Jens-Uwe Meyer

Deutschlands Reaktion auf Donald Trump Wir brauchen ein eigenes Silicon Valley. Jetzt!

Wundersame Dinge ereignen in sich in den USA. Die einen würden Wendehals-Mentalität dazu sagen, die anderen nennen es unternehmerischen Pragmatismus. Ob Tesla-Chef Elon Musk oder Großinvestor Peter Thiel: In der amerikanischen High-Tech-Industrie beginnt eine Liaison mit der Trump Administration. Keine romantische. Eher ein Zweckbündnis.

Schon vor der Amtseinführung Donald Trumps berichtete Kara Swisher, Gründerin des Tech-Portals Recode, wie sich die großen Technologieunternehmen an das Trump-Lager heranrobbten .

Auch wenn aktuell der Streit um die Einwanderung eskaliert, auch wenn Uber-Chef Travis Kalanick Trumps Wirtschaftsrat verlässt und Unternehmenschefs im Silicon Valley einen offenen Brief an den Präsidenten erwägen - über kurz oder lang werden sich Unternehmen im Silicon Valley mit dem Ungeliebten arrangieren. Und das verheißt nichts Gutes für die deutsche Wirtschaft. Schon verliert der erste deutsche Tesla-Zulieferer seine Aufträge. Offiziell natürlich nicht aus Opportunismus, sondern wegen angeblicher Liefer- und Qualitätsprobleme.

Jens-Uwe Meyer

Dr. Jens-Uwe Meyer ist Vorstandsvorsitzender der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
www.jens-uwe-meyer.de 

Das sollte uns auf mehreren Ebenen zu denken geben. Die Wirtschaft ist mitten in der Phase der digitalen Disruption , die ich in meinem aktuellen Buch detailliert beschreibe. Genau hier sind Deutschland und die USA Partner und erbitterte Gegner zugleich. Beispiel: die Entwicklung des Elektroautos. Während deutsche Manager ins Silicon Valley pilgern, ist es bei Apple-Chef Tim Cook genau anders herum. Er besichtigte BMW in Leipzig. Doch wie weit werden Kooperationen künftig gehen, wenn sich die US-Manager Trumps Dekret "America first" beugen? Wenn aus politischer Opportunität amerikanische Entwicklungspartner bevorzugt werden? Und wenn der Zugang zu wichtigem Know-how für deutsche Unternehmen erschwert wird?

Trump als Motivator betrachten

Es gibt zwei Arten, Menschen zu Veränderungen zu motivieren. The carrot and the stick. Die Trumps Politik sollte für Deutschland "the big stick" sein. Ein Motivationstritt für uns, endlich die Digitalisierung zum wichtigsten Thema unserer Wirtschaft zu machen. Nach wie vor haben es Unternehmensgründer und -gründerinnen nicht leicht. Es fehlt, so eine gerade veröffentlichte Studie der HHL Leipzig Graduate School of Mangement  an Begeisterung für innovatives Unternehmertum. In der Gesellschaft, an der Spitze von Unternehmen und in der Politik.

Wir registrieren interessiert, dass um uns herum digitale Newcomer Erfolge feiern, doch die Türen zu den Vorstandsetagen müssen sie fast schon mit Gewalt einschlagen. Ich erinnere mich an den Vortrag eines inzwischen erfolgreichen Unternehmensgründers der Energiebranche, der für das anwesende Topmanagement der Konzerne nur eine Botschaft hatte: "Wenn das nächste Mal jemand mit einer Idee vor Ihrer Tür steht, bitte nicht gleich zuschlagen. Erst zuhören."

Dabei haben wir alles, um den German Way of Digitalization zu beschreiten. Und Deutschland zu so etwas Ähnlichem wie dem Silicon Valley zu machen. Bewusst: Zu etwas Ähnlichem. Besser noch: Zu einem funktionierenden Gegenmodell.

Bloß nicht das Silicon Valley kopieren

Die Geschäftsmodelle der großen Silicon-Valley-Konzerne funktionieren nach dem Prinzip des Big Business: Risikokapital in ein Unternehmen hineinpumpen, auf dass es morgen die Marktführerschaft auf der gesamten Welt übernimmt. Dieses Modell hat mehr mit Börsenspekulation und Zockerei als mit Unternehmertum zu tun. Deutschland lebt von seinem Mittelstand. Das macht uns stark. Der deutsche Weg kann daher nur der Aufbau eines digitalen Mittelstands sein.

Wir brauchen digitale Unternehmer, deren Visionen es nicht ist, in drei Jahren einen Millionen-Exit hinzulegen, sondern die ein langfristiges solides Wachstum anstreben. Und die dieses Wachstum über reelle Gewinne finanzieren. Unternehmer also, bei denen Risikokapitalgeber im Silicon Valley sagen: Gähn! Langweilig!

US-Risikokapitalgeber hätten in 90 Prozent des deutschen Mittelstands nicht investiert. Mit genau der gleichen Argumentation: zu unspannend, zu langweilig. Genau diese "langweiligen" Unternehmen sind heute das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Dieses Erfolgsmodell gilt es, ins digitale Zeitalter zu übertragen.

Digitale Weltspitze in der Provinz

Die Förderung digitaler Unternehmen und die Unterstützung mittelständischer Firmen bei der Digitalisierung muss oberste Priorität der deutschen Politik werden. Gerade in der Peripherie. Nicht nur in Berlin, München, Hamburg und Düsseldorf. Sondern auch in Kaiserslautern, Kassel, Leipzig, Cottbus oder Hechingen. Hechingen? Wo liegt Hechingen? Fragen Sie Dorothea Bachmann, die Bürgermeisterin der württembergischen Provinzstadt, die sich engagiert für das Medical Valley  einsetzt. "An kaum einem Standort in Deutschland findet man so viel Kompetenz wie in der Medizintechnik-Region Hechingen", schreibt das Netzwerk über sich selbst.

Das Beispiel zeigt, wie die Politik ein deutsches Silicon Valley fördern kann. Indem sich die Wirtschaftspolitik aktiv für die Vernetzung von digitalen und analogen Unternehmen einsetzt. Digitale Unternehmen brauchen - gerade in der Startphase - nicht nur Risikokapital. Sie brauchen Fürsprecher, Türöffner, Pilotprojekte und Kunden, die mutig genug sind, mit ihnen Neues auszuprobieren.

Spreche ich mit Verantwortlichen, höre ich häufig: "Wir tun doch schon etwas." Das ist richtig. Kaum eine Landesregierung, die sich auf ihrer Homepage nicht diesem Ziel verschrieben hat. Doch es ist nur eines von vielen Zielen. Digitalisierung muss oberste Priorität haben. Leipzig als weltweit führender Entwicklungsstandort für digitale Logistik - das wäre prima. DHL und Amazon sind bereits da, nur eine ausgeprägte digitale Start-up-Szene rund um das Thema Logistik fehlt.

Und warum sollte Vechta nicht in die Geschichte der Landwirtschaft eingehen? Als weltweit führender Entwicklungsstandort für die Digitalisierung von Schweineställen. Oder Garmisch als international anerkanntes Testgebiet für Entwicklungen der digitalen Bergrettung. Das muss das Ziel sein. Leipzig, Vechta, Garmisch - digitale Weltspitze in der Nische. Mittelständisch geprägt und dezentral, vorangetrieben durch Gründer und mittelständische Unternehmer. Echte Umsätze und echte Gewinne statt fiktiver Milliardenbewertungen. Digitale Hidden Champions in jeder Kleinstadt. Und das Wichtigste: Begeisterung. German Spirit. Wir sind besser als wir denken. Zeit, dass wir uns dessen bewusst werden. Thank you, Donald!

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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