Dienstag, 28. Januar 2020

Müllers Memo Stell dir vor, Athen liegt in den USA

Obama und Varoufakis: Wie amerikanisch muss Europa werden?

Stellen Sie sich bitte für einen Moment vor, Griechenland läge in Amerika. Nehmen Sie einfach mal an, der geografische Zufall hätte das Land nicht im Südosten der Eurozone verortet, sondern in den Vereinigten Staaten. Sagen wir, es läge irgendwo im strukturschwachen ländlichen Süden der Vereinigten Staaten, regiert aus der bescheidenen Hauptstadt Athens, Greece, USA.

Wie wären die vergangenen Jahre unter derart veränderten Umständen für das Land wohl verlaufen? Vermutlich wäre Griechenland (USA) längst pleite - und das wäre nicht mal sonderlich schlimm.

Sobald sich die Regierung an den Kapitalmärkten kein Geld mehr hätte borgen können, hätte sie einen "government shut-down" verhängen müssen: Der zahlungsunfähige Staat schickt seine Beschäftigten in den Zwangsurlaub. Dann hätte eine Umschuldung (vulgo: Schuldenschnitt) stattgefunden; faktisch hätten die Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen verzichtet. Später hätte sich die Lage beruhigt. Eine bescheidene Normalität wäre eingekehrt. Vermutlich wäre inzwischen eine neue Regierung am Ruder, die verspricht, alles besser zu machen. Sie würde auf Standortverbesserungen setzen und versuchen, ein paar symbolische Erfolge durch Industrieansiedlungen zu verbuchen.

Weil Griechenland aber in Europa liegt, ist die Krise längst nicht vorbei. Im Gegenteil: Mehr als fünf Jahre nach ihrem Ausbruch nähert sie sich gerade einem neuen Höhepunkt. Es wird ernst, wieder mal: Die Gespräche mit den Kreditgebern sind festgefahren. Griechen und Gläubiger liegen über Kreuz. Die nächste Rate aus dem laufenden Hilfsprogramm wird nicht ausgezahlt. Vertreter der Berliner Regierung bekunden öffentlich Skepsis. Die nächste Rückzahlung an den Internationalen Währungsfonds wird im Mai fällig - was den lang befürchteten Euro-Exitus für das hoch verschuldete Land auslösen könnte. Freitag kommen die Finanzminister in Riga zusammen. Dort könnten Vorentscheidungen fallen.

Fünf Jahre - und kein bisschen Lösung. Immer neue Kreditpakete haben die Schulden auf untragbare 180 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen lassen. Von Normalität kann keine Rede sein:

  • Ein Viertel des Sozialprodukts ist verloren gegangen,
  • die Arbeitslosigkeit ist auf Rekordhöhe gestiegen,
  • die Lebensbedingungen vieler Bürger haben sich drastisch verschlechtert.

Währenddessen hat eine frustrierte Bevölkerung eine neue Regierung ins Amt gewählt, die vor sich hindilettiert, ihre internationalen Partner vergrätzt und sich mehr darum kümmert, irgendwo ein paar Euro zusammenzukratzen, als die Wirtschaft auf eine neue, solide Basis zu stellen.

Und all das, weil Griechenland nicht der 51. US-Staat ist, sondern der 12. Eurostaat?

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