Müllers Memo Europa droht ein Währungskrieg

Mario Draghis EZB schickt sich an, in großem Stil Anleihen vom Markt zu kaufen. Das Ziel: den Euro gegenüber anderen Währungen zu schwächen. Doch die Risiken sind beträchtlich - und Gegenreaktionen dürften folgen.
EZB-Chef Draghi: "Anleger könnten weniger auf Euro lautende Titel halten"

EZB-Chef Draghi: "Anleger könnten weniger auf Euro lautende Titel halten"

Foto: REUTERS

Notenbanker reden gern in Grautönen: bloß niemanden aufregen, nicht zuviel verraten, möglichst viele Optionen offenhalten. So war es auch kürzlich, als EZB-Chef Mario Draghi sich zum künftigen Kurs der Notenbank äußerte. Unter Satzungetümen und technisch klingendem Euro-Sprech verborgen fand sich jedoch eine brisante Botschaft: Die EZB will den Außenwert des Euro in Dollar  deutlich schwächen. Das scheint der eigentliche Zweck des angepeilten Ankaufs von Staatsanleihen ("Quantative Easing") zu sein. Die Vorbereitungen zu diesem Programm laufen. Ob und wann es in Kraft gesetzt wird, dürfte bei der Sitzung des EZB-Rates am Donnerstag Thema sein.

Man kann es auch so sehen: Die EZB steigt in ein monetäres Aufrüstungsprogramm ein. Eine gefährliche Strategie, die anderswo auf der Welt als unfreundlicher Akt angesehen werden dürfte - und entsprechende Gegenreaktionen gerade seitens der USA hervorrufen wird. Das böse Szenario eines Währungskriegs rückt näher.

Tatsächlich schickt sich die Euro-Zone an, ihre hausgemachten Probleme zu exportieren. Immer noch sind die privaten und staatliche Schulden in vielen Mitgliedstaaten untragbar hoch, was die wirtschaftliche Dynamik erdrosselt. Immer noch zieren sich insbesondere Frankreich und Italien, durchgreifende Strukturreformen durchzuziehen. Immer noch wird viel zu wenig investiert. Die Folgen: Teile des Euro-Raums verlieren immer weiter an Wettbewerbsfähigkeit. Die industrielle Basis gerade in Frankreich wird immer weiter ausgezehrt. Die nächste Rezession droht, womöglich gar Deflation. Das einzige, was wächst, ist der Pessimismus.

Nun soll die EZB helfen. Eine Abwertung des Euro soll die real existierenden Schwächen kompensieren und satte außenwirtschaftliche Überschüsse produzieren.

Anders jedenfalls ist kaum zu verstehen, warum die EZB überhaupt ein Quantative-Easing-Programm erwägt. Als die amerikanische Fed und die Bank von England auf dem Höhepunkt der Finanzkrise ihre Aufkaufprogramme starteten, ging es ihnen darum, die langfristigen Zinsen zu drücken und damit die Investitionen anzukurbeln. Im Euro-Raum sind die Zinsen aber bereits extrem niedrig. Investiert wird trotzdem kaum - weil Unternehmen und Privatbürger bereits hoch verschuldet sind und weil viele Milliarden an faulen Krediten die Bankbilanzen belasten.

Was also kann die EZB überhaupt tun? Sie kann Euro-Staatsanleihen aufkaufen und so zusätzliche flüssige Mittel in den Markt drücken. Diese Gelder werden Anleger wiederum nutzen, um allerlei Vermögenswerte zu erwerben und deren Kurse nach oben zu treiben, insbesondere auch Papiere in anderen Währungen, wie Draghi ausführte.

Regierungen, Unternehmen und Bürger in der Pflicht

Im Originalton klingt das betont undramatisch: "Die Substitution von Anlagen kann auch über Wirtschaftsräume hinweg stattfinden: So könnten Anleger in ihren Portfolios weniger auf Euro lautende Titel halten und Umschichtungen zugunsten von Anlagen und Währungen anderer Länder mit höheren Renditen vornehmen." Dann folgt ein Verweis auf die USA und Japan, wo die geldpolitische "Lockerung zu einer beträchtlichen Abwertung ihrer jeweiligen Währungen führten - und dies selbst in einer Situation, da die langfristigen Renditen wie in Japan bereits äußerst niedrig waren".

Im Klartext: Angesichts der avisierten Euro-Flut sollen die Anleger verstärkt Dollars und andere Währungen kaufen. Mit der Folge, dass der Euro stark abwertet. Wie groß dieser Effekt sein kann, zeigt das Beispiel Japans: Seit Sommer 2013 hat der Yen gegenüber dem Dollar rund die Hälfte seines Wertes eingebüßt.

Aber die Euro-Zone ist nicht Japan. Sie ist der zweitgrößte Wirtschaftsraum der Welt, der schon jetzt einen beträchtlichen Handelsüberschuss einfährt. Eine Abwertung würde den Überschuss noch vergrößern und die globalen Wettbewerbsbedingungen verzerren. Unsere wichtigsten Handelspartner - die USA und China, aber auch Nachbarländer wie Großbritannien, die Schweiz und Schweden - werden nicht amüsiert sein.

US-Finanzminister Jacob Lew wird nicht müde, den Europäern und gerade den Deutschen vorzuhalten, sie versuchten sich auf Kosten anderer Länder aus der Krise herauszuwinden. Statt auf Exportüberschüsse zu setzen, sollten sie endlich ihre heimische Wirtschaft flottmachen. Solche Klagen dürften lauter werden, je schwächer der Euro wird. Es fehlt nur noch, dass der US-Kongress Europa mit Handelssanktionen wegen unfairer Währungspolitik droht.

Es ist nicht die Aufgabe der Notenbank, bedrängte Volkswirtschaften wettbewerbsfähig zu machen. Gefordert sind Regierungen, Unternehmen und Bürger. Zu tun ist wahrlich genug. Beispiele: Frankreich müsste sich von der 35-Stunden-Woche verabschieden, Deutschland die absurd teure Energiewende effizienter organisieren, Italien Schulen und Universitäten verbessern; die Euro-Zone insgesamt müsste endlich einen Tilgungspakt für Staatsschulden schließen und Teile der privaten Schulden abschreiben.

Aber all das passiert nicht. Krisenlethargie und Reformmüdigkeit haben den Kontinent fest im Griff. Die EZB scheint noch handlungsfähig - mit enormen Risiken.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

MONTAG

LIMA - Dicke Luft - Startschuss zur diesjährigen Weltklimakonferenz: Bis zum 12. Dezember debattieren die Gesandten der Industrieländer darüber, wie weit sie den Ausstoß an klimaschädlichen Gasen beschränken sollen.

ANKARA - Partnersuche - Arbeitsbesuch des sanktionsbedrängten russischen Präsidenten Putin in der Türkei.

LONDON - Dunkelheit am Mittag - Markit-Einkaufsmanagerindex misst die Stimmung in der Euro-Zonen-Industrie im November.

FRANKFURT - Folgen des Nullzinses - Die europäische Versicherungsaufsicht EIOPA hat die Assekuranz einem EU-weiten Stresstest unterzogen und berichtet nun über die Ergebnisse.

DIENSTAG

BERLIN - DFF - Deutsch-französische Freundschaft wird beim Treffen von Bundesfinanzminister Schäuble und Wirtschaftsminister Gabriel und ihren französischen Kollegen Sapin und Macron gepflegt.

BERLIN - Unter Strom - Die "Nationale Plattform Elektromobilität" berichtet über Fortschritte bei der Markterschließung für Elektroautos.

MITTWOCH

FRANKFURT - Rein oder raus - Die Deutsche Börse prüft die Zusammensetzung von Dax & Co.

MÜNCHEN - Neuer Markt - Deutsch-afrikanisches Infrastrukturforum mit Teilnahme mehrerer Minister.

DONNERSTAG

FRANKFURT - Euro-Booster - Der Rat der Europäischen Zentralbank berät, was er tun kann, um die Wirtschaft anzukurbeln.

LONDON - Beim Wiegen des Pfundes - Die Gouverneure der Bank von England entscheiden über den weiteren Kurs der Geldpolitik.

FREITAG

WIESBADEN - Frühwarnung - Deutschlands Statistiker berichten über den Auftragseingang in der Industrie im Oktober.

WASHINGTON - US-Power - Neue Zahlen vom amerikanischen Arbeitsmarkt und vom Außenhandel.

SAMSTAG

MÜNCHEN - Nach dem Crash-Test - Der ADAC lädt zur außerordentlichen Hauptversammlung, um über den Stand der Neuausrichtung zu berichten und zu beraten.

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