Donnerstag, 22. August 2019

Produktion der Industrie geht zurück Deutschland vor der Rezession

Abwärtsspirale: Deutschland ist stark vom Export abhängig. Der Handelskrieg, die schwache globale Nachfrage sowie die Risiken rund um den Brexit setzen der deutschen Volkswirtschaft stark zu
Hannibal Hanschke/ REUTERS
Abwärtsspirale: Deutschland ist stark vom Export abhängig. Der Handelskrieg, die schwache globale Nachfrage sowie die Risiken rund um den Brexit setzen der deutschen Volkswirtschaft stark zu

Die Industrie-Produktion in Deutschland ist unerwartet stark geschrumpft und macht damit eine Rezession wahrscheinlicher. Industrie, Bau und Energieversorger stellten im Juni zusammen 1,5 Prozent weniger her als im Vormonat, teilte das Wirtschaftsministerium am Mittwoch mit. Ökonomen hatten nur mit einem Rückgang um 0,4 Prozent gerechnet. Im Jahresvergleich gab die Industrieproduktion sogar um 5 Prozent nach.

Im gesamten zweiten Quartal nahm die Produktion damit um 1,8 Prozent ab. "Die Industrie bleibt konjunkturell im Abschwung", kommentierte das Ministerium. Die zunehmenden Handelsspannungen zwischen den weltgrößten Volkswirtschaft USA und China machen eine rasche Trendwende wenig wahrscheinlich.

Für die Volkswirte der ING-Bank sind die Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums "niederschmetternde Nachrichten". Die Zahlen seien "erschütternd, ohne Silberstreif am Horizont", schreiben die Analysten in einer Einschätzung. Das heißt, es gebe derzeit kaum Hoffnung auf Besserung: "Wir sollten uns auf eine Rezession in Deutschland vorbereiten."

Nicht nur Autoindustrie leidet

"Immer mehr Firmen vermelden, dass sie ihre Produktion im kommenden Vierteljahr drosseln wollen", sagte ifo-Konjunkturexperte Robert Lehmann. Die pessimistischen Stimmen überstiegen die optimistischen inzwischen deutlich. "Derzeit ist ein Ende der Rezession in der deutschen Industrie nicht absehbar."

Der Autozulieferer und Reifenhersteller Continental kündigte am Mittwoch an, nach dem jüngsten Gewinneinbruch Stellen zu streichen. Am Vortag hatte bereits Bosch mitgeteilte, dass die schwächere Nachfrage vor allem nach Dieselmotoren Stellen kosten werde.

Bislang wurde die Konjunktur in Deutschland vom Bauboom und der Konsumfreude der Verbraucher am Laufen gehalten. Zuletzt hatte sich die Konsumlust der Menschen allerdings etwas eingetrübt. Die Bundesbürger werden beim Geldausgeben zunehmend vorsichtiger.

BIP dürfte im zweiten Quartal gesunken sein - und könnte im dritten weiter sinken

Angesichts der andauernden Schwäche der deutschen Industrie gehen Volkswirte davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal im Vergleich zum Jahresanfang nicht mehr gewachsen, möglicherweise sogar leicht geschrumpft ist. Eine erste Schätzung dazu veröffentlicht das Statistische Bundesamt an diesem Mittwoch (14. August). Im ersten Quartal war Europas größte Volkswirtschaft noch um 0,4 Prozent gewachsen

Die meisten Ökonomen gehen nun davon aus, dass Europas größte Volkswirtschaft im Frühjahr geschrumpft ist. "Ein rückläufiges Bruttoinlandsprodukt dürfte damit im zweiten Quartal kaum vermeidbar sein", sagte der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. DekaBank-Ökonom Andreas Scheuerle spricht sogar von einem "Auftakt zu einer technischen Rezession", da im laufenden dritten Quartal auch ein Minus herauskommen dürfte.

"Auftakt zur Rezession" - Europas größte Volkswirtschaft im Stress

Bei zwei negativen Quartalen in Folge wird von einer "technischen Rezession" gesprochen. Zu Jahresbeginn hatte es noch zu einem Wachstum von 0,4 Prozent gegeben. Eine erste Schätzung für das zurückliegende Quartal veröffentlicht das Statistische Bundesamt am Mittwoch. Derzeit rechnen Experten mit einem Minus von 0,2 Prozent.

Den Grund für die maue Konjunktur sehen sie in der starken Exportabhängigkeit Deutschlands, die angesichts der schwächeren Weltkonjunktur, Handelsstreitigkeiten und Risiken wie dem Brexit zum Bumerang wird. So kauften die USA und China 2018 zusammen Waren "Made in Germany" im Wert von 206 Milliarden Euro.

Exportautos im Hafen von Emden: Hoher Industrieanteil, hohe Exportquote und hohe Ausfuhr nach Asien - in allen drei Kategorien wird Deutschlands Wirtschaft derzeit belastet

Deutsche Wirtschaft ist Wette auf globale Konjunkturstärke

"Derzeit gibt es für Volkswirtschaften drei Misserfolgsfaktoren: Ein hoher Industrieanteil, eine hohe Exportquote und eine hoher Anteil an Ausfuhren in die Region Asien", sagte DekaBank-Ökonom Scheuerle. "In allen drei Kategorien punktet Deutschland negativ. Die globalen Verwerfungen und politischen Unwägbarkeiten belasten die deutschen Unternehmen und ihre Kunden im In- und Ausland."

Eine rasche Besserung ist nicht in Sicht, auch wenn die Industrieaufträge im Juni mit 2,5 Prozent so stark anzogen wie seit fast zwei Jahren nicht mehr - was aber nur den ungewöhnlich vielen Großbestellungen zu verdanken ist. "Die Aussichten für die deutsche Industrie sind derzeit alles andere als rosig", sagte der Konjunkturexperte des Ifo-Instituts, Robert Lehmann.

Dax im Dauerstress: Warum die deutsche Wirtschaft so anfällig ist

"Immer mehr Firmen vermelden, dass sie ihre Produktion im kommenden Vierteljahr drosseln wollen." Der aktuellen Ifo-Umfrage zufolge schätzen sie die Produktionserwartungen so schlecht ein wie seit November 2012 nicht mehr. "Dahinter stecken die Handelskonflikte und das noch immer nur mit angezogener Handbremse wachsende China", sagte VP-Chefvolkswirt Gitzel. "Der ungelöste Brexit-Prozess belastet Deutschland noch zusätzlich."

rei/la/reuters/dpa

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