Montag, 21. Oktober 2019

Exklusiv - Welt-Handelsindex So frisst sich der Handelsstreit allmählich in die Wirtschaft

Container als Baustein für Handel und Globalisierung: Die US-Politik bremst derzeit das Wachstum des Welthandels.

Getty Images

Jetzt schlägt auch noch die Europäische Zentralbank Alarm: Eine weitere Eskalation der weltweiten Handelskonflikte könnte gravierende Folgen haben, schreibt die EZB in einer Studie, die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Durch erhöhten Stress an den Finanzmärkten und einen Verlust an Vertrauen könnten die negativen Auswirkungen sogar noch verstärkt werden, so die Notenbank. Betroffen wären vor allem die USA, aber auch die Eurozone und der gesamte Welthandel, heißt es in dem Papier.

Seit vielen Monaten beschäftigt das Thema inzwischen die Wirtschaft und die Finanzmärkte: Die Handelskonflikte zwischen den USA und China sowie der Europäischen Union. Und die Warnung der EZB könnte bereits zu spät kommen. Tatsächlich mehren sich die Anzeichen, dass die Unstimmigkeiten auf der wirtschaftspolitischen Ebene, die im Wesentlichen von US-Präsident Donald Trump ausgelöst wurden, schon erhebliche negative Auswirkungen auf die Realwirtschaft haben.

Das zeigt beispielsweise der Welt-Handelsindex (WHI) des Kölner Instituts für Kapitalmarktanalyse (IfK), den manager-magazin.de regelmäßig exklusiv präsentiert. Der Index befindet sich bereits seit 2017, dem Jahr, in dem Trump sein Amt übernahm, auf Talfahrt. Aktuell ist der WHI um weitere gut zwei Punkte auf 69,8 gefallen. Damit notiert er erstmals seit 2016 wieder unter der Marke von 70 Punkten, bei der laut IfK das sogenannte Potenzialwachstum verläuft (siehe Grafik). Das bedeutet, dass sich der Welthandel auf diesem Niveau in etwa im Gleichschritt mit der Weltwirtschaft befindet.

"Der Durchbruch durch die Potentialwachstumslinie verdeutlicht zunächst die negative Veränderung bezogen auf die globalen Handelsaktivitäten", erläutert Markus Zschaber, Kölner Vermögensverwalter und Chef des IfK. Laut Zschaber handelt es sich zwar bislang eher um eine Schwäche als um eine echte Krise. "Es könnte aber ein Signal sein, dass wir uns in Richtung Abschwung bewegen, uns also im Endstadium des Konjunkturzyklus befinden."

Auch Zschaber hat als Belastungsfaktoren vor allem die Handelsrisiken und das Zerren um den Brexit ausgemacht. "Der Welthandel steht unter Druck und die Kausalkette ist relativ einfach zu erkennen", sagt er. "Mit Beginn des Protektionismus seitens des US-Präsidenten Donald Trump und der Umsetzung von Handelszöllen gegenüber den anderen, großen Volkswirtschaften wie China und Europa, hat sich nicht nur das Welthandelsklima stark verändert sondern auch die Haltung gegenüber den Grundlagen der Welthandelsorganisation." In einem solchen Umfeld, da ist sich der Experte sicher, ist kein Platz für Investitionsentscheidungen bei Unternehmen.

Der Welt-Handelsindex ...
  • ... fasst alle relevanten Daten aus den vier Logistikwegen Schifffahrt, Schiene, Straße und Lufttransport zusammen und bietet ein Gesamtbild des Welthandels in einer Zahl.
    Je höher oder tiefer der Index steht, desto besser respektive schlechter steht es um den Welthandel. Weist der Welt-Handelsindex einen Stand zwischen 85 und 100 Punkten aus, befindet sich der Welthandel im Expansionsmodus. Bei Indexständen zwischen 55 und 0 Punkten schrumpft der Warenverkehr.
    Der Welt-Handelsindex wird vom Institut für Kapitalmarktanalyse, einer Tochter der Vermögensverwaltungsgesellschaft Dr. Markus C. Zschaber, herausgegeben und monatlich exklusiv auf manager-magazin.de veröffentlicht. Informationen zum Index gibt es auch unter www.kapitalmarktanalyse.com.

Die Einschätzung wird bestätigt durch die jüngsten Zahlen des Ifo-Geschäftsklimaindex, die ebenfalls am Mittwoch veröffentlicht wurden. Demnach ging es mit dem Stimmungsbarometer der deutschen Wirtschaft nach dem Zwischenhoch im März zuletzt wieder bergab. Während Ökonomen mit einem leichten Anstieg gerechnet hatten, fiel das Geschäftsklima im April überraschend um 0,5 auf 99,2 Punkte.

"Die deutsche Wirtschaft verliert weiter an Kraft", sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest am Mittwoch zur Umfrage seines Instituts unter rund 9000 Managern. Die Führungskräfte beurteilen ihre Geschäftslage so schlecht wie seit zwei Jahren nicht mehr. Auch die Aussichten für die kommenden sechs Monate schätzen sie pessimistischer ein.

Immerhin: Die Gefahr einer Rezession - mindestens zwei Quartale in Folge mit schrumpfender Wirtschaftsleistung - sehen die meisten Experten derzeit nicht. "Die Binnenwirtschaft hält dagegen und sorgt dafür, dass das Wachstum nicht ganz zum Stillstand kommt", sagt etwa Ökonom Klaus Borger von der staatlichen Förderbank KfW. "Kurz: Abschwung ja, Rezession nein." Als Belastungsfaktoren werden auch beim Ifo-Index die schwächelnde Weltkonjunktur, Unsicherheiten wie der Brexit und die Handelskonflikte genannt.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Immerhin, es gibt noch Hoffnung. Noch reden die Amerikaner mit den Parteien, mit denen sie beim Thema Handel im Clinch liegen. Die nächste Runde der Handelsgespräche zwischen den USA und China beispielsweise soll am Dienstag kommender Woche beginnen. Wie das US-Präsidialamt bekanntgab, werden dazu der Handelsbeauftragte Robert Lighthizer und Finanzminister Steven Mnuchin nach Peking reisen. Begleitet werden die beiden zweifellos von Hoffnungen und Erwartungen von Wirtschaftsvertretern und Finanzmarktprofis aus aller Welt.

Mit Material von Nachrichtenagenturen

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