenso viele sind es in der Autoindustrie, so die Ifo-Umfrage. Im Maschinenbau sind 85 Prozent von Zulieferproblemen betroffen, in der Nahrungsmittelindustrie immerhin 40 Prozent. Eine Folge: Die Unternehmen heben die Preise an. Zwei Drittel aller befragten Firmen wollen in den nächsten drei Monaten von ihren Kunden Zuschläge verlangen. Im November sind die Großhandelspreise um 16,6 Prozent gegenüber Vorjahr gestiegen . Noch nie hat das Statistische Bundesamt in dieser Zeitreihe einen so starken Ausschlag ermittelt.

Und doch: Man sollte erwarten, dass sich diese direkten Folgen der Pandemie mittelfristig zurückbilden. Bürger und Firmen sind ziemlich gut darin, sich auf veränderte Bedingungen einzustellen. Doch es gibt auch noch zwei indirekte Effekte, die für längerfristige Engpässe sorgen dürften.

Strukturverschiebungen: Demografie & Deglobalisierung

Im Zuge der Corona-Krise sind viele Beschäftigte aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden. Es sieht so aus, als ob sich eine Menge Leute dauerhaft aus der Erwerbsarbeit zurückgezogen hätten, etwa weil sie sich früher als ursprünglich geplant in den Ruhestand verabschieden. Ein Trend, der sich quer durch die reiferen Volkswirtschaften zeigt, auch in Deutschland.

Während viele Menschen angestoßen durch die Erfahrungen der Pandemie ihre Lebensplanung überdenken, setzt parallel dazu eine demografische Wende von kaum zu überschätzender Wucht ein: Von nun an wird das Potenzial an Erwerbspersonen in Deutschland zurückgehen – es sei denn, wir bekommen einen erneuten Zuwanderungsschub oder wir arbeiten bis ins hohe Alter; beides dürfte vorerst politisch schwer durchsetzbar sein. Die Folge wird eine chronische Knappheit an Arbeitskräften sein, und dieser Mangel an Leuten wird die Firmen immer stärker in ihren Produktionsmöglichkeiten behindern.

Schließlich hat die Pandemie den Unternehmen auch vor Augen geführt, wie rissig ihre Zuliefernetze sind. Um für künftige Krisen widerstandsfähiger zu werden, sind viele Firmen dabei, sich sichere Lieferanten in der Nähe zu erschließen – statt billige am anderen Ende der Welt. Politische Spannungen und Handelsstreitigkeiten befördern diese Tendenz zur Deglobalisierung zusätzlich. Die internationale Arbeitsteilung wird ein stückweit rückabgewickelt.

Umso wahrscheinlicher werden – Lieferengpässe. Wenn Regierungen und Parlamente daran nachhaltig etwas ändern wollen, müssen sie an den Strukturen arbeiten.

Was sonst noch geschehen müsste

Der Fokus verschiebt sich zusehends zur Angebotsseite der Volkswirtschaft. Das ist keine Frage von Ideologie, sondern von ökonomischen Erfordernissen. Statt fortgesetzter Nachfragestimulierung sollte es künftig verstärkt um Strukturreformen gehen. Immerhin will die neue Bundesregierung jetzt die beiden Großthemen Digitalisierung und Dekarbonisierung angehen. Doch Baustellen gibt es eine ganze Menge. Zum Beispiel: Bildung, Qualifizierung und Forschung ausbauen; eine stringente Innovationspolitik inklusive der Entwicklung der Kapitalmärkte anschieben, eine offene Wettbewerbsordnung durchsetzen; die flexible Heraufsetzung des Ruhestandseintritts  für diejenigen, die arbeiten können und wollen; eine vorausschauende Zuwanderungs- und Integrationsstrategie. Die Liste ließe sich verlängern.

Klar ist aber auch: Bis solche Maßnahmen wirken, wird geraume Zeit vergehen. Deshalb werden wir mit Lieferengpässen wohl vorerst lernen müssen zu leben.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Montag

Peking – Chinesisches Geld: Die chinesische Notenbank setzt die Leitzinsen für kurz- bis mittelfristige Kredite fest.

Mainz – Dirty Deutschland: Das Urteil wird erwartet im Untreue- und Korruptionsprozess gegen den ehemaligen Bürgermeister der Stadt Oppenheim, Marcus Held. Die Staatsanwaltschaft hat eine Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten beantragt, die Verteidigung plädiert auf Freispruch.

Dienstag

Nürnberg – Die Stimmung zum Jahreswechsel: Neue Daten vom Konsumklima-Barometer der GfK.

Mittwoch

Washington – Das Vertrauen in den Vereinigten Staaten: Ergebnisse einer Konsumentenumfrage in den USA.

Donnerstag

Moskau – Die Wlad-Show: Russlands Präsident Wladimir Putin hält seine große Jahrespressekonferenz.