Donnerstag, 18. Juli 2019

Deflationsgefahr Gut gefrühstückt, Signor Draghi?

EZB-Präsident Mario Draghi: Bloß nicht schon wieder zu vorsichtig sein

Akteure am Finanzmarkt erhoffen eine weitere radikale Aktion gegen die drohende Deflation. Dabei ist die Deflationsgefahr gar nicht so hoch - doch EZB-Chef Draghi hat sich selbst unter Zugzwang gesetzt.

Hamburg - Jetzt endlich, Quantitative Easing auch in Europa. So lautet der Tenor der Finanzbranche. Nach Mario Draghis Rede auf der Notenbankertagung von Jackson Hole Mitte August, wo der Präsident der Europäischen Zentralbank eindringlich vor einer drohenden Deflationsspirale aus fallenden Preisen, sinkenden Investitionen und steigender Arbeitslosigkeit warnte, scheint das Signal klar: Die EZB wird nun auch wie die Kollegen in angelsächsischen Ländern das Mittel der "quantitativen Lockerung" wählen, also einer Ausweitung der Geldmenge beispielsweise mit gezielten Anleihenkäufen.

"Marktökonomen sind sich nahezu einig, dass es nötig ist", schreibt Dario Perkins von Lombard Street Research in seinem Morgenkommentar. Unterschiedliche Auffassungen hätten sie nur in der Frage, ob Draghi auf ernsten Widerstand seiner Kollegen stoße. Immerhin wäre QE für die deutsche Bundesregierung leichter verdaulich als die von Draghi ebenfalls geforderten schuldenfinanzierten staatlichen Konjunkturhilfen, meint die Citigroup.

Mit einer überraschenden weiteren Zinssenkung auf das Rekordtief von 0,05 Prozent leistete die EZB am Donnerstag den hohen Erwartungen schon einmal Tribut. Doch die Erwartungen am Markt gehen noch weiter - in Richtung Kaufprogramm.

"Wenn nicht auf dieser Ratssitzung, dann wird definitiv die nächste Signale für QE bringen", kommentiert die Nordea-Analystin Aurelija Augulyte in ihrem Blog. Sie selbst weicht aber vom Konsens ab, indem sie auf die aktuellen Marktdaten zu den Inflationserwartungen hinweist.

Gerade die von Draghi in Jackson Hole zitierten Indikatoren hätten sich seit der Rede wieder leicht verbessert. "Sein Frühstück scheint Draghi gut bekommen zu sein", schließt sie daraus - kein akuter Handlungsdruck. Den ganzen Ärger könnte der EZB-Präsident zumindest noch ein paar Monate hinausschieben.

Wirtschaftsweiser Wieland wiegelt ab: keine akute Deflationsgefahr

So ähnlich sieht das auch der deutsche Wirtschaftsweise Volker Wieland. Gemeinsam mit dem Kieler Kollegen Maik Wolters hat der Direktor des Frankfurter Institute for Monetary and Financial Stability rechtzeitig zur EZB-Sitzung ein Diskussionspapier (PDF) vorgelegt, demzufolge "das Risiko einer sich selbst verstärkenden Deflation sehr klein bleibt".

Die EZB solle erstmal abwarten, ob die im Juni beschlossenen Langfristkredite an die Banken die erhoffte Wirkung bringen, empfehlen die Autoren. Denn die Offenmarktgeschäfte mit günstigen Konditionen und bis zu vierjähriger Laufzeit würden im September überhaupt erst begonnen.

Doch die Zentralbanker könnten sich auch noch von anderen Motiven leiten lassen. Die Ökonomen von BCA Research zeigen die EZB zusammen mit den Kollegen aus Australien, Norwegen und Schweden in einem Chart mit dem Titel "Oops, We Raised Rates Too Soon" - als Teil eines Clubs der Übervorsichtigen, die aus Angst vor Inflation zu früh die Zinsen anhoben und das bald wieder zurücknehmen mussten.

Aus purer Vernarrtheit in harte Geldpolitik Schaden für die Wirtschaft in Kauf nehmen - einen solchen Makel mögen verantwortungsbewusste Zentralbanker nicht lange auf sich sitzen lassen. Durchaus möglich, dass es eine Rolle spielt, wie Draghi und Kollegen das Frühstück an diesem Donnerstag geschmeckt hat.

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