Müllers Memo Die perverse Angst vor der Deflation

Sinkende Preise, knauserige Banken, kaum Investitionen - in der Euro-Zone schrillen wieder mal die Alarmglocken. Der Druck auf Mario Draghis EZB wächst, noch mehr Geld in die Wirtschaft zu pumpen.
Gruselklassiker "Nosferatu": Deflation als Schreckensszenario

Gruselklassiker "Nosferatu": Deflation als Schreckensszenario

Foto: picture-alliance / obs

Nein, nein, sagte der Präsident, "wir sind eindeutig nicht in einer Deflation". Mario Draghi war es wichtig klarzustellen, dass der Konjunkturerholung nicht die nächste Hürde im Weg steht. Dann machte er sich ans Definieren: Deflation, das bedeute ein "sich selbst verstärkendes Sinken der Preise" - und zwar für praktisch alle Konsumgüter und über den gesamten Euro-Raum hinweg.

Was der EZB-Chef bei seiner Rede vorigen Donnerstag in Frankfurt verschwieg: Streng genommen leben Teile des Euro-Raums längst in einem deflationären Umfeld. Das Preisniveau sinkt in Griechenland, und genau besehen geht es auch in Spanien, Portugal und Irland leicht zurück (wenn man Verbrauchssteuererhöhungen und andere Sondereffekte herausrechnet). Im Schnitt liegt die Inflationsrate nur noch bei 0,8 Prozent, deutlich unter dem Wert von knapp 2 Prozent, den die Notenbank anpeilt.

Bei ihrer Ratssitzung am Donnerstag wird sich die EZB damit befassen müssen. Soll sie jetzt reagieren? Und wenn ja, wie - die Zinsen noch weiter senken, Anleihen in großem Stil aufkaufen, den Banken Kredite abnehmen?

Auch eine milde Deflation wäre prekär

Viele Maßnahmen sind in der Diskussion. Der Druck wächst. Vor allem angelsächsische Ökonomen fordern: Action! Jetzt müsse noch mehr getan werden, um eine große Deflation zu verhindern. Draghi versprach denn auch, "wachsam" zu bleiben. Die Bank sei jederzeit "bereit zu handeln", falls sich deflationäre Tendenzen verstärken sollten.

In der Tat ist Deflation ein Schreckensszenario. Es muss gar nicht so schlimm kommen wie in den 30er-Jahren in den USA und Deutschland, als sich beide Länder nach dem Crash von 1929 in einer Abwärtsspirale wiederfanden. Schon eine vergleichsweise milde Deflation, wie sie Japan seit bald zwei Jahrzehnte erlebt, ist ein prekäres Szenario: Die Löhne sind seither nicht gestiegen, die Nachfrage lahmt, und Japans Staatsschulden belaufen sich inzwischen auf mehr als 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Doch die perverse Angst vor dem Verfall der Preise lässt sich eben auch leicht instrumentalisieren. Mit der regelmäßig wiederkehrenden Beschwörung des Großrisikos Deflation haben gerade die Wallstreet-Banken immer wieder dafür gesorgt, dass die profitablen Zeiten des leichten Geldes immer weitergingen (und sich die nächsten Blasen aufblähen konnte).

Es ist ein wiederkehrendes Muster: Die Angst vor Deflation sorgt für eine zu lockere Geldpolitik, die wiederum Aktienkurse und Immobilienpreise durch die Decke gehen lässt - eine Inflation der Vermögenswerte -, was abermals in einem Crash und neuerlichen Deflationsgefahren endet. Der monetäre Teufelskreis beginnt von Neuem.

Es lohnt sich deshalb, genauer hinzuschauen, was eigentlich derzeit im Euro-Raum los ist. Zwei Entwicklungen laufen derzeit parallel ab, die preisdämpfend aussehen.

Kurshalten ist die beste Strategie

  • Erstens passen sich die Krisenstaaten einer neuen Realität an. Das heißt: Spanien und Irland, aber auch Portugal und Griechenland senken Kosten, Löhne und Preise. Dadurch werden sie wettbewerbsfähiger. Sie exportieren wieder mehr, ihre Defizite gegenüber dem Ausland sind verschwunden. Übrigens steht Italien und Frankreich dieser harte Weg der Sanierung noch bevor. So will es die Logik der Währungsunion: Länder mit Aufholbedarf müssen einen geringeren Preisanstieg aufweisen als, sagen wir, Deutschland. Nur dann können sie wettbewerbsfähiger werden. Da aber Deutschland derzeit auch nur Inflationsraten von anderthalb Prozent verzeichnet, müssen die Raten anderswo annähernd sinken.
  • Zweitens sind die Banken im Euro-Raum endlich dabei, ihre Bilanzen aufzuräumen. Sie bauen Forderungen ab, verleihen weniger Geld. Faule Kredite werden abgeschrieben. "Bereinigungsprozesse", wie die Bundesbank formuliert, die noch lange nicht abgeschlossen sind. Das entspricht der finanzwirtschaftlichen Logik: Die Blasen der 2000er-Jahre haben hohe Schulden hinterlassen, die erstmal verschwinden müssen, bevor neue Kredite vergeben werden können. Derzeit verleihen die Banken immer weniger Geld: Das Volumen der Kredite an Unternehmen ist im Januar im Euro-Raum-weit um 2,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Noch ein Dämpfer für Nachfrage und Preisentwicklung.

Verbesserte Wettbewerbsfähigkeit, allmählicher Abbau der privaten Schulden - beide Entwicklungen sind gut. Sie zeigen, dass in Europa einiges in Bewegung ist. Und zwar zum Besseren. Zwischenzeitlich sinkende Preisniveaus in einzelnen Ländern gehören dazu. Kurshalten ist für die EZB die derzeit beste Strategie.

Die Lage bleibt wackelig

Aber auch dies ist klar: Die Krise wird erst vorbei sein, wenn die privaten und die staatlichen Schulden auf erträgliche Niveaus gefallen sind. Solange bleibt die Lage wackelig. Solange muss die EZB auf weitere plötzlich auftretende Krisen gefasst sein. Ein Zustand, der noch Jahre anhalten dürfte, weil die Euro-Regierungen viel zu lange davor zurückgeschreckt haben, den Bankensektor zu schrumpfen und die gigantischen Altschulden abzubauen.

Sicher, der Prozess würde schneller gehen, wenn die Notenbank ohne Rücksicht auf Verluste aufs Gas drückte und so richtig die Inflation zum Laufen brächte. Doch vor den damit verbundenen Risiken schreckt die Euro-Zone bislang zurück.

Im übrigen zeigt das Beispiel Japan, dass auch massives Gelddrucken wenig nützt, wenn die Schulden hoch sind. So sehr sich die Notenbank darum bemüht, eine ordentliche Inflation in Gang zu setzen, so wenig gelingt es ihr. Statt Preise und Löhne auf breiter Front zum Steigen zu bringen, fließt all das Staatsgeld anderswohin - an die Börse und den Tokioter Immobilienmarkt.

Die Wirtschaftstermin der Woche

Montag

WASHINGTON/NEW YORK/DETROIT - US-News - Neue Zahlen von der Konjunkturfront - Einkommen, Konsum, Bau, Industrieklima und Autoabsatz.

GENF - Showtime - Eröffnung des Genfer Auto-Salons. Der deutsche Branchenverband VDA berichtet über die wichtigsten Märkte.

Dienstag

BRÜSSEL - Inflationshinweis - Neue Zahlen zur Entwicklung der Erzeugerpreise in der Euro-Zone.

BERLIN - Abheben - Beginn der Internationalen Tourismusbörse, Sigmar Gabriel eröffnet.

HAMBURG - Nivea-Niveau - Beiersdorf  berichtet vom Geschäftsjahr 2013.

ESSEN - Elektro-Shocking - RWE  leidet unter der Energiewende und manch anderem und präsentiert seine 2013er-Zahlen.

FRANKFURT - Aufsteiger, Aussteiger, Absteiger - Die Deutsche Börse  prüft die Zusammensetzung der Aktienindizes.

Mittwoch

VILSHOFEN/LUDWIGSHAFEN - Satire-Gipfel - Politischer Aschermittwoch mit den Herren Seehofer, Schulz, Stegner, Hofreiter, Özdemir und den Damen Merkel, Nahles, Göring-Eckhardt, Fahimi.

BRÜSSEL - Überschuss-Alarm - Die EU-Kommission legt die Ergebnisse ihrer Analyse zu makroökonomischen Ungleichgewichten im Euro-Raum vor. Am Pranger wegen zu hoher Leistungsbilanzüberschüsse: Deutschland.

HERZOGENAURACH - Kurs auf Brasilien - Adidas  zeigt Zahlen für 2013 und wirft einen Blick aufs WM-Jahr 2014.

Donnerstag

FRANKFURT - Whatever it takes - Der Rat der Europäischen Zentralbank berät, wie ernst er die Deflationssorgen nehmen soll.

LONDON - Vor dem Bremsmanöver - Die Bank of Enland entscheidt über ihre weitere Geldpolitik.

BERLIN - Ihr Auftrag - Neue Zahlen zu den Auftragseingängen bei der Industrie.

BONN/BERLIN/HANNOVER - Abschluss und Ausblick - Deutsche Telekom , Continental  und Axel Springer  berichten übers abgelaufene Geschäftsjahr.

Freitag

DUBLIN - Krise vorbei, Schulden noch da - Angela Merkel besucht Irlands Premier Enda Kenny.

WASHINGTON - Jobs, Jobs, Jobs? - Amerikas Arbeitsmarktbericht für Februar.

ESSEN - Revierriese - Der Chemiekonzern Evonik  bittet zum Bilanzziehen.

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