Mittwoch, 1. April 2020

Müllers Memo Deutschland läuft heiß

Bauarbeiter in Frankfurt: Zeichen einer Überhitzung?

Die deutsche Konjunktur nimmt Tempo auf, Jobs gibt's in Hülle und Fülle. Alles gut, also? Nein, denn auch die Risiken für die Wirtschaft steigen.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.
Alles gut! Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit geht weiter zurück, die Löhne steigen, die Staatsschulden sinken. 2016 wird, zumindest für die deutsche Wirtschaft, ein gutes Jahr. Eine Prognose nach der anderen dürfte Deutschland in dieser Woche ein höchst befriedigendes Zeugnis ausstellen (Montag ist die Commerzbank an der Reihe, Mittwoch das Ifo-Institut, Dienstag gibt's neue Daten zur Entwicklung der Eurozone). Sogar den Zuzug von weiteren anderthalb bis zwei Millionen Menschen wird die Volkswirtschaft ohne Blessuren wegstecken, schätzt die Bundesbank.

Alles gut? Zu übertriebener Selbstzufriedenheit besteht kein Anlass. Die traditionellen Treiber der deutschen Wirtschaft verlieren ihre Kraft: Die ausfuhrstarke Industrie trägt derzeit kaum noch zur Dynamik bei. Wichtige Auslandsmärkte, von der Eurozone bis China, stecken in ausgeprägten Schwächephasen. Zuletzt ist der Welthandel sogar geschrumpft. Keine gute Ausgangslage für die Industrie. Die trüben Aussichten auf den Weltmärkten drücken auf die Stimmung: Umfragen des Ifo-Instituts zeigen, dass die Industrieunternehmen nicht gerade in Partylaune sind.

Das deutsche Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr wie früher. Wenn die Globalisierung auf dem Rückschritt ist, wenn Schwellenländer nicht mehr so schnell wachsen, wenn sich die Terrorangst in Managerköpfen festsetzt, dann ist die offene bundesrepublikanische Volkswirtschaft davon stärker betroffen als andere führende Wirtschaftsnationen.

Die größten Risiken für die Konjunktur liegen in der globalen Großwetterlage. Gängige Prognosen gehen davon aus, dass sich der Welthandel erholt, dass die Schwellenländer sich rasch wieder stabilisieren und dass die Eurozone sich irgendwie weiter durchwurschelt. Aber all das ist keineswegs sicher (achten Sie auf die neuen Exportzahlen am Mittwoch).

Verdeckte Gefahren

Verdeckt werden die Gefahren durch die freigiebige Wirtschaftspolitik. Das billige Geld der Europäischen Zentralbank kommt gerade Deutschland zugute: Die niedrigsten Zinsen seit Generationen und der schwache Euro sorgen für günstige Bedingungen. Auch die Regierung gibt wieder mehr Geld aus: Ausgabenprogramme zur Bewältigung der Flüchtlingskrise stützen die Konjunktur; um 0,5 Prozent soll allein aus diesem Grund das Bruttoinlandsprodukt im kommenden Jahr steigen.

Insgesamt soll das BIP, falls nichts schiefgeht, 2016 und 2017 sogar jeweils um knapp zwei Prozent zulegen. Das klingt gut. Aber hinter dieser Zahl verbirgt sich eine gravierende Verschiebung im deutschen Wirtschaftsgefüge: Statt hochproduktiver Industriebranchen treiben nun binnenwirtschaftliche Branchen das Wachstum.

Wegen der Schwäche auf dem Weltmarkt haben die verarbeitenden Unternehmen im vergangenen halben Jahr ihre Investitionen zurückgefahren. So dürfte es weitergehen, falls eine globale Erholung ausbleibt. Währenddessen erlebt Deutschland eine binnenwirtschaftliche Blüte. Wegen der guten Beschäftigungslage steigen die Löhne. Niedrige Zinsen befördern den Wohnungsbau. Für den Moment ist das kein Problem, wohl aber, falls sich dieser Trend verfestigt.

Erinnerungen werden wach an die Boomjahre der Euro-Südstaaten. Auch dort sorgte in der ersten Hälfte des vorigen Jahrzehnts ein Mix aus niedrigen Zinsen und guter Beschäftigungslage dafür, dass Bau und Konsum florierten. Der Preis allerdings war immens: Hochproduktive Wirtschaftsbereiche wurden teilweise verdrängt; die steigende Verschuldung im privaten Sektor führte in die Finanzkrise.

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