Montag, 22. Juli 2019

Müllers Memo Tsipras, Draghi und der Dominoeffekt

Dominoeffekt: Europa steht vor eine Zerreißprobe

Schicksalswoche für den Euro: Griechenland wählt vermutlich eine Links-Regierung, und die EZB beginnt mit großanlegten Anleihekäufen. Hält die Währungsunion das aus? Die Zeit ist reif für einen Neustart.

Euro-Angst breitet sich aus, wieder mal. Kommenden Sonntag wählen die Griechen womöglich mehrheitlich den Linken Alexis Tsipras, der sich vom bisherigen Euro-Rettungskurs verabschieden will. Kurz zuvor, am Donnerstag, wird EZB-Chef Mario Draghi wahrscheinlich ein breit angelegtes Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen ankündigen. Beide Ereignisse könnten in einen Dominoeffekt münden, der Europa vor eine Zerreißprobe stellt.

Hier ist ein Worst-Case-Szenario: Athen kündigt die bisherigen Absprachen mit seinen Kreditgebern auf, die daraufhin den Geldhahn zudrehen. Chaotisch und ungeplant scheidet Griechenland aus dem Euro aus. Andere hochverschuldete Länder - von Portugal bis Italien - geraten in den Strudel der Ereignisse und kommen an den Anleihemärkten unter Druck. Um die destruktive Eigendynamik zu bremsen, macht die Europäische Zentralbank Draghis Ankündigung wahr, den Zusammenhalt des Euro-Raums zu sichern "whatever it takes". Am Ende kauft die EZB für viele hundert Milliarden Euro Staatsanleihen auf. Der von vielen in Deutschland befürchtete Sündenfall - Staatsfinanzierung über die Notenpresse - ist Realität, was nach vielen historischen Erfahrungen irgendwann zu desaströser Inflation führt.

So kann es kommen, muss es aber nicht. Möglich, dass kommende Woche ein grundlegender und überfälliger Kurswechsel in der Euro-Politik beginnt. Denkbar, dass sich Europa endlich dem Grundproblem der andauernden Krise stellt: den hohen Schulden.

So sieht's aus: Das Erbe des Booms der Nullerjahre behindert immer noch eine wirtschaftliche Gesundung. Es geht dabei nicht nur um die Staatsschulden. Zusammen genommen sind die Staaten, Unternehmen und Bürger in vielen Euro-Staaten heute deutlich höher verschuldet als vor Beginn der Krise 2008, wie die EU-Kommission gerade wieder vorgerechnet hat.

Die bisherige Strategie des kollektiven Sich-gesund-Sparens hat enttäuschende Ergebnisse gezeitigt: In Relation zum Einkommen sind die Schulden noch weiter gestiegen. Besonders drastisch ist der Anstieg in jenen Ländern, die die größten Kostensenkungen vorgenommen haben: in Irland und in Griechenland. Zwar haben es in den vergangenen Jahren einige, insbesondere Spanien, geschafft, die privaten Schulden zu senken. Aber auch dort geht der Prozess des "Deleveraging" quälend langsam.

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung