Montag, 23. September 2019

Müllers Memo Die Angst bedroht den Aufschwung

Champs-Élysées, Paris: Anschläge treffen Europa in einem Moment der Schwäche

2. Teil: 2001 waren die Regierungen noch handlungsfähig

2001 war das ganz anders: Die Schwellenländer standen gerade erst am Anfang eines absehbar langen Booms. Internet und Biotech wirkten noch neu - große Versprechen auf eine segens- und ertragreiche Zukunft.

Die Wirtschaftspolitiker ihrerseits waren in der Lage, ökonomische Schocks abzudämpfen. In Washington und London wurden die Staatsausgaben hemmungslos in die Höhe getrieben und dafür kräftig Schulden gemacht. Auch die Regierungen in Berlin und Paris ließen die Defizite anschwellen und scherten sich nicht um den Euro-Stabilitätspakt. Parallel dazu senkten die Notenbanken beiderseits des Atlantiks die Zinsen drastisch. Ein konzertierter Großeingriff in die Wirtschaft, der letztlich den globalen Boom Mitte der Nullerjahre befeuerte.

Heute hingegen sind die staatlichen Reaktionsmöglichkeiten dürftig. Die öffentlichen Schuldenstände in vielen reichen Ländern haben besorgniserregende Höhen erreicht, so dass kaum Spielräume für weitere defizitfinanzierte Konjunkturprogramme bleiben. Die Notenbanken haben die Zinsen gen Null gesenkt und ihrer Kreativität bei der Entwicklung neuer geldpolitischer Instrumente freien Raum gelassen. Ob weitere Maßnahmen - etwa zusätzliche Anleihekäufe durch die EZB, die ihr Präsident Mario Draghi in Aussicht gestellt hat - tatsächlich noch die Wirtschaft anzukurbeln vermögen, ist umstritten. Kurz: Den Konjunkturpolitikern geht die Munition aus.

Bislang haben die Börsen die Anschläge achselzuckend zur Kenntnis genommen. Kein Crash, nirgends. Daraus jedoch zu schließen, sie hätten keine Auswirkungen auf die reale Wirtschaft, wäre ein folgenschwerer Irrtum.


Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche:

Montag

Brüssel - Stabi-Pakt & Co. - Die Euro-Gruppe beugt sich bei einem Sondertreffen noch mal über die Haushaltspläne der Euroländer.

Hamburg - Staatsakt - Trauerfeier für Helmut Schmidt. Mit dabei: Gauck, Merkel, Kissinger…

Dienstag

Washington - Beistand - Gemeinsames Vorgehen gegen den IS: Frankreichs Präsident Hollande besucht US-Präsident Obama

Berlin - Unendliches Jobwunder? - Deutscher Arbeitgebertag in Zeiten millionenfacher Zuwanderung

Berlin - Dichter-und-Denker-Vergleich - Vorstellung des OECD-Berichts "Bildung auf einen Blick 2015"

München/Wiesbaden - Deutsche Konjunktur - Das Ifo-Institut veröffentlicht den Geschäftsklimaindex für November. Das Statistische Bundesamt legt Details zur Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts im dritten Quartal vor.

Paris - Französische Konjunktur - Neue Daten zum Geschäftsklima im November

Mittwoch

Frankfurt - Deutschland im Crashtest - Die Bundesbank stellt ihren Bericht zur Finanzstabilität vor.

Donnerstag

Moskau - Neue Nähe - Nach den Terroranschlägen von Paris besucht Frankreichs Präsident Hollande den russischen Präsidenten Putin.

Frankfurt - Sachdienlicher Hinweis - Die EZB veröffentlicht Daten zur Entwicklung der Geldmenge M3 in der Eurozone im Oktober. Börsenstrategen werden daraus Rückschlüsse auf die nächsten geldpolitischen Entscheidungen übernächste Woche ziehen.

Freitag

Brüssel - Abstimmung - Die EU-Außenminister tagen. Drängende Themen gibt es reichlich: Terror, Flüchtlinge, Assad, Putin, Erdogan…

Brüssel - Euro-Stimmung - Neue Daten zu Wirtschaftsvertrauen, Geschäftsklima, Verbrauchervertrauen in der Eurozone.

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