Montag, 23. September 2019

Müllers Memo Die Pessimisten sind los

US-Ökonom Larry Summers: Prophezeiung ökonomischen Siechtums

2. Teil: Drei Gründe für die lange Schwächephase

Ich sehe vor allem drei Gründe für die lange Schwächephase. Alle drei sind zugegebenermaßen schwerwiegend, aber keineswegs unausweichlich schicksalhaft.

  • Grund 1: Geld. Die Notenbanken haben die Zinsen immer weiter gesenkt, die Regulierer haben den Banken erlaubt, immer neue Kredite zu vergeben. So geht das seit Jahrzehnten. Die Ära des lockeren Geldes hat aber bestenfalls in ihrer Frühphase in den Neunzigerjahren dazu geführt, dass mehr in produktive Kapazitäten investiert wurde. Längst ist das System degeneriert: zu einer kreditgetriebenen Spekulationswirtschaft, die gefährliche Blasen auf den Immobilienmärkten und an den Börsen entstehen lässt. Und sie hat hohe private und staatliche Schulden entstehen lassen, die nun den Spielraum für echte, risikoreiche Investitionen einschränken.
  • Grund 2: Demografie. Unbestreitbar dämpft die Alterung und Schrumpfung der westlichen Gesellschaft die Wirtschaftsentwicklung. Der Anteil der 15- bis 64-Jährigen an der Bevölkerung geht fast überall zurück. Noch schwieriger ist die Entwicklung in Osteuropa, zumal in Russland. Auch in Schwellenländern wie China gehen die demografisch günstigen Zeiten allmählich zu Ende.
  • Grund 3: Digitalisierung. Dieser Punkt mag zunächst überraschen, denn die Steigerung der Computerkapazitäten und die zunehmende Vernetzung sollten eigentlich die Produktivität steigern. Inzwischen aber erfasst die Digitalisierung immer mehr Wirtschaftsbereiche - von Medien über Banken bis zu Mobilitätsdienstleistungen. Fast immer löst sie einen Preisverfall aus. Häufig verwandelt sie bislang relativ kostspielige Produkte in quasi freie Güter, die umsonst und überall verfügbar sind. So kostete etwa früher ein Lexikon Hunderte Euro, heute bekommen Sie eine ähnliche Leistung umsonst im Internet. Mit dem Effekt, dass solche nun freien Güter in den volkswirtschaftlichen Rechenwerken gar nicht mehr auftauchen.

Wie gesagt, ein dauerhaftes Siechtum an der Nulllinie ist kein unausweichliches Schicksal. Denn:

Die immer noch hohen Schulden lassen sich abbauen - etwa durch stringente Insolvenzverfahren für Unternehmen, Banken und Staaten. Wenn die Verbindlichkeiten erst abgebaut sind, ließe sich ein Finanzsystem etablieren, in dem Geld tatsächlich wieder knapp gehalten wird.

Die Demografie wiederum spricht dafür, dass die Wachstumsraten insgesamt gar nicht mehr so hoch sein müssen, um spürbare Wohlstandszuwächse zu erzielen. Andererseits könnten Menschen viel länger produktiv und die Lebensarbeitszeit um viele Jahre länger sein als heute, würden die Bildungs- und Beschäftigungssysteme an die Arbeits- und Lernbedürfnisse älterer Beschäftigter angepasst.

Die Effekte der Digitalisierung legen den Schluss nahe, dass die offiziellen Wachstumszahlen den tatsächlichen Fortschritt nicht mehr richtig widerspiegeln. Womöglich ist die Situation in Wahrheit besser, als wir glauben.

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