Müllers Memo Die Vorteile der Krim-Krise

Würgt der Konflikt mit Russland bei uns die Wirtschaft ab? Kann sich Deutschland Sanktionen überhaupt leisten? Für Panik besteht kein Anlass. Im Gegenteil: Die Konjunktur läuft immer besser - und der neue Ost-West-Konflikt hat sogar Vorteile.
Russlands Präsident Putin: International isolierter Autokrat

Russlands Präsident Putin: International isolierter Autokrat

Foto: ALEXEY DRUZHININ/ AFP

Der Westen ringt um seine Fassung. Wladimir Putin hat Fakten geschaffen. In Washington, Berlin, London und Brüssel müht man sich nun um Eindämmung, wie einst im Kalten Krieg. Eine Kaskade von Sanktionen soll nach und nach den Druck erhöhen. In Deutschland ist das äußerst unpopulär, die Wirtschaft fürchtet hohe Kosten. Dabei dürfte die Bundesrepublik sogar drastische Handelssanktionen relativ unbeeindruckt wegstecken.

Die Voraussetzungen jedenfalls sind solide: Die Konjunktur läuft immer besser. Am vorigen Donnerstag haben die Wirtschaftsweisen ihre Prognose für 2014 nach oben korrigiert. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg erwartet neue Beschäftigungsrekorde. Und der manager-magazin-Konjunktur-Indikator springt nach oben: 3,3 Prozent BIP-Zuwachs prophezeit das Barometer aktuell, nach 2,8 Prozent im Februar.

Die Gründe? "Das Geschäftsklima hat sich weiter verbessert", sagt Carsten-Patrick Meier von Kiel Economics, der den Indikator berechnet. Die Lage schätzen die Unternehmen so gut ein wie lange nicht. Deshalb werde das erste Quartal des laufenden Jahres "deutlich stärker als bisher erwartet".

Hektische Woche der Krisendiplomatie

Ein guter Start ins Jahr. Sicher, angesichts der Krim-Krise kann sich die Stimmung eintrüben. Aber von einem komfortabel hohen Niveau aus.

Eine hektische Woche der Krisendiplomatie steht bevor. US-Präsident Barack Obama reist durch Europa. Auch Chinas Staatschef Xi Jingping ist auf Euro-Tour. Montag trifft sich Obama mit Angela Merkel und den übrigen Staats- und Regierungschefs der G7-Staaten in Den Haag. Mittwoch nimmt er in Brüssel am EU-USA-Gipfel teil. Donnerstag schließlich sitzt er mit den beiden römischen Regierungschefs (Matteo Renzi, Papst Franzikus) zusammen. Im Mittelpunkt der Gespräche: Sanktionen gegen Russland. Und das Transatlantische Freihandelsabkommen.

Deutschland, der größten Volkswirtschaft Europas und der drittgrößten Handelsnation der Welt, kommt bei beiden Themen eine prominente Rolle zu.

Neue Phase der Harmonie könnte anbrechen

Der Export nach Russland summiert sich zu 38 Milliarden Euro. Deutsche Unternehmen haben dort Bundesbank-Statistiken zufolge rund 20 Milliarden Euro investiert. Große Zahlen, aber sie täuschen: Russland trägt lediglich 3,8 Prozent zur deutschen Gesamtausfuhr bei, der Anteil bei den Auslandsinvestitionen liegt bei gerade mal 1,8 Prozent.

Wichtiger noch: Die deutsche Konjunktur ist längst nicht mehr so exportabhängig wie in der Vergangenheit. Die Binnenwirtschaft - Unternehmensinvestitionen, Bau und Konsum (neue Zahlen am Mittwoch) - treibt das Wachstum, und zwar offenbar noch stärker, als es die offiziellen Zahlen ausweisen.

Bleiben die russischen Öl- und Gaslieferungen, aber auch die machen jeweils lediglich rund ein Drittel der deutschen Importe aus. Selbst im Extremszenario eines Komplettembargos - was es selbst zu Sowjetzeiten nie gab -, dürften die Auswirkungen aus deutscher Sicht begrenzt bleiben. Gas und Öl gibt es reichlich, amerikanisches Fracking und der milde europäische Winter haben die Märkte entspannt. Deutschland ist nicht mehr auf Gedeih und Verderb auf Gazprom- und Rosneft-Produkte angewiesen. Dass die deutsche Wirtschaft hohe Energiepreise gut wegstecken kann, hat sie 2007 und 2008 bewiesen.

Es stimmt schon: Putins Reich ist ein wichtiger Handelspartner Deutschlands, aber kein überragend großer.

Der deutsche Aufschwung bleibt intakt

Auch das gehört zum Gesamtbild: Russland ist international isoliert. Andere Wirtschaftsgroßmächte halten sich aus dem Konflikt heraus. Chinas Führung beispielsweise mag die westliche Einmischung in der Ukraine aus prinzipiellen Gründen ablehnen. Aber in Peking hat man andere Sorgen: Das Wachstum schwächt sich ab, die Führung ist um Stabilität im eigenen Land bemüht, um das Fundament der eigenen Macht nicht zu gefährden.

Einen Handelskrieg an der Seite des lupenreinen Autokraten im Kreml wird Xi Jingping (der übrigens Freitag zur Visite in Berlin ist) nicht riskieren. Es wäre überraschend, wenn die Krim-Krise sich zu einer Schwellenländer-Krise an den Kapitalmärkten ausweiten würde.

Denkbar, dass der neue Ost-West-Konflikt sogar einige positive Entwicklungen befördert: So könnte eine neue Phase der Harmonie anbrechen innerhalb des westlichen Lagers, das zuletzt reichlich zerstrittenen war. Womöglich lassen sich im Angesicht eines gemeinsamen Kontrahenten leichter Kompromisse schließen - weil Obama, Merkel, Cameron, Hollande und all die anderen Einigkeit demonstrieren wollen. So könnte das Transatlantische Freihandelsabkommen nun leichter realisierbar sein, ebenso die weitere Vertiefung der EU. Beides würde Deutschland ökonomisch enorm nutzen.

Das deutsche Aufschwungszenario bleibt vorerst intakt - und ziemlich unbeeindruckt von ost-westlichem Säbelrasseln.

Die Wirtschaftstermine der Woche

Montag

Den Haag - Spontan-Meeting - Treffen der G7-Staats- und Regierungschefs am Rande des internationalen Atomsicherheitsgipfels.

München - Verkehrskontrolle - Autoverleiher Sixt  präsentiert seine 2013er-Zahlen.

Dienstag

Den Haag - Resultate oder Reden? - Abschluss des internationalen Atom-Gipfels.

München - Tempomessung - Neue Zahlen vom Ifo-Geschäftsklimaindex für März.

Mittwoch

Brüssel - Neue Harmonie? - Obama, Merkel, Cameron, Hollande & Co. treffen sich zum EU-USA-Gipfel.

Berlin - Superstar gesucht - RTL-Eigner Bertelsmann präsentiert seine Bilanz.

Nürnberg - Stimmungstest - Deutscher GfK-Konsumklimaindex für April.

Donnerstag

Rom - Einkehr - Obama spricht mit Franziskus und Renzi, in dieser Reihenfolge.

Berlin - Volle Kelle? - Dritte Runde der Tarifverhandlungen im Bauhauptgewerbe.

Berlin - Vertrauliche Pläne - Air Berlin  hat seine Bilanzvorstellung eine Woche verschoben. Nun wird soll sie nachgeholt werden.

Frankfurt - "Türen schließen selbsttätig" - Bahn-Chef Rüdiger Grube präsentiert die Zahlen des Vorjahrs.

Freitag

Berlin - Großmachtpolitik - Chinas Staatschef Xi Jingping besucht Deutschland.

Wiesbaden - Inflationscheck - Das statistische Bundesamt veröffentlicht den vorläufigen Verbraucherpreisindex für März.

Fotostrecke

Sanktionen gegen Russen und Ukrainer: Die bestraften Milliardäre und Politiker

Foto: Zurab Kurtsikidze/ dpa
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