Sonntag, 17. November 2019

Müllers Memo Europas ökonomischer Harakiri

Börsenkurse in Tokio (Archivbild): Zweieinhalb Jahrzehnte Abstieg

Steigende Schulden und eine immer stärkere Abwertung der Währung: Der Euro-Zone droht dasselbe Schicksal wie der einstigen Wirtschaftssupermacht Japan. Wenn im europäischen Währungsraum nicht sogar alles noch schlimmer kommt.

Die Warnungen klingen dramatisch, und doch verniedlichen sie das wahre Ausmaß der Probleme. Der Euro-Zone drohe ein "verlorenes Jahrzehnt", wie es Japan durchlitten hat, warnten in den vergangenen Wochen US-Finanzminister Jacob Lew und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. "Japanische Verhältnisse" sieht auch Helmut Posch, Chef der Continentale-Versicherung, heraufziehen, wenn es weiterläuft wie bisher.

Kein Zweifel: Das Japan-Szenario rückt näher. Gerade mussten sich Europas Versicherer einem Stresstest unterziehen, bei dem unterstellt wurde, dass die Zinssätze auf lange Sicht bei Null verharren. Viele Institute sahen dabei nicht gut aus. Die Besitzer von Lebensversicherungspolicen müssen sich auf reale Nullrenditen einstellen.

Tatsächlich lässt sich in Japan beobachten, was passieren wird, wenn Europa seine Dauerkrise weiter verschleppt. Es geht dabei längst nicht nur um eine einzige magere Dekade: Die einstige asiatische Wirtschaftssupermacht liegt bereits seit einem Vierteljahrhundert darnieder, geplagt von Stagnation und Deflation. Und ein Ende des Siechtums ist nicht in Sicht.

Vor genau zwei Jahren trat Premier Shinzo Abe an, die Malaise zu kurieren. Mit beispiellosen staatlichen Geldinfusionen hat er versucht, die Wirtschaft aufzupäppeln. Von echter Dynamik ist allerdings nichts zu sehen. Am kommenden Sonntag will sich Abe in vorgezogenen Wahlen ein Mandat für noch weitergehende Maßnahmen beim Volk holen. Doch die Chancen, dass seine Strategie am Ende substanzielle Erfolge zeitigt, stehen nicht sonderlich gut. Das Beispiel Japan enthält drei Warnungen für Europa.

1. Drohende demografische Krise

Eine Finanzkrise kann nahtlos in eine demografische Krise übergehen. In den späten 80er-Jahren erlebte Japan Blasen an Börsen und Immobilienmärkten. Nachdem diese geplatzt waren, stiegen die Schulden - und erdrosselten jede wirtschaftliche Dynamik. Banken und Regierungen schoben den Schuldenberg lange vor sich her, statt sich beherzt daranzumachen, die Schulden abzuschreiben - und, wenn nötig, Unternehmen und Banken Pleite gehen zu lassen.

In Japan dauerte es von 1990 bis 2005, bis die Schulden der Unternehmen auf halbwegs erträgliche Niveaus gesunken waren, wie der Internationale Währungsfonds vorgerechnet hat. Doch da nützten die hart erarbeiteten finanziellen Spielräume nicht mehr viel: Japan ging nahtlos von der Finanzkrise in den Zustand der Überalterung über. In ein Land mit einer schrumpfenden Bevölkerung allerdings lohnt es sich kaum noch zu investieren. Heute sitzen Japans Unternehmen auf Unmengen von Bargeld und investieren lieber im Ausland.

Das klingt verdächtig nach der Euro-Zone. Ein wirklicher Schuldenabbau hat bislang nicht stattgefunden, wie die Volkswirte der Commerzbank gerade ermittelt haben. Einzig in Spanien sind gewisse Fortschritte zu beobachten, während in Frankreich die Firmenschulden immer noch weiter steigen. Währenddessen verschlechtert sich laut Projektionen der Uno ab den zwanziger Jahren des laufenden Jahrhunderts rapide die Alterszusammensetzung der Bevölkerung, vor allem in Deutschland und Italien.

2. Staatsschulden können unfassbare Höhen erreichen

Zweieinhalb Jahrzehnte Dauerkrise haben die Verbindlichkeiten der öffentlichen Haushalte Japans auf 230 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) anwachsen lassen. Kein anderes westliches Land ist so hoch verschuldet. Es ist das Erbe einer unbeirrt keynesianischen Wirtschaftspolitik: Seit den neunziger Jahren hat ein Konjunkturprogramm nach dem anderen allerlei Infrastrukturprojekte finanziert, viele von zweifelhaftem Nutzen. Die Wirtschaft kam trotzdem nicht in Gang: In den neunziger Jahren betrug das Wachstum im Schnitt ein Prozent pro Jahr, zwischen 2001 und 2014 sogar nur noch 0,8 Prozent.

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung