Sonntag, 21. April 2019

Müllers Memo Die deutsche Illusion vom Daueraufschwung

Export-PKW in Bremerhaven: Wirtschaftsstark und wettbewerbsfähig wie kaum ein anderes Land

Die Bundesbürger wiegen sich in Sicherheit über die Kraft der deutschen Wirtschaft. Dabei sitzen sie einer gefährlichen Täuschung auf - womöglich sind die besten Zeiten längst vorüber.

In seinem neuen Buch "Wirtschaftsirrtümer - 50 Denkfehler, die uns Kopf und Kragen kosten" greift Henrik Müller populäre Fehlurteile auf. Bei manager magazin online lesen Sie in den kommenden Wochen Auszüge daraus.

Erinnern Sie sich? Es ist noch gar nicht so lange her, da fürchteten sich die Deutschen vor nichts so sehr wie vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes. Job-Angst - das war das prägende Lebensgefühl, zwei Jahrzehnte lang. Wenn Demoskopen die Bundesbürger danach fragten, was ihnen die größten Sorgen bereite, dann stand der Verlust des Arbeitsplatzes stets auf Platz eins, weit vor Inflation, Zuwanderung oder Klimawandel. Es galt die Formel: Jobverlust gleich Absturz.

In der Tat war die Ära der Dauermassenarbeitslosigkeit desaströs - ökonomisch, sozial, psychisch. Wer seine Stelle verlor, hatte schlechte Chancen, eine neue zu finden; kaum irgendwo in der reichen Welt saßen so viele Langzeitarbeitslose so lange auf den Ersatzbänken der Ökonomie wie in Deutschland.

Sie merken, ich schreibe in der Vergangenheitsform. Denn die Lage hat sich in den vergangenen Jahren drastisch verbessert. Heute sind die Deutschen das Volk Europas, das sich am wenigsten um Arbeitslosigkeit sorgt, wie die regelmäßigen Eurobarometer-Umfragen zeigen. Inzwischen ängstigen sie sich eher vor hohen Staatsschulden und Inflation - was gemessen an der aktuellen Stabilität im Land eher abstrakte Befürchtungen sind.

Gewissheit schier unkaputtbarer wirtschaftlicher Stärke

Man kann es auch so sehen: Wer sich vor derart vagen Problemen fürchtet, die - möglicherweise - in der Zukunft auftreten könnten, dessen gegenwärtiges Leben ist ziemlich gut. Das verführt zu Sorglosigkeit.

Die lange vorherrschende Absturzstimmung, die Deutschland im unaufhaltsamen Niedergang sah, ist einer neuen Gewissheit von schier unkaputtbarer wirtschaftlicher Stärke gewichen. Entsprechend verschiebt sich die politische Agenda. Nicht mehr die (falsche) Annahme der unausweichbaren Massenarbeitslosigkeit bestimmt den Kurs. Nun gibt die (ebenso falsche) Erwartung, der Weg in die Vollbeschäftigung sei sicher, die Richtung vor.

Also rücken andere Themen auf die Agenda. Die Politik ergeht sich in Aussagen, welche Jobs man nicht mehr will: keine Billigjobs, keine Zweitjobs, keine befristete Arbeit, keine Leiharbeit…

So ändert sich der Zeitgeist. So wird die Saat für die nächste Krise gelegt.

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