Müllers Memo Starker Dollar bedroht die Weltwirtschaft

Die zunehmende Kraft des Dollars ist riskant für den Rest der Welt. Wenn der Kurs weiter steigt, drohen Währungsturbulenzen, Pleitewellen, Staatsbankrotte. Auch Deutschland bekommt massive Probleme.
Dollar-Druckerei: Die Fed dreht den Geldhahn wieder zu

Dollar-Druckerei: Die Fed dreht den Geldhahn wieder zu

Foto: Corbis

Die Wahrheit auszusprechen, kann ziemlich verletzend sein. "Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem", beschied einst John Connally, US-Finanzminister unter Richard Nixon, den Rest der westlichen Welt. Mit anderen Worten: Wir machen mit unserer Währung, was wir für richtig halten, und ihr müsst euch eben darauf einstellen.

Das Zitat ist mehr vier Jahrzehnte alt, aber es klingt ziemlich aktuell. Bis heute ist der Dollar die dominante internationale Währung. Doch die Amerikaner managen sie mit unbekümmerter Hemdsärmligkeit. In den vergangenen Jahren überflutete die US-Notenbank Fed zunächst die Welt mit billiger Liquidität. Nun ist sie dabei, den Geldhahn wieder zuzudrehen. Am Mittwoch wird der Gouverneursrat der Fed darüber beraten, wie schnell im kommenden Jahr die Zinsen steigen sollen, da doch die US-Konjunktur besser läuft als noch vor kurzem erwartet.

Die Welt harrt der Entwicklung mit Grausen. Mögliche Folgen: Währungsturbulenzen, Pleitewellen, Staatsbankrotte.

Der Dollar wird stark und stärker. Um 40 Prozent hat er gegenüber anderen wichtigen Währungen im Schnitt zulegt seit dem Tiefststand im April 2011. Zuletzt mit beschleunigtem Tempo: Seit September stieg er um 12 Prozent gegenüber dem Yen, um 5 Prozent gegen Euro, Pfund und Schweizer Franken, zeitweise um 14 Prozent im Verhältnis zum brasilianischen Real, um 20 Prozent zum russischen Rubel.

So wird es wohl weitergehen. Die Volkswirte der Dekabank sagen vorher, dass der Dollar in den kommenden beiden Jahren um weitere 20 Prozent gegenüber dem Euro gewinnen wird. Noch deutlich stärker dürfte das Plus sein im Verhältnis zu den Währungen vieler Schwellenländer.

Ein Ende der Dollar-Power ist nicht absehbar. Die US-Notenbank ist auf Straffungskurs, während andere Notenbanken wie die EZB und die Bank of Japan (deren Gouverneure am Freitag tagen) ihre Geldpolitik immer noch weiter lockern. Zudem sind die USA dabei, sich zum Exporteur vom Energie aufzuschwingen, nachdem sie jahrzehntelang Nettoimporteur waren: Der amerikanische Fracking-Boom, der Öl und Gas immer billiger macht, wirbelt die Rohstoffmärkte durcheinander.

Beginn einer dritten Dollar-Welle

Offenbar steht die Weltwirtschaft am Beginn einer dritten Dollar-Welle. Seit dem Zusammenbruch des Systems fester Wechselkurse von Bretton Woods hat es bereits zwei derartige Wellen gegeben: Zwischen 1980 und 1985 schickten die Hochzinspolitik unter Fed-Chairman Paul Volcker und die Schuldenmacherei unter US-Präsident Ronald Reagan den Dollar auf einen Höhenflug. Kein Zufall, dass sich in dieser Zeit die Schuldenkrise vieler Entwicklungsländer verschärft.

Die zweite Welle begann Mitte 90er Jahre und dauerte bis zur Jahreswende 2001/02. Es war die Zeit der New Economy und der Wunderökonomie des damaligen Fed-Chefs Alan Greenspan. In diese Phase fallen eine Reihe von Schwellenländer-Krise, beginnend in Thailand 1997.

Nun also die dritte Welt. Und auch dieses Mal werden Unfälle bei der Achterbahnfahrt des Dollar nicht ausbleiben. Unternehmen aus den Schwellenländern haben sich in der Phase der ultraniedrigen Fed-Zinsen in Dollar verschuldet. Bei einer Aufwertung des Dollars wiegt ihre Schuldenlast, gerechnet in heimischer Währung, nun umso schwerer. Dadurch könne die "Kreditwürdigkeit vieler Firmen sinken", warnte kürzlich die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, mit der Folge, dass es umso schwieriger wird, an frisches Geld für Investitionen oder Anschlussfinanzierungen zu kommen.

Rohstoffkonzerne besonders betroffen

Besonders kritisch dürfte die Lage für Rohstoffkonzerne werden, die zu den wichtigsten Unternehmen in vielen Schwellenländern gehören. Sie geraten in die Zange, weil einerseits die Finanzierungskosten durch die Dollar-Stärke steigen und andererseits die Einnahmen durch die sinkenden Rohstoffpreise wegsacken. Nicht nur im sanktionsgeschwächten Russland, wo Gazprom oder Rosneft neue Finanzierungsquellen finden müssen, auch in Brasilien oder Malaysia könnten Giganten wie Petrobras und Petronas in die Klemme geraten. Schwellenländer mit großen außenwirtschaftlichen Defiziten, die bislang vom Import billigen Kapitals profitierten, könnten nun von der Dollar-Stärke kalt erwischt werden, darunter die Türkei, Südafrika, Peru oder Kolumbien.

Für Deutschland sind das keine guten Nachrichten. Nicht nur weil der Urlaub 2015 außerhalb der Euro-Zone teurer werden dürfte, vor allem weil die deutsche Industrie inzwischen viele Kunden in den Schwellenländern hat. Wenn dort das Wirtschaftsklima eisig wird, werden deutsche Lieferanten das zu spüren bekommen.

Bei allen Problemen: Immer noch hängt die Welt am Dollar. Mehr als 40 Jahre, nachdem der Dollar seinen Status als Fixpunkt des Wechselkurssystems der Nachkriegszeit verlor, bleibt die US-Währung das weltweit verbreitetste Zahlungsmittel und die beliebteste Anlagewährung. 60 Prozent der offiziellen Währungsreserven lauten nach wie vor auf Dollar. Die meisten Notenbanken außerhalb Europas orientieren sich mehr oder weniger eng am Dollar.

Es stimmt schon: Der Rest der Welt nutzt Amerikas Währung freiwillig. Bislang ist es weder Europäern noch Chinesen gelungen, eine überzeugende Alternative zu etablieren. Insofern ist Connallys auch heute noch wahr: Der Dollar ist und bleibt unser Problem.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

MONTAG

BRÜSSEL - immer wieder Putin - Die EU-Außenminister treffen sich mit dem ukrainischen Ministerpräsidenten Jazeniuk.

DIENSTAG

STOCKHOLM - Nullzins trotz Wachstums - Die Gouverneure der Schwedischen Reichsbank beraten über den weiteren Kurs der Geldpolitik.

MITTWOCH

Washinton - Dollar-Rollercoaster - Der Offenmarktausschusses der Federal Reserve Bank (Fed) entscheidet über den weiteren Pfad der US-Geldpolitik.

DONNERSTAG

BRÜSSEL - Augen nach Osten - Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs (bis Freitag) bei zugespitzter Konfliktlage mit Russland.

München - Deutsch gut! - Zuletzt überraschend gestiegen, harren die Börsen erregt dem Ifo-Geschäftsklimaindex für Deutschland im Dezember.

KÖLN - Blame game - Fortsetzung des Strafprozesses gegen die frühere Führungsriege des Bankhauses Sal. Oppenheim

FREITAG

BRÜSSEL - Warten auf Durchbrüche - Abschlusstag des EU-Gipfels.

TOKIO - Noch mehr billiges Geld? - Zinsentscheid der Bank von Japan

FRANKFURT - Zittern und Zetern - Großer Verfallstag an der Börse (Hexensabbat).

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