Dienstag, 10. Dezember 2019

Müllers Memo Alles gerät ins Rutschen - vielleicht

Erdrutsch in Nachterstedt (Salzlandkreis, 2009): Der Eindruck, die gesamte soziale Struktur sei ins Rutschen geraten, ist definitiv falsch

Die Debatte über die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen hat auch Deutschland erfasst. Bisher gibt es zu Alarmismus wenig Anlass. Aber das sagt nichts über die Zukunft.

Verteilungsalarm in Deutschland: Die Thesen des französischen Ökonomen Thomas Piketty, der das "Kapital im 21. Jahrhundert" (Buchtitel) neuvermessen hat, ziehen aufgeregt durch Talkshows und Titelgeschichten.

Beim DGB-Bundeskongress, der heute beginnt, wird Ungleichheit das große Thema sein. Dienstag veröffentlicht die OECD ihren neuen Deutschland-Bericht, in dem die gesamte Wirtschaftspolitik einem Check unterzogen wird; Sigmar Gabriel hat sich zur Vorstellungen angesagt. Topthema: "Wie kann Wachstum so gestaltet werden, dass alle daran teilhaben?"

Am kommenden Sonntag dürfte das Schweizer Mindestlohnreferendum, je nach Ausgang, auch hierzulande die Debatte noch mal anheizen, über Ausnahmen und Höhe der hiesigen Lohnuntergrenze.

Ein Eindruck entsteht: In Deutschland sei etwas ins Rutschen geraten - die Leistungsgerechtigkeit, der Anstand, die Mitte, das Fundament der bürgerlichen Gesellschaft und der Demokratie…

Die Wirklichkeit sieht anders aus, weniger dramatisch, aber umso interessanter. Ein Blick auf die Zahlen offenbart drei Trends:

  • Die Ungleichheit der Einkommensverteilung hat tatsächlich zugenommen, allerdings nur moderat.
  • Die Zahl der niedrig bezahlten Jobs ist deutlich gestiegen. Doch im Gegenzug hat die Beschäftigung zugenommen.
  • Vermögen sind stark ungleich verteilt. Das kann ein Problem sein, muss es aber nicht.

Wie in praktisch allen westlichen Ländern sind auch in Deutschland die Markteinkommen seit Anfang der 90er Jahre auseinandergegangen. Der Gini-Koeffizient, das gebräuchlichste Verteilungsmaß, ist zwischen 1991 und 2005 von 0,4 auf 0,5 gestiegen, seither aber wieder etwas gesunken.

Anders sieht die Verteilung der tatsächlich verfügbaren Haushalteinkommen aus: nämlich relativ stabil, weil Steuern, Abgaben und Sozialtransfers die markmäßige Ungleichheit teilweise einebnen. Zwischen 2000 und 2005 stieg der Gini-Koeffizient der verfügbaren Einkommen von 0,25 auf 0,29 und hat sich seither stabilisiert, wie Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigen.

Das wohlhabendste Zehntel der deutschen Haushalte konnte seine verfügbaren Einkommen zwischen 2000 und 2011 real um 13 Prozent erhöhen. Das klingt nicht dramatisch. Vergleicht man die Zahl aber mit der Entwickung anderen Bevölkerungsgruppen, fällt der Zuwachs deutlich aus: In der Mitte der deutschen Einkommensskala (dem Median) sind die Einkommen im gleichen Zeitraum nicht mal gestiegen, sondern sogar leicht gesunken. Die Bürger am unteren Ende der Verteilung mussten gar Einkommensverluste von bis zu 5 Prozent hinnehmen.

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