Einstieg in die Zinswende Schaffen die Notenbanken die friedliche Wende?

Schön: Sonnenaufgang in der Nähe von Jackson Hole, wo sich jährlich die Notenbanker der Welt beraten.

Schön: Sonnenaufgang in der Nähe von Jackson Hole, wo sich jährlich die Notenbanker der Welt beraten.

Foto: AP

Es ist ein bisschen wie bei einer ausschweifenden Party. Noch dröhnt die Musik laut, die Tanzfläche ist voll. Doch allmählich wird es spät. Der eine oder andere schaut verstohlen auf die Uhr. Noch ist das Fest nicht zu Ende, aber die ersten Gäste gehen.

So ähnlich ist Lage derzeit an den Finanzmärkten. Drei Jahrzehnte lang ging es im Trend nur nach oben. Vor allem Anleihen wurden immer teurer, während die Zinsen sanken. Als Masters of Ceremony agierten die Notenbanken. Sie sorgten für Stimmung, mit immer neuen Nummern hielten sie die Party im Gange.

Inzwischen jedoch macht sich Nervosität breit. Die ersten Gäste schielen nach dem Ausgang. Vorletzte Woche sorgte Bill Gross, einst oberster Stratege des Investmenthauses Pimco - und als "König der Anleihen" bewundert - für Aufsehen, als er vom Ende des langen Booms raunte. Drei Jahrzehnte Aufwärtstrend, doch nun beginne eine neue Zeitrechnung. Gross' Einlassungen trafen auf flattrige Börsen: Kurse zuckten, die US-Zinsen schnellten hektisch nach oben, wenn auch auf immer noch niedrigem Niveau.

Denn Anleger und Spekulanten fragen sich, wie entschlossen die Notenbanken die überschäumende Stimmung dämpfen werden - wie schnell, um im Bild zu bleiben, sie die Lautstärke herunterfahren werden.

Die Masters of Ceremony beginnen, Rausschmeißer-Musik zu spielen

Es gibt wenig Zweifel daran, dass die Zinsen steigen werden. Offen ist jedoch, wann, wie schnell und wie stark dies geschehen wird.

Die Risiken, die von dieser Wende ausgehen, sind enorm. Sollte die Party an den Börsen abrupt zu Ende gehen, würden fallende Anleihekurse vielen in der Wirtschaft enorm zu schaffen machen: Für Banken beispielsweise würde es teurer, sich zu refinanzieren, was die Kreditvergabe an Unternehmen und Privatbürger erschweren würde. Versicherungen müssten große Summen in ihren Portfolios abschreiben. Hochverschuldete Staaten (wie Italien, Griechenland oder Portugal) müssten wohl ein weiteres Mal ihre Budgets zusammenkürzen.

Noch dominiert die Hoffnung auf einen ganz sachten, flachen Zinsanstieg, ohne große Verwerfungen. Aber sicher ist das längst nicht.

Als beruhigendes Zeichen gilt die Berufung des neuen US-Notenbankchefs Jerome Powell, der bislang an der Seite von Vorgängerin Janet Yellen agiert hat. Die Federal Reserve scheint auf berechenbarem Kurs: Die Fed trennt sich, einem festen Programm folgend, von Wertpapieren und wird wohl dieses Jahr die Leitzinsen in mehreren Trippelschritten um insgesamt 0,5 bis 1 Prozentpunkte anheben.

Nun richten sich die Augen auf Europa. Die Bank of England hat die Zinsen bereits angehoben. Was macht die EZB als nächstes?

Der Drahtseilakt der EZB

Auftritt Mario Draghi. Donnerstag entscheidet der Rat der Europäischen Zentralbank über den weiteren Kurs. Anschließend wird der EZB-Präsident die Entscheidungen erläutern, und wie es aussieht, wird es ein verbaler Drahtseilakt. Denn es geht weniger darum, was die EZB akut zu tun gedenkt - unmittelbar wirksame Entscheidungen sind diese Woche nicht zu erwarten -, als darum, was Draghi ankündigt.

Words don't come easy

Kürzlich sorgten Draghi & Co. bereits für ein leichtes Beben. Bei ihrer letzten Ratssitzung im Dezember hatten die EZB-Ratsmitglieder darüber beraten, wie sie ihre Wortwahl verändern sollen: wie sie die Finanzmärkte ganz vorsichtig darauf vorbereiten sollen, dass die Notenbank - irgendwann - vom Kurs des ultrabilligen Geldes abbiegen wird. "Forward Guidance" (etwa: Erwartungsmanagement) heißt das im Notenbanker-Jargon.

Als der Inhalt der Diskussion am Donnerstag voriger Woche an die Öffentlichkeit kam (die EZB veröffentlicht Sitzungsprotokolle mit Zeitverzögerung), schnellten die Zinsen auch diesseits des Atlantiks nach oben. Sogar in Deutschland machten die Renditen einen kleinen Satz.

Die Aufgabe ist knifflig: Draghi und seine Mitstreiter wollen möglichst berechenbar wirken. Die Leitzinsen sind bei Null; auf Guthaben bei der EZB werden Strafgebühren fällig; und immer noch kauft die Notenbank Wertpapiere für 30 Milliarden Euro pro Monat - mindestens bis September dieses Jahres soll das Programm weiterlaufen, vielleicht auch länger, je nachdem, wie sich die Inflation entwickelt.

Aber klar ist auch, dass so nicht mehr lange weitergeht.

Fight for your right to party?

Der Aufschwung in der Eurozone gewinnt rascher an Fahrt als erwartet. Die Produktionskapazitäten sind zunehmend ausgelastet, die Arbeitslosigkeit sinkt. Nach gängigen Prognosen ist die Eurozone 2018 auf dem Weg zur konjunkturellen Überhitzung. Ein Zustand, der sich in Deutschland längst eingestellt hat. (Achten Sie Donnerstag auf den Ifo-Geschäftsklimaindex.)

Eigentlich müsste die EZB dringend aus dem Krisenmodus aussteigen: Anleihekäufe einstellen, Zinsen anheben, Strafgebühren abschaffen. Auch wenn die Löhne und die Lebenshaltungskosten bislang nur verhalten zulegen: Es ist hohe Zeit für eine Normalisierung. Allein schon, damit die Notenbanken beim nächsten Abschwung, der irgendwann kommen wird, Spielraum haben, abermals Konjunktur und Märkte zu stützen.

Dazu kommt die Politik, die in vielen westlichen Ländern wieder auf beherztes Geldausgeben setzt. Getrieben von populistischen Politikern und unruhigen Gesellschaften bauen die Regierungen staatliche Leistungen aus (siehe die Pläne der schwarzroten Sondierer) oder senken die Steuern (siehe die USA, wo gerade eine auf Pump finanzierte Entlastung in Kraft tritt) - und zwar zur konjunkturellen Unzeit. Auch dies spricht für ein baldiges Gegensteuern der Notenbanken.

Rund um den Globus bringt der neue Turbo-Demokratismus Unsicherheit ins System. Akutes Symptom: Das Weltwirtschaftsforum in Davos ab Dienstag, eigentlich ein Ort, an dem sich eine globalistische Macht-Geld-und-Geist-Elite um rationale Problemerörterungen bemüht, wird dieses Jahr von Amerikas Chef-Erratiker Donald Trump dominiert (achten Sie auf seinen Auftritt am Freitag).

Es ist der Job der Notenbanken gegenzuhalten. Sie sollen - und müssen - irrationalen Überschwang genauso bekämpfen wie Anwandlungen von tiefer Depression.

Nicht nur in den USA und in Großbritannien proben sie derzeit den Ausstieg. Rund um den Globus, auch in China und in Japan, scheint die Zeit des ultrabilligen Geldes bald zu Ende zu gehen. Die EZB schwimmt in diesem Geleitzug mit.

Hier ist eine Vorhersage: Sollte dieser Ausstieg halbwegs unfallfrei gelingen, wird dies den Ruf der Notenbanken als neue Masters of the Universe stärken.

Geht die Sache jedoch schief und die lange Party endet im Tumult, steht ihnen eine kritische Debatte bevor - über ihre Macht und ihre Rolle, über ihre Fehler in Zeiten des Booms, über das Wesen des Geldes überhaupt.

Die vormaligen Masters of the Universe stünden dann als bloße Masters of Ceremony da, deren Performance aus der Mode gekommen ist.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

MONTAG

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MITTWOCH Davos - Geld, Macht, Geist II - Weltwirtschaftsforum: Reden von Frankreichs Präsident Macron, Italiens Premier Gentiloni, Brasiliens Präsident Temer und Spaniens König Felipe VI.

Berichtssaison II - Zahlen von Novartis, General Electric, Ford Motor, Ebay.

DONNERSTAG Frankfurt/M. - Draghis Erzählungen - EZB-Ratssitzung mit anschließender Pressekonferenz.

München - Deutschland unter Dampf - Ifo-Geschäftsklimaindex: Neue Daten zur Stimmung bei den Unternehmen.

Davos - Geld, Macht, Geist III - Weltwirtschaftsforum: Es reden unter anderen Argentiniens Präsident Macri (derzeit G20-Vorsitzender), die britische Premier May und Israels Regierungschef Netanjahu.

Berichtssaison III - Zahlen von Intel, LVMH, Southwest Airlines.

FREITAG Davos - Geld, Macht - Geist? - Abschluss des Weltwirtschaftsforums - mit einer Rede von US-Präsident Trump.